1860 in der Relegation

Löwen-Abstieg oder Klassenerhalt? So reagieren die „Allesfahrer“

1. FC Heidenheim - TSV 1860 München
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Es geht um alles: Der TSV 1860 München kämpft um den Klassenerhalt.

Steigt der TSV 1860 heute in die dritte Liga ab? Wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Sicher ist nur: Die drei „Allesfahrer“, die die Löwen seit über 40 Jahren zu jedem Spiel begleiten, bleiben dem Verein treu. Was würde der Abstieg für sie und ihren Club bedeuten?

Update vom 30. Mai 2017: Schaffen die Löwen den Klassenerhalt? Nach dem 1:1 in Regensburg müssen sie am Dienstqag in der Allianz Arena antreten. Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie das Relegations-Rückspiel TSV 1860 München gegen SSV Jahn Regensburg live im TV und im Live-Stream sehen können.

München – Als seine Mitfahrer Franz Hell fragen, wie viele Abstiege er als Fan miterlebt hat, muss er überlegen. Er sitzt im Kleinbus, links am Fenster zieht die Münchner Arena vorbei, und Hell zählt durch: 1970, 78, 81, 82, 92 und 2004. Sechs Abstiege. Und dann ist es still, keiner will die Frage aussprechen: Fahren sie im Bus gerade dem nächsten Abstieg des TSV 1860 entgegen?

Ziel der Reise ist Regensburg, das Hinspiel der Relegation (Rückspiel heute ab 18 Uhr, hier bei uns im Live-Ticker) vorigen Freitag. Hell, 63, Immobilienkaufmann, ist einer von drei Löwen-Fans, die den Verein seit über 40 Jahren zu jedem Spiel begleiten. Die anderen beiden sind Roman Wöll, 62, der am Steuer sitzt, und Fritz Fehling, 65. Das Trio ist bekannt als „die Allesfahrer“, wobei Hell Wert darauf legt, dass sie sich nicht selbst so getauft haben. Aber der Name hat sich durchgesetzt, und Hell kann das nachvollziehen: „Weil wir bei Sechzig ja wirklich überall dabei sind.“ Heimspiele, Auswärtsspiele, Trainingslager und Testspiele.

Von der Rückbank reicht Hell die Tickets durch den Bus. Die Karten für das Auswärtsspiel waren in kürzester Zeit ausverkauft, aber für die Allesfahrer legt der Verein immer welche zurück. Nicht nur für Hell, Wöll und Fehling, sondern auch für die anderen vier ganz treuen Fans, die die Bus-Besetzung komplettieren. Nur Svend Friderici, der hinten links sitzt, hat seine Karte nicht über den Verein. Für ihn ist es Sport, über Beziehungen immer an VIP-Karten zu kommen. Als einziger Mitfahrer trägt er einen Anzug.

Einer ist geschieden. Der Grund: die Löwen.

Beim Spiel neulich in Heidenheim mussten sie länger auf Friderici warten, der ewig nicht aus dem Sponsorenbereich kam. Die Gründe für die Verspätung sind im Bus auch eine Woche später noch umstritten, aber der Ärger wieder verflogen. Man braucht Geduld, wenn man sein ganzes Leben dem TSV 1860 verschreibt. „Ich wart’ jetzt seit 13 Jahren auf den Aufstieg“, sagt Roman Wöll, „da kommt’s auf eine Stunde nicht an.“ Wöll, der als Hausverwalter arbeitet, ist der ruhende Pol im Allesfahrer-Bus, die anderen rufen ihn „Chef“.

Sie kennen einander seit Jahrzehnten. Die Münchner Wöll und Hell sind sogar wechselseitig Trauzeugen. Wobei nur Wöll noch verheiratet ist, bei Franz Hell war es irgendwann so, „dass meine Frau mich vor die Entscheidung gestellt hat: sie oder Sechzig“. Hell sagt, er habe nicht lange gebraucht für die Entscheidung. Fragt man ihn, wie man Allesfahrer wird und wie so viel Fußball in ein Leben passt, sagt er: „Das ist alles eine Frage der Priorisierung.“

Fritz Fehling hat sich sogar im Arbeitsvertrag zusichern lassen, dass er immer frei bekommt, wenn sein Verein spielt. Im Frühjahr ist der Sanitärkaufmann in Rente gegangen. Seit 1972 hat Fehling, der 1977 für die Löwen von Hessen nach München gezogen ist, kein Punktspiel verpasst. Selbst die beiden anderen Allesfahrer nennen ihn „unsere Ikone“, Wöll und Hell konnten über die Jahre bei ein paar Handvoll Spielen nicht dabei sein.

Der Bus biegt von der A 9 ab auf die A 93. Keiner grölt, Fahrer Roman Wöll beißt in seine Brezn, Bier trinkt keiner – das wäre schon deshalb schwierig, weil Zwischenstopps nicht vorgesehen sind. Allenfalls zum Tanken, wenn der Gegner Kiel heißt. Zeit zum Austreten ist erst wieder am Ziel. Dort kehren die Fans dann auch ein, sofern sie ein gutes Wirtshaus kennen. Meistens kennen sie eines. Weil die Löwen seit dem Abstieg 2004 zuverlässig die Rückkehr in die Bundesliga verpasst haben, konnten sich die Allesfahrer gastronomisch einige Expertise erarbeiten in Fürth, Aue, Dresden und den anderen Zweitliga-Orten der Republik. „Wir haben überall unsere Stamm-Gasthäuser gefunden“, sagt Hell. Ansonsten werden die Orte nicht mehr näher besichtigt: „Wir waren ja überall schon zehn, fünfzehn Mal.“

Wenn der TSV 1860 im Rückspiel gegen Regensburg heute Abend absteigt, müssten die Allesfahrer ihre Welt wieder neu vermessen. Die Ziele hießen künftig Magdeburg, Münster oder Großaspach. Ein Gedanke, der Hell nicht behagt: „Wo wir dann alles hin müssen, mir würd’s grausen.“ Wie ihr Verein haben sich auch diese Fans inzwischen auf die zweite Liga eingestellt: „Wir wissen, wie wir fahren müssen. Und wo die Parkplätze sind“, so Hell.

