TSV 1860: Viele kleine hinter der großen Geschichte

„Hurra, wir leben noch!“ -
Aber: Nach dem Pokal ist vor der Liga

Gemeinsam mit den zurückgekehrten Ultras bejubelten die 1860-Profis den sensationellen Pokalcoup gegen Zweitligist Schalke 04.
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Feier-Abend: Vor der Westkurve bejubelten die 1860-Profis den Pokalcoup gegen Schalke 04.
  • Uli Kellner
    VonUli Kellner
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Die Pokal-Helden lecken ihre Wunden: Steinhart fällt für Samstag aus, hinter Deichmann steht ein Fragezeichen. Dabei ist Freiburg II jetzt das Spiel der Spiele.

Der Matchwinner schlüpfte nahtlos in die Rolle der Spaßbremse. Noch ehe ein Mitspieler auf die nahe liegende Idee kommen konnte, die „magische Giesinger Nacht“ (Michael Köllner) zum Tag zu machen, schob der Siegtorschütze gegen Schalke einen Feier-Riegel vor. Nicht mit Stefan Lex, der ja als Urbayer nicht generell abgeneigt ist gegenüber weltlichen Genüssen.

„Ich hab ihnen gesagt: Am Samstag können sie wegen mir was trinken, aber heute nicht“, brummte der Vizekapitän. Mit Blick auf die verletzt ausgewechselten Außenverteidiger Phillipp Steinhart (Faserriss – zwei Wochen Pause) und Yannick Deichmann (Muskelverhärtung) fügte Lex hinzu: „Wir haben heute schon zwei Ausfälle gehabt. Von daher können wir es uns nicht leisten, in den Regeneration nachlässig zu werden. Sonst haut’s uns gleich den Nächsten raus.“

TSV 1860 München: Wiedergeburt von Stefan Lex als Torjäger

Mit anderen Worten: Nach dem Pokal ist vor der 3. Liga – und bei einem weiteren 1:1 am Samstag gegen Freiburg II wäre die Euphorie nach dem Einzug ins Cup-Achtelfinale schnell verflogen. Wäre schade, denn nicht nur Lex, der im Ligabetrieb noch torlos ist, hatte am Dienstag sein persönliches Aha-Erlebnis.

Er sagte: „Wenn wir so intensiv und mutig auftreten wie heute, dann werden wir zwangsläufig auch wieder punkten.“ Die Wiedergeburt von Lex als Torjäger ist aber nur eine von vielen kleinen Geschichten hinter der großen Geschichte, die vielen Löwen vielleicht erst am Sonntagabend bewusst wird – wenn nicht nur die „Hautevolee“ um Titelverteidiger Borussia Dortmund, sondern auch eine Kugel mit dem Löwen-Wappen in der Auslosungsurne liegt (18.30 Uhr, ARD-Sportschau)*.

Wenn wir so intensiv und mutig auftreten wie heute, dann werden wir zwangsläufig auch wieder punkten.

Schalke-Matchwinner Stefan Lex.

Es tat schon beim Zuschauen weh, wie sich Merveille Biankadi in der Schlussphase über den Platz schleppte, ausgepowert und nicht mehr in der Lage, einen letzten entlastenden Konter zu fahren. Sascha Mölders, 36, hingegen, der zehn Jahre Ältere: zog in der 89. Minute einen Sprint an, als wäre er der 18-jährige Bub aus Essen, der gerade für den Bezirksligisten DJK Wacker Bergeborbeck seine ersten Meriten sammelt. Dass ihn seine legendäre Wampe nicht daran hindert, wesentliche Beiträge für das Angriffsspiel der Löwen zu leisten, war am Samstag in Saarbrücken zu bestaunen, als Mölders den Ball für Biankadi mit der Brust auflegte. Und dass der Kapitän auch mit 36einhalb noch nicht zum alten Eisen gehört, bewies er am Dienstag mit einem leidenschaftlichen Vortrag inklusive weiterer Torvorbereitung (für Lex).

Warum Mölders das „Unwort“ Schalke abklebte...

Apropos Essen: Wie es sich für einen überzeugten Ruhrpottkicker gehört, konnte es Mölders nicht ertragen, den Gegnernamen Schalke 04 unter dem Revers seines Pokaltrikots zu tragen. Er löste das Problem auf seine Weise – indem er das „Unwort“ in der eingestickten Paarung überklebte. „Es ist ja bekannt: Als Essener Junge tue ich mich schwer damit, wenn Schalke auf meinem Trikot steht“, sagte er verschmitzt: „Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht. Das war geil heute – wir genießen es!“

Marius Willsch: Comeback nach 157 Tagen gegen den Lieblingsverein

Aus dem Mund von Marius Willsch wäre Genuss ein zu schwaches Wort, um auszudrücken, was er am Dienstagabend empfand, als er acht Minuten vor Schluss für seinen ausgepumpten Freund „Lexi“ eingewechselt wurde. Ein „sausaugeiles“ Gefühl sei es gewesen, in so einem Spiel das Comeback nach 157 Tagen Zwangspause infolge einer Schambeinverletzung zu feiern. „Aktuell fühle ich mich gut“, sagte der Rechtsverteidiger nach dem Schlusspfiff: „Wobei ich noch nicht genau weiß, welche Rolle das Adrenalin spielt. Ich hab aber keine Schmerzen – und das ist das Wichtigste.“ Dazu muss man wissen: Gegen keinen anderen Gegner wäre Willsch lieber eingewechselt worden, denn aus unerfindlichen Gründen schlägt das Herz des 30 Jahre alten Passauers für Königsblau. Vor diesem Hintergrund also nachvollziehbar, dass der Rückkehrer von „Wahnsinn“ sprach – und von einem „i-Tüpfelchen“.

Aus Sicht von Marco Hiller wäre das i-Tüpfelchen womöglich ein Sieg im Elfmeterschießen gewesen. Ausnahmsweise schafften die Löwen am Dienstag aber schon in der regulären Spielzeit Fakten – nicht zuletzt dank des Mannes mit dem Künstlernamen „Hiller Killer“, der auch aus dem Spiel heraus genug Szenen hatte, um sich auszuzeichnen. „Den Hiller kennt man nicht anders“, schwärmte Willsch vom starken Rückhalt zwischen den Pfosten: „Der Marco ist gemacht für solche Spiele.“

Auslosung am Sonntag ab 18.30 Uhr in der ARD-Sportschau

Zu diesem Schluss dürften auch die Herren aus der Geschäftsführung gekommen sein. Marc-Nicolai Pfeifer freute sich über einen nicht eingeplanten Geldregen (500 000 Euro plus Summe X bei einem TV-Livespiel in der 3. Runde), der für den Sport zuständige Günther Gorenzel dürfte gedanklich bereits damit begonnen haben, das Sümmchen zu verplanen. Bisher war kein Geld im Etat vorhanden, um mit Stützen wie Hiller oder Dennis Dressel zu verlängern – seit Dienstag schaut es diesbezüglich besser aus. Dank einer Giesinger Sternstunde, die kein Beteiligter je vergessen wird. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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