Löwen-Irrtum: „Eigentlich ist es der TSV 1848“

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„Übung stählt die Kraft. Kraft als was Leben schafft“: Dieses an Turnvater Jahn orientierte Motto ziert die erste Fahne des TSV 1860, die im Rücken der Urväter an der Wand hängt. 30 Männer unterzeichneten am 17.5.1860 die Gründungsurkunde, sechs bildeten offenkundig den Vorsitz. Von links nach rechts: Prof. Johann Lautenhammer, Ferdinand Harasser (Goldschmied), Franz Schlegel (Buchbinder), Lorenz Fendl (Lithograph), Franz Schmidt (Spielkarten-Fabrikant), Josef Rebhan (Buchhalter).

München - Wie würdigt man eine Institution, die 150 Jahre alt wird? Das schönste Geschenk für den TSV München von 1860 wäre natürlich der Aufstieg. Weil wir darauf aber keinen Einfluss haben, starten wir eine Zeitreise durch die Historie des Vereins.

Der Münchner Merkur stöbert in einer neuen Serie nach Erinnerungsschätzen und Dokumenten, sucht altehrwürdige Plätze auf und trifft besondere Persönlichkeiten. Zum Auftakt unserer Serie, die ab heute in loser Abfolge erscheint: ein Gespräch mit Oliver Buch (42), dem Archivar und Langzeitgedächtnis der Löwen.

Herr Buch, was können Sie uns zur Geburtsstunde des TSV 1860 sagen?

Wie nicht anders zu erwarten war, haben wir es mit einer schweren Geburt zu tun. Genau genommen sogar mit einer Frühgeburt – und zwar um zwölf Jahre zu früh.

Nackte Tatsachen im Fußballstadion

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Moment mal. Wir sprechen doch über den TSV München von 1860 . . .

Eigentlich über den TSV 1848. Im Jahr 1848, zur Zeit des Umbruchs in Deutschland und der Auflösung des Staatenbundes, wurden zahlreiche neu gegründete Turnvereine wieder verboten. Einige Vereine wie der SSV Ulm oder der VfL Bochum haben ihr altes Gründungsdatum, also 1846 bzw. 1848, behalten. Der TSV, als Münchner Turnverein gegründet, wurde vom Magistrat der Stadt ebenfalls verboten und erst 1860 offiziell neu gegründet.

Heißt das: Wenn der Verein die Jahreszahl 1860 nicht im Namen tragen würde, würde man bereits das 162-jährige Bestehen feiern?
Oliver Buch, der Archivar des Vereins trägt historische Fakten über den TSV 1860 München zusammen.

Dann könnten wir jetzt das 162-jährige Jubiläum feiern. Viele Vereine machen das ja so. Der 1. FC Köln wurde zum Beispiel erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Er ist aus den Vereinen Sülzer Spielverein 07 und KBC Köln hervorgegangen und macht sich so bewusst älter. Einige Vereine haben es anscheinend nötig, sich auf diese Weise Tradition zu erschleichen. Hier bei 1860 sagt man sich: Erstens heißt der Verein so. Und zweitens ist aus 150 Jahren genug Tradition da.

Wie muss man sich das sportliche Treiben in den Jahren vor der offiziellen Gründung vorstellen?

Das war ein Zusammenschluss von Studenten und Leuten der oberen Mittelschicht zu einem Körperertüchtigungs-Verein, motiviert durch die aufstrebende Turnvater-Jahn-Bewegung. Diese Treiben war der Obrigkeit allerdings ein Dorn im Auge und wurde verboten.

Tour durch das Grünwalder Stadion

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Vermutlich wurde zu sehr dem weltlichen Leben gefrönt.

Man befürchtete offenbar eine Verrohung der allgemeinen Sitten. Es war ja doch eine monarchistisch geprägte Zeit, in der die Menschen sich aus dem Klammergriff der Könige und Herzoge befreien wollten. Das war gerade in Bayern nicht gewollt. Mit Rücksicht auf die Polizeigewalt hieß es daher auch bei der Neugründung: „Verein zur körperlichen Ausbildung“. Da wurde ein militärischer Nutzen suggeriert. In München wurde das Ganze erst im Jahr 1860 wieder gelockert. Da gab es einen Erlass vom Magistrat und der Polizei. Ab da durfte man wieder in größeren Gruppen zusammenkommen und die körperliche Ertüchtigung pflegen.

Gibt es Dokumente, aus denen der genaue Tag der Neugründung hervorgeht?

Offiziell: am 17. Mai 1860, so steht es in den Urkunden.

