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Meisterlöwe wird 80: „Bastard“ – für Hansi Reich war das ein Lob

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Von: Claudius Mayer

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Einmal Meisterlöwe, immer Meisterlöwe: Hansi Reich (l.) 2016 mit Fredi Heiß, Petar Radenkovic, dem inzwischen verstorbenen Peter Grosser, Hansi Rebele, Bernd Patzke.
Einmal Meisterlöwe, immer Meisterlöwe: Hansi Reich (l.) 2016 mit Fredi Heiß, Petar Radenkovic, dem inzwischen verstorbenen Peter Grosser, Hansi Rebele, Bernd Patzke. © Bernd Feil/M.i.S.

Das vielleicht größte Kompliment, das Hansi Reich in seiner langen Fußballerkarriere erhalten hat, war eine obszöne Beleidigung.

München – Geschehen in den drei Europapokal-Halbfinal-Spielen (inklusive des Entscheidungsspiels in Zürich) gegen den AC Turin im April/Mai 1965. Reich: „Mein direkter Gegenspieler Gerry Hitchens, ein englischer Nationalstürmer und WM-Teilnehmer 1962, beschimpfte mich ständig als ,Fucking German Bastard’, weil ich ihn bei jedem Zweikampf brutal hart attackiert habe.“

Dies mit Erfolg, denn Hitchens gelang kein Treffer, und die Löwen zogen ins Finale im Londoner Wembley Stadion ein (wo sie gegen West Ham United 0:2 verloren). 22 Jahre war Mittelläufer – so hießen seinerzeit die Innenverteidiger – Reich damals alt, am Sonntag feiert der gebürtige Münchner seinen 80. Geburtstag.

TSV 1860: Die Löwen waren Reichs Verein

Und natürlich gehört er auch zu den „Meisterlöwen“, zu jenen 15 Spielern, die 1966 den größten Triumph des TSV 1860 perfekt gemacht haben. Unter dem legendären Trainer Max Merkel, der an der Grünwalder Straße ein gnadenloses Regiment führte. Das bekam auch Reich zu spüren. „Ende 1965 musste mein drei Wochen alter Sohn in die Haunersche Kinderklinik, weil er unter großen Atemproblemen litt. Ich fuhr meine Frau zu unserem Buben ins Krankenhaus und erschien deshalb 45 Minuten zu spät zum Training. Merkel tobte und ließ überhaupt keine Erklärung von mir zu. Er sagte nur: ,Die Einstellung eines Reich lässt zu wünschen übrig’ und stellte mich wochenlang nicht mehr auf. Nachdem wir aber ohne mich viele Punkte liegen lassen haben, griff er dann doch wieder auf mich zurück, und wir wurden noch Meister.“

Mittelläufer – das war
Reichs Position.
Mittelläufer – das war Reichs Position. © Imago

Mit seinem Verein. Reich wuchs nur ein paar Hundert Meter vom Sechzger-Stadion entfernt auf und schloss sich den Löwen im Alter von zehn Jahren an. Mit 18 debütierte er in der ersten Mannschaft, am Ende waren es über 500 Spiele, die er im Dress der Blauen absolvierte. „Ich wollte 1860 ja nie verlassen“, sagt er.

TSV 1860: Reich kehrt nach Exil in Offenbach zurück

Im Sommer 1968 war es dann doch so weit: „Obwohl ich noch zwei Jahre Vertrag hatte, machte ich wegen einiger Intrigen im Verein und in der Mannschaft Schluss und ging zu den Offenbacher Kickers, mit denen ich in die Erste Liga aufstieg und Pokalsieger wurde.“

Im Exil: Reich als Offenbacher
Im Exil: Reich als Offenbacher © imago sportfotodienst

Im Spätsommer 1974 dann die Rückkehr zu den Löwen. Max Merkel war inzwischen wieder Trainer an der Grünwalder Straße und benötigte nach einem misslungenen Saisonstart einen erfahrenen Abwehrmann in der zweitklassigen Regionalliga. Nach zwei Jahren endete Reichs Zeit bei 1860 dann endgültig, weil er das neue Vertragsangebot der Löwen lediglich dafür geeignet hielt, „das Futter für meinen Hund zu kaufen“, wie er öffentlich mitteilte. Danach folgten noch ein paar Jahre bei Amateurvereinen, sechs Monate als Trainer in Salzburg („Ich habe aber schnell gemerkt, dass dieser Job für mich nichts ist“), ehe er dann 25 Jahre für die Stadt München arbeitete.

TSV 1860: Reich war nie Nationalspieler

Feiern wird Reich, der mit seiner zweiten Frau in Waldperlach wohnt, seinen Achtzigsten ohne großes Tamtam. „So ein Typ war ich nie. Ich kannte ja als Bub schon keine Geburtstagsfeiern oder Weihnachtsfeste“, sagt er. „Mein Vater ignorierte mich, um es milde auszudrücken. Geschenke gab es nie. Er war Schuster und weigerte sich sogar, meine Schuhe zu reparieren. Meine Mutter schrieb dann immer einen anderen Namen auf die Sohle und gab sie ihm zum Richten ...“

Und noch was brennt ihm auf den Nägeln: „Dass ich nie Nationalspieler geworden bin. Mein Pech war, dass Sepp Herberger im Sommer 1964 als Bundestrainer aufgehört hat. Der hielt nämlich viel von mir und mochte mich. Sein Nachfolger Helmut Schön lehnte mich dagegen mit der Begründung ab, „dass ich zu hart spielen würde“. Was Gerry Hitchens nur hätte bestätigen können ... (Claudius Mayer)

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