Den Parkplatz des Regensburger Stadions erreicht der Bus gut zwei Stunden vor Anpfiff. Roman Wöll packt einen weiß-blauen Bademantel aus. Seit Anfang der 90er hat er ihn, er ist bei ganz wichtigen Spielen ein Glücksbringer. Wölls Bademantel hatte schon in den letzten zwei Sommern viel Arbeit. Zwei Mal hat er den Abstieg knapp abgewendet.

Es gibt eine beliebte Fußballfloskel, die von der „Niederlage im Gepäck“, mit der „die Heimreise angetreten“ werden muss. In dieser Saison hat der TSV 1860 seinen Allesfahrern in 12 von 17 Auswärtsspielen eine Niederlage mit auf den Rückweg gegeben. Die 630 Kilometer von Hannover im März nach einem 0:1 mag man sich lieber nicht vorstellen. Das unverdiente 1:1, das die Allesfahrer aus Regensburg mitnehmen, ist dagegen ein grandioses Gepäckstück. „Das Spiel war ein Scheißdreck, aber das Ergebnis ist überragend“, sagt Fritz Fehling auf dem Beifahrersitz, als der Bus eine gute Stunde nach Abpfiff den Parkplatz verlässt. Er streicht dabei durch den langen Bart.

„Ich bin Sechzig. Der Roman ist Sechzig. Der Franz ist Sechzig.“

Fehling kommt ins Erzählen. Vor dem Spiel hat er Michael Hofmann getroffen. Der ehemalige Spieler der Löwen war als Experte fürs Fernsehen in Regensburg dabei. Torwart Hofmann und Fan Fehling verbindet eine lange Geschichte. „Unter Lorant, da ist der Michi im Trainingslager zu mir gekommen und hat gefragt: ‚Fritz, hat der Trainer schon gesagt, ob ich die Nummer 1 im Tor bin?‘“ Eine Geschichte aus Zeiten, in denen die Allesfahrer nah dran waren an ihrer Mannschaft. Mit Werner Lorant, dem Trainer-Übervater der Löwen, telefoniert Fehling immer noch gelegentlich. Auch den jetzigen Trainer Vitor Pereira hält er für einen guten Mann, aber unterhalten können sie sich schon deshalb nicht, weil es Fehling und dem Portugiesen an einer gemeinsamen Sprache fehlt. Spätestens seit der Jordanier Hasan Ismaik 2011 beim TSV 1860 eingestiegen ist, ist der Verein ein globaler Betrieb. Spieler kommen und gehen oft schneller, als die Allesfahrer sich bei ihnen vorstellen können. Dennoch sagt Fehling: „Wenn man bei Sechzig Profifußball sehen will, dann geht das nur mit Ismaik oder einem anderen Investor. Und ich will Profifußball.“

Ankunft in München, Einkehr in der Löwen-Kneipe „Zum Metzger Rudi“ am Frankfurter Ring. An der Wand ein Foto der einzigen Meistermannschaft von 1966. Hell, Wöll und Fehling setzen sich. Meisterlöwen und Allesfahrer, die beiden Institutionen des TSV 1860. Wenn die Meisterlöwen für die große Vergangenheit stehen, dann stehen die Allesfahrer für die Treue auch auf der Durststrecke nach dem Zwangsabstieg 1982 in die dritte Liga. Mit Gegnern wie Vilshofen, Fürstenfeldbruck und Ampfing.

Franz Hell sagt, er habe beim Rückstand in Regensburg gemerkt, dass einige Fans eine Niederlage nicht gestört hätte. Wohl die gleichen, die beim Spiel im Chor gegen Investor Ismaik gesungen haben. Absteigen und ohne Ismaik neu anfangen – eine Aussicht, die einige dem Status quo vorziehen. Wie sehen die Allesfahrer das? „Die Bayernliga-Zeit war nicht so super, wie sie jetzt gemacht wird“, sagt Fehling. „Wir hatten da nichts verloren und mussten uns durchquälen. Jedes Jahr haben wir eine Lätschn gezogen, weil wir wieder nicht aufgestiegen sind.“

Fehling erinnert sich lieber an die weiten Fahrten. „Wo ich mit Sechzig schon überall war, da wär ich sonst nie hingekommen: Finnland, Marokko, die Emirate.“ Was, wenn Sechzig jetzt absteigt? „Dann haben wir den Super-Gau“, sagt Fehling, „denn wenn ich ehrlich bin, glaub ich eigentlich nicht, dass der Hasan die dritte Liga mitmacht“.

Aber fühlen sie, die immer dabei waren, sich nicht manchmal fremd in ihrem Verein? Mit ständig wechselnden Spielern und einer Geschäftsstelle, in der zwischenzeitlich Englisch Amtssprache wurde? Fehling schüttelt den Kopf: „Die können in die Geschäftsstelle reinhocken, wen sie wollen. Ich bin Sechzig. Der Roman ist Sechzig. Der Franz ist Sechzig.“

Zumindest ihre eigene Tradition kann den Allesfahrern keiner nehmen.

Christoph Fuchs

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