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Reisinger: Köllner kann Ära prägen, „wenn er sich aufs Sportliche konzentriert“

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Von: Uli Kellner

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Mal nachdenklich, mal angriffslustig, mal entspannt: Löwen-Präsident Robert Reisinger überzeugt beim Interview im
Paulaner-Bräuhaus am Kapuzinerplatz auch nonverbal
Mal nachdenklich, mal angriffslustig, mal entspannt: Löwen-Präsident Robert Reisinger überzeugt beim Interview im Paulaner-Bräuhaus am Kapuzinerplatz auch nonverbal. © Marcus Schlaf

Am Samstag feiert Robert Reisinger sein Jubiläum, fünf Jahre 1860-Präsident. Für Coach Michael Köllner hat der Löwen-Boss einen Rat.

München – Wiederwahl mit 93,6 Prozent der Stimmen – kein Wunder, dass Robert Reisinger in diesen Tagen gut drauf ist. Steigerbar ist seine Laune trotzdem – vor allem, wenn sich die Profifußballer des TSV 1860 in der bevorstehenden Drittligasaison an der präsidialen Dominanz orientieren, am besten gleich am Samstag in Dresden, beim Duell der Aufstiegsfavoriten.

Im Biergarten des Bräuhauses am Kapuzinerplatz trafen wir den 58 Jahre alten Oberlöwen zum Interview.

Ein großer Tag steht bevor, Herr Reisinger. Wo werden Sie am Samstag anstoßen?

Am Samstag? Ist da was? Geburtstag hatte unser Verein doch erst am 18. Mai – und ob es in Dresden was zu feiern gibt . . .

TSV 1860: Nichtaufstieg schmerzt noch immer

Sie sind dann auf den Tag genau fünf Jahre Präsident des TSV 1860.

Ach echt? Ich hatte nur die 1860 Tage in Erinnerung. Die wollte ich unbedingt schaffen. Zwei Tage vor der Mitgliederversammlung war es so weit. Deswegen habe ich sie so spät angesetzt (lacht).

Wenn Sie den Verein damals mit heute vergleichen – wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung seit dem 23. Mai 2017?

Das sollen andere beurteilen, das maße ich mir nicht an. Ich hatte einen gewissen Plan, wollte Ruhe und Konstanz reinbringen – ich glaube, das ist ganz gut gelungen.

Fangen wir mit dem Sportlichen an: Die Löwen sind im ersten Anlauf aus der Regionalliga Bayern aufgestiegen, tun sich aber schwer damit, die 3. Liga zu verlassen. Wie schmerzhaft waren die vierten Plätze 2021 und 2022?

Schon sehr schmerzhaft. Wir hatten uns für die letzte Saison vorgenommen, unseren Platz zu verbessern. Die Vorrunde hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht – aber so ist der Sport. Vieles hängt von Nuancen ab.

„Genervt war ich, weil der Herr Köllner einen gültigen Vertrag hat, und ich bin ein Mensch, der Diskussionen über laufende Verträge nicht gerne führt.“

Robert Reisinger

Muss es diesmal klappen, im fünften Drittligajahr?

Es muss klappen für die Fans, für unser Team – alle sehnen sich nach der 2. Liga. Aber strukturell oder finanziell muss es nicht klappen. Uns droht nicht der Gang zur Infanteriestraße, wenn wir nicht aufsteigen. Aber klar: Der geschundenen Löwen-Seele täte es gut, wenn wir die 3. Liga endlich verlassen könnten.

An die Adresse von Trainer Michael Köllner gerichtet sagten Sie nach den ersten von neun Transfers: Er wollte eine Perspektive – jetzt hat er sie. Warum der genervte Unterton?

Genervt war ich, weil der Herr Köllner einen gültigen Vertrag hat (bis 2023/Red.), und ich bin ein Mensch, der Diskussionen über laufende Verträge nicht gerne führt.

Für viele Fans ist Köllner ein Idealtrainer für 1860: ehrgeizig, leutselig, mit einem offenen Ohr für jeden. Andere finden: Er übertreibt es mit der gefühlten One-Man-Show. Wo stehen Sie?

Darüber äußere ich mich erst, wenn ich mit ihm selber gesprochen habe. Solche Sachen kläre ich zuerst intern.

TSV 1860: Ziel von allen bleibt die 2. Liga

Können Sie Fans verstehen, die Köllner für sein Sonderlob in Richtung des Ismaik-Vertreters Anthony Power kritisieren?

Teils, teils. Nicht, weil er den Anthony Power gelobt hat. Es steht ihm frei, jeden zu loben, den er loben will. Aber für manche Leute ist es verwunderlich, dass er sich da so exponiert zeigt und außerhalb seines Fachgebietes Statements abgibt.