Weiß man auch wo?

In alten Chroniken taucht ein Schwaigersches Volkstheater auf, aber schon Jahre vorher wurde in der dazugehörigen Wirtschaft namens „Drei Linden“ heimlich geturnt – auf der Wiese nebenan und im Saale der Mannhardtschen Gewehrfabrik. Das alles war in der Müllerstraße 43.

Wurde damals ausschließlich geturnt?

Hauptsächlich. In den ersten fünf Jahren kamen allerdings einige Abteilungen hinzu. Bald wurde zum Beispiel eine Sängerriege gegründet. Singen war ja damals, auch militärisch bedingt, sehr beliebt. Geschwommen wurde auch, aber da gab es lange keine eigene Abteilung. Die Turner waren sehr lange die Überväter bei Sechzig. Es gab sogar eine Tambourin-Riege. Ballspiele kamen erst um 1880, 1890 hinzu. Schlagball war damals sehr populär.

Was weiß man denn über die Gründungsväter?
Die Gründer-Urkunde

Sie haben ja bereits angedeutet, dass eher honorige Leute beteiligt waren – obwohl 1860 ja das Image des Arbeitervereins pflegt. Die ganze Vereinsgeschichte ist ein einziger Widerspruch. Wenn man 1860 als Arbeiterverein betitelt, sollte man ja davon ausgehen, dass die politische Gesinnung eher links gerichtet war. Die Geschichte zeigt aber, dass der Verein in den 20er-, 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit Pauken, Trompeten und wehenden Fahnen zum Nationalsozialismus übergelaufen ist. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Gründungsväter von 1860 wohl eher honorige Männer waren. Da war ein Professor Lautenhammer dabei, ein Goldschmied namens Harasser, der Buchbinder Schlegel, der Spielkarten-Fabrikant Schmidt, ein Lithograph namens Fendl und ein Anwaltsbuchhalter Rebhan.

Die Fußballer kamen ja erst 1899 dazu. Wurden sie gleich akzeptiert von den Platzhirschen aus der Turnabteilung?

Das Gegenteil war der Fall. Die Turner hatten eine große Aversion gegen diese Fußball-Lümmelei, wie der Sport in Hetzschriften genannt wurde. Fußball galt als Proletensport. Die Karikaturen in den Zeitungen haben Fußballer gezeigt mit extrem dicken Oberschenkeln und sehr kleinen Köpfen. Die edlen Menschen waren damals die Turner. Menschen mit dicken Beine und kleinen Köpfen – bei den edlen Turnern war die „Fußball-Lümmelei“ lange verpönt

Es gab also damals schon Grabenkämpfe im Verein.

Oh ja. Die Fußballer haben von 1899 bis 1902 eher ein Schattendasein geführt, dann gab es die ersten Spiele – und in den 20er-Jahren kam es zu den so genannten „reinlichen Trennungen“. Da wurde von der obersten politischen Behörde vorgeschrieben, dass Turnvereine und Fußballvereine getrennt sein mussten. Es gab in der Folge einen TV München und auch eine FA 1860 München. Das war ein eigenständiger Fußballverein, der auch so am Spielbetrieb teilgenommen hat.

Seit wann gibt es dann den TSV 1860 München?

Der ist in dieser Form erst viel später entstanden. Es gab im Laufe der Jahre einen TuSpV, einen TV, eine FA – verschiedenste Namen, die alle unseren Verein bezeichnen. Erst in den 30er-Jahren ist es dann eins geworden. Wobei es einen weiteren Widerspruch gibt: Im Pokalendspiel von 1942 wird der Verein als SV 1860 angekündigt.

Welchen Hintergrund haben die Vereinsfarben Grün-Gold?

Schwer zu sagen. Grün wurde von Anfang an als Farbe verwendet – selbst im ganz alten Wappen mit den vier „F“, die für „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ standen, das alte Motto von Turnvater Jahn. Die Ränder von Abzeichen und Orden waren damals immer gold, so ist das wohl entstanden. Auch die Fußballer waren nicht immer weiß-blau, am Anfang haben die sogar ganz in Weiß gespielt.

Wann kam schließlich der Löwe als Wappentier ins Spiel?

Der kam 1911. Damals hat man ein Wappen für die Fußballer gesucht, um dieses TV mit dem Ballwappen wegzubringen, und dann hat man eben diesen doppelschwänzigen Löwen gewählt, um eben nicht mit Löwenbräu verwechselt zu werden.

Das Interview führte Uli Kellner

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