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TSV 1860: Mental stark wie noch nie – und andere Gründe für den 1860-Höhenflug

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Von: Uli Kellner

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Eingeschworene Gemeinschaft: Die neuen Löwen, wie sie siegen und feiern – gegen Halle im fünften Spiel bereits zum fünften Mal.
Eingeschworene Gemeinschaft: Die neuen Löwen, wie sie siegen und feiern – gegen Halle im fünften Spiel bereits zum fünften Mal. © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON

Der TSV 1860 marschiert derzeit durch die 3. Liga. Der Höhenflug kommt aber nicht überraschend. Die Löwen haben im Sommer hart dafür gearbeitet.

München – Joseph Boyamba spürte, dass dieses hitzige Spiel wie gemacht war für einen wie ihn. Zehn Minuten nach seiner Einwechslung war Tim Rieder vom Platz geflogen, womit das Kräfteverhältnis zwischen 1860 und Halle wieder hergestellt war. Weitere fünf Minuten später schüttelte Boyamba einen Traumpass aus dem Fußgelenk – Yannick Deichmann nutzte ihn ihm Nachsetzen zum 2:0.

Kurz wurde es noch mal spannend, weil auch der Joker der Gäste stach (Bolyki, 74. Minute), doch nun stand Boyamba vor der Westkurve, bereit, einen Elfmeter zu verwandeln, den er selbst mit einem seiner Turbodribblings erkämpft hatte. „Vom Punkt bin ich ein kalter Hund“, sagte sich Boyamba – und schoss die Löwen zum Startrekord.

TSV 1860: Sechster Sieg in Folge in Köln?

Nie ist ein 1860-Team besser aus den Startlöchern gekommen, nur einmal zuvor in der 3. Liga hatte ein Club ebenfalls fünf Siege aus den ersten fünf Spiele aneinandergereiht (Offenbach, 2010). „Wir konnten ein Ausrufezeichen an die Liga senden“, sagte Boyamba beschwingt und gab endlich mal zu, dass auch Fußballprofis Gefallen finden an schönen sportlichen Momentaufnahmen. „In der Kabine checke ich die Tabelle ab“, sagte er, „welcher Fan macht das nicht?“ Weil der weißblaue Höhenflug fast zu schön ist, um wahr zu sein. „Aber“, sagte Boyamba brav, „nächste Woche wartet schon wieder ein Knallerspiel – am Samstag in Köln.“

Die Chancen, dass die Löwen ihren Spitzenplatz ausbauen, stehen gut, denn es gibt viele Gründe für das stabile Sommerhoch der Giesinger Überflieger. Wir zeigen die fünf gewichtigsten:

Mentale Stärke

Fast jede Partie bisher hatte eine dieser Sollbruchstellen – einen Moment, an dem Spiele kippen können, wie das in der Vergangenheit bei 1860 in ärgerlicher Regelmäßigkeit vorkam. In der Schlussphase von Dresden warteten leidgeprüfte Fans auf das 4:4 (das nicht fiel), Oldenburg lief lange auf eines dieser vermaledeiten Heimunentschieden zu, die in der Endabrechnung weh tun (1:0 ging’s noch aus). Und auch der Sieg am Freitag „wackelte“ zwischendurch, wie Trainer Michael Köllner zugab. Dass das Wackeln nicht zum Absturz führte, ist eine mentale Stärke, die sich nur durch stabile Fitness, viel Selbstvertrauen und erhöhte Kaderqualität erklären lässt. Köllner impft seinen Spielern diese Siegermentalität regelrecht ein. „Wir können jedes Spiel gewinnen“, sagt er, „egal wo und gegen wen.“

Wertvolle Neuzugänge

Falls die Stadt München mal neue Integrationsbeauftragte sucht: Köllner und sein Kapitän Stefan Lex zeigen, dass sie auf diesem Gebiet Koryphäen sind. Selten zuvor holte 1860 neun neue Spieler auf einen Schlag – und wohl noch nie hatten alle Neuen so früh in der Saison eine kleine Sternstunde: Rückkehrer Rieder traf direkt in Dresden, Jesper Verlaat sorgte gegen Oldenburg für späte Erlösung, Meppen war das Spiel von Fynn Lakenmacher, in dem auch Martin Kobylanski traf – ähnlich kunstvoll wie am Freitag. Das Lastminute-Tor beim SC Verl war eine Co-Produktion von Chris Lannert und Meris Skenderovic. Boyambas Knopf ging gegen Halle auf – und Albion Vrenezi hebt sich sein Erweckungserlebnis bestimmt für Köln auf.

Stabile Defensive

50 Gegentore waren zu viel für einen Aufstiegsplatz – auch deshalb fing die Sportliche Leitung ganz hinten mit dem Neubau des aktuellen Teams an. Seit Verlaat und Youngster Leandro Morgalla ein Innenverteidiger-Pärchen bilden, musste Marco Hiller nur einmal hinter sich greifen (Freitag). Eine fast logische Folge, dass besagtes Trio auch das Notenranking des Fachblatts „kicker“ anführt. Auf der Sechs sorgt Rieder für Stabilität, muss nach seiner Roten Karte aber mindestens zweimal aussetzen.

„Kalter Hund am Punkt“: Matchwinner Jo Boyamba
„Kalter Hund am Punkt“: Matchwinner Jo Boyamba © kolbert-press/Ulrich Gamel

Hellwache Joker

Marcel Bär gab mit seinem Joker-Doppelpack in Dresden die Richtung vor – Lex (gegen Meppen), Skenderovic (Verl) und Boyamba (Halle) setzten den Trend zu effektiver Kurzarbeit fort. „Die Einwechselspieler sind unser großes Faustpfand“, schwärmt Yannick Deichmann: „Du weißt, wenn die Spiele eng sind, können wir von der Bank nachlegen.“ Ein Novum war am Freitag zur Pause Köllners Dreifacheinwechslung – mit Blick auf Schiedsrichter Steven Greifs Karten-Orgie nahm er mal eben seine drei gelbverwarnten Spieler vom Platz. Wer ko, der ko. Hinterher durfte der Trainer wie so oft einen seiner Edeljoker loben. „In Boyamba“, sagte er, „hatten wir in der zweiten Halbzeit den entscheidenden Mann auf dem Platz.“

Trainer Michael Köllner

Der größte Erfolgsgarant ist aber wahrscheinlich der Trainer selbst. Nicht der erste Rekord, den er knackt. Köllner drängte auf den Umbruch, hatte das letzte Wort bei den Spielertransfers – und moderiert den Kader aus Alt- und Neulöwen so smart, dass jeder das Gefühl hat, wichtig zu sein. Mehr Argumente für eine Vertragsverlängerung kann man fast nicht liefern.

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