Mal nachdenklich, mal angriffslustig, mal entspannt: Löwen-Präsident Robert Reisinger überzeugt beim Interview im
 Paulaner-Bräuhaus am Kapuzinerplatz auch nonverbal
Mal nachdenklich, mal angriffslustig, mal entspannt: Löwen-Präsident Robert Reisinger überzeugt beim Interview im Paulaner-Bräuhaus am Kapuzinerplatz auch nonverbal. © Marcus Schlaf

Heißt das, er sollte manchmal etwas weniger reden?

Wie heißt der Spruch? Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. So könnte man es ausdrücken, zumal in einem so sensiblen Konstrukt wie 1860 – wo ja wirklich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.

Sehen Sie die Gefahr, dass Köllner sich aufreibt zwischen den Fronten, die zwischen den beiden Gesellschaftern verlaufen?

Ich sehe keine Fronten, denn am Ende des Tages wollen wir alle in die 2. Liga. Gut, dass jetzt die Saison anfängt – dann konzentriert er sich wieder auf das Wesentliche.

„Ich muss nicht bei Hasan Ismaik in Dubai auf dem Boot sitzen und in der Badehose Schampus trinken oder teuren Wein saufen.“

Robert Reisinger

Sie sagen, alle wollen das Gleiche – und trotzdem wird es bei 1860 immer politisch ...

Ist das nur bei 1860 so? (lächelt) Ich denke, bei uns wurden in der Vergangenheit zu viele Fehler gemacht. Vieles war nicht transparent und hätte mit einer besseren Kommunikation im Keim erstickt werden können. Dazu kommen die Medien, die Foren und die Blogger, wo 24 Stunden am Tag zu allem und von jedem unqualifizierter Senf dazugegeben wird.

Zwischenzeitlich entstand der Eindruck, als hätten beide Gesellschafterseiten einen verträglichen Umgang miteinander gefunden. Gab es diese Annäherung wirklich oder war es ein Burgfrieden?

Weder war es ein Burgfrieden noch eine echte Annäherung. Ich denke, jeder hat sich auf das konzentriert, wofür er zuständig ist. Die Zusammenarbeit wird jetzt von weniger Ressentiments begleitet, von weniger Argwohn. Jeder kapiert jetzt, was der andere will – und alle wollen wir nur das Beste für den Verein. Wie man die Ziele erreicht – darüber gibt es allerdings immer noch unterschiedliche Ansichten.

Und zwar?

Die Fakten sind doch klar: DFB und DFL verweigern eine weitere Aufnahme von Schulden. Wenn wir die Eigenkapitalquote nicht stetig verbessern, gibt’s nächstes Jahr keine Lizenz – das ist jetzt endlich auch bei unserem Mitgesellschafter angekommen. Alles hat sich auf eine sachliche Ebene verlagert. Ich muss nicht bei Hasan Ismaik in Dubai auf dem Boot sitzen und in der Badehose Schampus trinken oder teuren Wein saufen. Ich will eine sachliche Ebene, auf der man kommuniziert – und so die Gesellschaft nach vorne bringt. Das ist uns nach fünf Jahren endlich gelungen.

TSV 1860: Umbau des Grünwalder Stadions erst 2028

Wie greifbar ist denn Hasan Ismaik für Sie?

Er hat eine klare Aussage getroffen, dass wir mit seinen Repräsentanten hier in München kommunizieren sollen – daran halten wir uns.

Schon mal darüber nachgedacht, ihn persönlich ins Stadion einzuladen?

Wir haben ihn schon häufiger eingeladen. Erst neulich haben wir eine E-Mail an Yahya Ismaik geschrieben. Darin haben wir zum Ausdruck gebracht, dass wir uns freuen würden, wenn beide Ismaiks zum Dortmund-Spiel nach München kommen würden.

Robert Reisinger (re.) im Gespräch mit Sport-Journalist Uli Kellner (li.).
Robert Reisinger (re.) im Gespräch mit Sport-Journalist Uli Kellner (li.). © Marcus Schlaf

Gab’s eine Reaktion?

Bisher nicht.

Stichwort Stadion. Glauben Sie noch daran, dass 1860 während Ihrer Präsidentschaft in einem ausgebauten Grünwalder Stadion spielen wird?

Dazu müsste ich noch mal wiedergewählt werden, denn die Zeitschiene der Stadt sieht ja vor, erst ab 2028 mit dem Umbau zu beginnen. Für unseren Geschmack ein bisschen zu spät, aber mei: Uns gehört das Stadion ja nicht. Wir sind auf das Goodwill der Stadt angewiesen.

„Ich teile den Optimismus, dass wir dieses Jahr eine gute Saison spielen.“

Robert Reisinger

Bisher heißt es auch, 18 100 Fans ist die Obergrenze – und mehr als 2. Liga ist nicht möglich. Gleichzeitig sagte Finanzchef Marc-Nicolai Pfeifer, dass sein Ziel mit 1860 die Erste Liga sei. Wie passt das zusammen?

