Großes tz-Interview

Präsident Reisinger: Das muss sich bei den Löwen 2018 ändern

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„Es macht wieder Spaß, Löwenfan zu sein“ - sagt Robert Reisinger, seit Juni Präsident des Giesinger Traditionsklubs.

Ismaik, Cassalette und Hoppen-Antrag: Nicht nur sportlich erlebte der TSV 1860 ein turbulentes Jahr, auch hinter den Kulissen ging es rund. Der neue Löwen-Präsident Robert Reisinger verrät, wie der Verein wieder zur Ruhe kommt.

München - Vorsätze für 2018? Fehlanzeige. „Ich nehme es so, wie es kommt“, sagt Robert Reisinger, seit Sommer 2017 Vereinschef des TSV 1860. Was der seit 3. Juni amtierende Löwen-Präsident über seine bisherige Amtszeit, Investor Hasan Ismaik und die Reibereien innerhalb des Münchner Traditionsvereins denkt - darüber gibt er im ausführlichen tz-Interview  umfassende Antworten. 

Herr Reisinger, wie lautet Ihr Fazit für das Löwen-Jahr 2017? 

Robert Reisinger: Ein heftiges Jahr mit dramatischen Ereignissen hat ein sportlich versöhnliches Ende genommen. Die erste Mannschaft ist Tabellenführer in der Regionalliga Bayern und hat alle Chancen auf die Aufstiegsrelegation. Die Rückkehr nach Giesing hat verschüttetes Potenzial in vielen Bereichen freigesetzt. Es macht wieder Spaß, Löwenfan zu sein. Mithilfe von Partnern und Sponsoren haben wir im Sommer die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass ein sportlicher Aufstieg auch finanziell machbar ist. 

Würden Sie im Nachhinein alles nochmal genauso machen? 

Reisinger: Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer, aber im Großen und Ganzen denke ich, haben wir im Präsidium unter den gegebenen Umständen vieles richtig gemacht. 

Ihr Vorgänger Peter Cassalette hat angemerkt, dass der Verein den Hoppen-Antrag auf Kündigung des Kooperationsvertrags mit Hasan Ismaik hätte verhindern müssen. 

Reisinger: Das offenbart ein seltsames Demokratieverständnis, mit dem ich nichts anfangen kann. Eine Bevormundung der Mitglieder sieht die Satzung nicht vor. Das ist für mich auch keine Strategie. Dahinter steckt die, mit Verlaub, naiv wirkende Vorstellung, wäre man nur lieb genug zum reichen Onkel gewesen, hätte der die Party schon weiter bezahlt. Wir müssen doch nicht so tun, als hätte es keine Konflikte gegeben. Als wären Forderungen, denen wir als Gesellschafter nicht nachgeben konnten, nie eingegangen. Die Auseinandersetzung war nach dem doppelten Abstieg vor aller Augen überdeutlich. Wenn dann Mitglieder sagen, wir wollen das so nicht mehr haben, respektiere ich dieses Signal. Umgekehrt müssen die Mitglieder damit leben, wenn die Gremien nach Prüfung empfehlen, das nicht zu tun und wir dann den Wunsch nicht umsetzen. 

Die Kritik kommt von allen Seiten. Die einen halten Sie für nicht hart genug, um Ismaik Paroli zu bieten, die anderen fordern mehr Entgegenkommen. Wie lebt es sich zwischen den Stühlen? 

Reisinger: Nicht so unkomfortabel, wie Sie vielleicht vermuten. Ich bin es beruflich gewohnt, verschiedene Seiten zusammenzubringen und Lösungen zu erarbeiten. Von Mitgliedern und Fans, mit denen ich bei Versammlungen, Fanklub-Besuchen und anderen Treffen in persönlichen Kontakt komme, erhalte ich weit positiveres Feedback als in anonymen Kommentaren im Internet. 

Hasan Ismaik spricht im November 2016 auf einer Pressekonferenz auf dem Vereinsgelände der Münchner Löwen.

Glauben Sie, dass es eine Lösung für 1860 mit Ismaik geben kann - und wie könnte sie aussehen? 