Er hat ja keine Zeitschiene genannt. Spritpreise und öffentlicher Nahverkehr werden teurer – und in Amerika geht der Trend schon wieder zu innerstädtischen Stadien und Malls. Wer weiß, was noch alles kommt? Wenn mir einer vor 25 Jahren gesagt hätte, dass 1860 noch mal mit seiner ersten Mannschaft im Grünwalder spielt – den hätte ich für verrückt erklärt.

Steile These: 1860 spielt in zwei Jahren in einem BMW-Stadion – wenn die Stadt bei den Namensrechten einlenkt.

Da würde ich mich freuen!

Ist es auch realistisch?

Nein (lacht). Aber träumen wird ja wohl erlaubt sein.

Kommen wir zur bevorstehenden Saison: Teilen Sie den Optimismus von Hans Sitzberger? Ihr tiefblauer Vizepräsident hat ja mit Allesfahrer Roman Wöll gewettet: 1860 wird mit mindestens fünf Punkten Vorsprung Meister.

Mir würde schon ein Tor Vorsprung zum zweiten Platz reichen. Aber ich teile den Optimismus, dass wir dieses Jahr eine gute Saison spielen – und dann hoffe ich, dass wir am Ende oben stehen, dass wir direkt aufsteigen. In meinem Alter tut eine Relegation nervlich nicht mehr gut.

TSV 1860: Prägt Michael Köllner eine Ära?

Einige Fans sorgen sich wegen des anspruchsvollen Starts in Dresden und gegen Dortmund. Haben Sie auch Bammel, dass Oldenburg ein Schicksalsspiel werden könnte?

Die Sorge kann ich den Fans nehmen. Wir haben eine Strategie, wo wir im Mai 2023 stehen wollen. Und die werden wir nicht nach fünf Spielen über den Haufen werfen. Wir neigen nicht mehr zu Überreaktionen.

Bis zur WM-Pause Mitte November stehen 17 Ligaspiele an. Wie viele davon muss Köllner gewinnen, um als Löwen-Trainer Weihnachten zu feiern?

(denkt nach) Mehr als letztes Jahr in der Vorrunde. Aber selbst dann müsste man alles analysieren. Wir müssen weg von diesen Bauchentscheidungen. Ich gehe davon aus, dass Herr Köllner in 14 von diesen 17 Spielen punktet – dann sind wir im Soll.

Ist es für Sie vorstellbar, dass Köllner bei 1860 eine Ära prägt wie einst Werner Lorant?

Ich würde es mir wünschen. Der richtige Typ dazu wäre er – wenn er sich auf den Sport konzentriert. Von mir aus kann er so lange bleiben wie Streich in Freiburg. Das allerdings dachten wir bei Daniel Bierofka auch schon.

„Wenn wir aufsteigen, können wir ihn vielleicht noch eine Saison halten, aber sicher nicht länger.“

Robert Reisinger über Leandro Morgalla

In Leandro Morgalla hat 1860 mal wieder ein Supertalent am Start. Leider ist er als 17-Jähriger nur mit einem Fördervertrag gebunden. Gibt es die Chance, dass so ein Juwel mal länger bleibt?

Gegenfrage: Haben wir das in der 2. Liga mit Volland oder den Benders geschafft? Also. Warum sollte uns das dann in der 3. Liga gelingen? Ich wünsche Leandro alles Gute, er ist ein Topspieler und sicher auch im Herzen ein Blauer. Wir wissen aber alle, wie das Geschäft läuft. Wenn wir aufsteigen, können wir ihn vielleicht noch eine Saison halten, aber sicher nicht länger.

Wie schafft es dann Manni Schwabl in Unterhaching, mit einem Verkauf den Verein zu sanieren?

Ich rede oft mit dem Manni – dieses Geheimnis hat er mir leider noch nicht verraten.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer Zukunft: 2024 werden Sie ein echter Sechzger – und gewählt sind Sie bis 2025. Setzen Sie sich eine Frist, wie lange Sie 1860 an vorderster Front führen wollen?

Das hängt auch ein bisschen von meinen Vizepräsidenten ab. Wenn Heinz (Schmidt) und Hans (Sitzberger) an Bord bleiben, könnte ich mir eine weitere Amtszeit vorstellen. Wir verstehen uns gut, jeder weiß, wo er seinen Platz hat. Wir haben noch ein paar Baustellen vor uns: Aufstieg in die 2. Liga, Kapitalerhöhung, Bau der Turnhalle. Ich hinterlasse nicht gerne halbe Sachen, Fragen Sie mich in drei Jahren wieder!

Interview: Uli Kellner

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