Reisinger: Klar ist, so wie das in der Vergangenheit gelaufen ist, macht es für keinen der beiden Gesellschafter Sinn. Wir müssen das Verhältnis zueinander neu justieren. Dazu gehört für mich auch, von dieser emotionalen Ebene runterzukommen. Herr Ismaik hält 60 Prozent der KGaA und ich habe von Anfang an für eine Zusammenarbeit geworben. Die Türen sind nicht zu. In der Vergangenheit haben in manchen Phasen unterschiedliche Vorstellungen existiert, wie unsere Partnerschaft gelebt werden kann. Trotzdem wollte jeder - und das unterstelle ich auch Hasan Ismaik - das Beste für den TSV 1860 München. Ausnahmslos! Der Verein hat seit 2011 in unterschiedlichster personeller Konstellation versucht, ein gutes Einvernehmen mit unserem Mitgesellschafter herzustellen. Als Präsident war nahezu jeder Charaktertyp darunter. Das Ergebnis war für beide Seiten nicht befriedigend. Jetzt bin ich an der Reihe. Wunder kann ich keine versprechen, aber ein ehrliches Bemühen. 

Aus der Pressemitteilung zum Nichtaufkündigen des Kooperationsvertrags war herauszulesen, dass dieser Schritt womöglich nur aufgeschoben ist. Wartet man nur ab, bis Ismaik ein entscheidender Fehler unterläuft. Oder ist diese Interpretation abwegig? 

Reisinger: Hasan Ismaik schützt so gut wie möglich sein Investment. Ich schütze so gut wie möglich den e.V.. So ist die Rollenverteilung in diesem Spiel. Da kann es im einen oder anderen Fall zu Konflikten kommen. Aber das gilt es auszuhalten und auch nicht allzu persönlich zu nehmen. Wir haben uns nach ausführlicher rechtlicher Beratung dazu entschieden, den Beschluss unserer Mitglieder nicht umzusetzen. Ich versichere Ihnen, ich lauere nicht auf Fehler unseres Mitgesellschafters, sondern ich lauere auf Chancen, die verfahrene Situation für alle Beteiligten zu verbessern. 

Reisinger: „...wenn das endlich verstanden wird, dann ist schon viel gewonnen“

Werden Sie im nächsten Jahr versuchen, mit Ismaik besser zusammenzuarbeiten? 

Reisinger: Die Gesellschafter haben gemeinsam eine Restrukturierung vorgenommen. Ohne diese wäre ein sportlicher Neustart in der Regionalliga gar nicht erst möglich gewesen. Soweit hat die Zusammenarbeit also durchaus funktioniert. Ich bin überzeugt, auch im neuen Jahr werden die Gesellschafter alle erforderlichen Schritte unternehmen, um den sportlichen Erfolg auf wirtschaftlich vernünftiger Basis voranzutreiben. Es darf übrigens niemand erwarten, dass unsere Probleme wie von Zauberhand verschwinden, weil plötzlich irgendein Mr. X das Ruder übernimmt. Darum müssen wir uns schon selbst kümmern. Diese Sehnsucht nach dem einen starken Mann, der alles kann und alles regelt, ist meiner Meinung nach beim TSV 1860 ein großer Teil des Problems und nicht der Lösung. Die vermeintlichen Erlöser mit großem Namen und ebensolchem Salär haben sich bei uns gegenseitig die Klinke in die Hand gegeben. Das waren nicht lauter Trottel. Aber keiner von ihnen bekam die nötige Zeit, um strukturiert und mit Perspektive arbeiten zu können. Alle sollten immer sofort liefern. Das ist aber unmöglich im Sport. Ausgerufene Drei-Jahres-Pläne schrumpften bei uns über Nacht zu Drei-Monats-Übungen. Wenn das endlich verstanden und auch im Umfeld des TSV 1860 akzeptiert wird, dann ist schon viel gewonnen. 

Wie ist Ihr Kontakt zu Gerhard Mey? 

Reisinger: Dazu kann ich keine Angaben machen. 

Das Chaos-Jahr von 1860: Mehr als der ganz normale Löwen-Wahnsinn

Wie viele schlaflose Nächte bereitet Ihnen Ismaiks Feldzug gegen 50+1? 

Reisinger: Ich denke nicht, dass man hier von einem Feldzug sprechen sollte. Die Meldung, dass unser Mitgesellschafter beim Bundeskartellamt vorstellig wurde, kenne ich auch nur aus der Presse. Schlaflos bin ich deshalb nicht. Der TSV 1860 München wird sich während meiner Amtszeit sicher nicht an einer Klage gegen die 50+1-Regelung beteiligen. Wir suchen keine juristische Auseinandersetzung mit dem DFB, der DFL oder dem BFV. Man kann über diese Frage durchaus unterschiedlicher Ansicht sein. Aber: Eine Klärung, ob 50+1 im Deutschen Fußball weiterhin bestehen soll, kann nur in gemeinsamen Abstimmungen der Vereine mit den Verbänden besprochen und dann mehrheitlich entschieden werden. Das ist keine Angelegenheit, die einzelne Akteure durch den Gang vor Gerichte lösen sollten. 

Sie haben kürzlich bestätigt, dass Markus Fauser zeitnah als Geschäftsführer aufhört. Musste er, wollte er oder sollte er? Und wird ihn Michael Scharold beerben? 

Reisinger: Ein Interims-Manager wie Herr Fauser ist immer nur für begrenzte Zeit im Einsatz. Sein Ausscheiden nach getaner Arbeit ist ein normaler Vorgang und keine Überraschung. Das war von uns auch nie anders kommuniziert. Herr Fauser wird die Geschäfte gut geordnet demnächst an seinen Nachfolger übergeben, den die Gesellschafter dann gemeinsam vorstellen. Dem möchte ich nicht vorgreifen. 

Der TSV 1860 geht als Spitzenreiter in die Winterpause der Regionalliga Bayern (im Bild: Sascha Mölders).

Daniel Bierofka wünscht sich sehnlichst einen Sportchef, es heißt aber, das Präsidium sei dagegen. Fehlt es am Geld oder am Willen? 

Reisinger: Bierofka hat doch bereits klargestellt, dass sein Wunsch nach einem Sportchef in die Zukunft und auf die 3. Liga gerichtet war - das ist auch unsere Meinung. Darüber hinaus müssen Strukturen geschaffen werden, die unabhängig von Namen und Personen funktionieren. Das muss das oberste Ziel sein. Es war in meinen Augen auch einer der größten Fehler in der Vergangenheit, dass nach jedem Personalwechsel die komplette Struktur und sportliche Idee im Profibereich ausgetauscht wurde und man immer wieder von vorn angefangen hat. Das funktioniert so nicht. Ich möchte für den Sport auch keine geheimnisvollen Agenturberater im Hintergrund herumschwirren haben, sondern die Leute, die bei uns etwas zu entscheiden haben, am Tisch sitzen sehen. Außerdem will ich nicht nach jedem kleineren Rückschlag sofort wieder alles infrage gestellt wissen. Es gilt jetzt aus der Not eine Tugend zu machen. Durch den Abstieg in die Regionalliga kann eine solche Struktur neu geschaffen werden. Das wird eine der Hauptaufgaben des neuen Geschäftsführers zusammen mit der sportlichen Leitung sein. In dieser Frage sind wir uns im Präsidium völlig einig und lassen da auch nicht mehr locker. 

Spätestens 2019 muss der Verein wieder auf Ismaik zugehen, dann werden die nächsten Darlehen fällig, die er als Druckmittel benutzen kann. Gibt es eine Strategie, um diese Zwickmühle zu meistern? 

Reisinger:

Unser Mitgesellschafter hat doch selbst größtes Interesse am Fortbestand der Kapitalgesellschaft, warum sollte es da zu einer Zwickmühle kommen? Jeder Gesellschafter wird seinen Beitrag zu einer erfolgreichen Zukunft leisten müssen. 

Interview: ffu, ulk, lk

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