So war 2016 bei den Löwen

Rollende Köpfe und große Träume bei den Löwen

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Investor Hasan Ismaik hält die Löwen auf Trab. 

München - Der Fußball-Zweitligist TSV 1860 ist sich auch 2016 treu geblieben. Meist war mächtig was los, immer wieder ging es drunter und drüber. Wir blicken zurück.

Zwei Cheftrainer mussten gehen, zwei Sportdirektoren, zwei Geschäftsführer; zwei Verwaltungsräte traten freiwillig zurück. Sportlich kam dabei – wieder einmal – nichts anderes heraus als permanenter Abstiegskampf. Geträumt wurde dennoch: Und zwar von der Champions League. Sieger gab es – neben dem als Nothelfer überzeugenden Interimscoach Daniel Bierofka – im Grunde nur einen: nämlich Hasan Ismaik. Der Investor hat nun endgültig das Kommando im Verein übernommen. Unser Rückblick auf das Löwen-Jahr 2016 bezieht sich somit nicht zuletzt auf Ismaiks Sicht der Dinge, oder genauer gesagt: Seine Facebook-Botschaften.

15. Januar: Das Jahr beginnt verheißungsvoll. Hasan Ismaik setzt seine Medienoffensive mit einem großen Versprechen fort: „Mit euch Löwen werden wir ein neues Stadion bauen, das den Namen, die Identität und Tradition von 1860 trägt.“

20. Januar: Ismaik schwört den blauen Anhang mit einem Zitat des Philosophen Friedrich Nitzsche auf die Rückrunde ein: „Wir leben in einem System, in dem man entweder das Rad sein muss oder unter die Räder gerät.“

31. Januar: Die Löwen holen in der Winterpause fünf Neuzugänge (Aycicek, Beister, Mauersberger, Mölders, Sukalo), Trainer Benno Möhlmann meint: „Wir haben jetzt einen Kader beisammen, der durchaus gutes Zweitliganiveau hat.“

7. Februar: 1860 startet mit einer 0:1-Heimniederlage gegen Nürnberg und Platz 17 in den zweiten Saisonabschnitt.

„Unser Traum ist es, in der Champions League zu spielen“

19. Februar:Hasan Ismaik ist zu Gast bei einem Fanklub-Treffen in Rudelzhausen und erklärt: „Wir müssen den Verein von den Personen befreien, die gegen ihn arbeiten.“ Seine geharnischte Kritik zielt auf die Geschäftsführer Markus Rejek und Noor Basha, Ismaiks Cousin. „Das war eine Demontage, das trifft mich in meiner Reputation“, sagt der geknickte Rejek. Seine Tage bei 1860 sind tatsächlich gezählt, auch die von Basha. Ihren Spaß haben die 360 Fans in der Holledau, Ismaik übernimmt die Zeche.

15. April: 1:2-Niederlage gegen Duisburg, Sechzig rutscht auf einen Abstiegsplatz (17.) ab. Der MSV profitiert von einer Fehlentscheidung des Referees Thorben Siewer, der ein Duisburger Tor anerkennt – obwohl der Ball die Linie nicht überschritten hatte.

19. April: Cheftrainer Benno Möhlmann muss gehen, Daniel Bierofka, Coach des Regionalligateams, springt ein.

24. April:Rubin Okotie schießt Sechzig in der 87. Minute zum 1:0-Heimsieg gegen Braunschweig und beschert Bierofka einen umjubelten Einstand.

29. April:2:0-Sieg bei St. Pauli (Tore: Claasen, Aycicek), 1860 klettert auf Rang 14.

7. Mai: 1:0-Heimsieg über Paderborn (Tor: Mauersberger) vor 54 000 Zuschauern, 1860 ist gerettet, die Spieler werfen den zu Tränen gerührten Bierofka gemeinsam in die Luft. Später sagt er: „Ich hatte nur Angst, dass sie mich fallen lassen. Drei Bandscheibenvorfälle hatte ich schon, einen vierten hätte ich nicht mehr vertragen.“ Auch Ismaik atmet auf: „Die letzten Wochen haben für vieles entschädigt. Ans Gewinnen könnte ich mich gewöhnen.“

7. Juni: Kosta Runjaic wird als neuer Cheftrainer vorgestellt. Sportchef Oliver Kreuzer meint: „Wir glauben, dass Kosta mit seinem Profil sehr gut zu 1860 passt.“ Runjaic bezeichnet Sechzig als „einen Verein mit Charme“.

19. Juni: Bei der Mitgliederversammlung muss 1860-Präsident Peter Cassalette einen Dämpfer hinnehmen. Er wird mit nur 59,4 Prozent wiedergewählt.

22. Juni:Paukenschlag: Oliver Kreuzer, der beliebte Sportchef, wird nach nur acht Monaten gefeuert. Als Nachfolger kommt Thomas Eichin. In der Nacht darauf wird die 1860-Geschäftsstelle mit Anti-Ismaik-Parolen beschmiert.

27. Juni: Bei seiner Vorstellung sagt Geschäftsführer Eichin: Für mich ist wichtig, dass ich das Vertrauen habe, ich habe ein sehr gutes Gefühl. Wir wollen in die Erfolgsspur und irgendwann in die Erste Bundesliga.“

Bizarres Gastspiel im Trainingslager

7. Juli: Ein bizarres Gastspiel gibt im Trainingslager in Bad Waltersdorf/Steiermark der marokkanische Profi Adel Taarabt, der schon bei Benfica Lissabon, Tottenham und AC Mailand gespielt hat. Der extra eingeflogene 27-Jährige erscheint im Teamhotel in schrillem Goldjäckchen, sechs Stunden lang gilt er als Neuzugang, dann erklärt Eichin die Verhandlungen für gescheitert.

16. Juli: Beim sogenannten „Heimatabend“ im ausverkauften Grünwalder Stadion schlägt 1860 in einem Testspiel das stark ersatzgeschwächte Team von Borussia Dortmund. Ismaik frohlockt: „Ich freue mich sehr auf die neue Saison.“

27. Juli: Erster Höhepunkt der Transferbemühungen: Ivica Olic wird verpflichtet. Eichin attestiert dem 37-jährigen Kroaten „Top-Fitness und sehr gute Athletik“.

30. Juli:Heimkehrer Stefan Aigner wird beim Fanfest begeistert gefeiert. Ismaik schreibt: „Wir wollten Euch mit der Rückholaktion von Stefan Aigner eine kleine Freude bereiten. Für mich gibt es nichts Schöneres, als Euch glücklich zu sehen.“

4. August: Ismaiks Fazit der Saisonvorbereitung: „Alle Mitarbeiter des TSV 1860, insbesondere Thomas Eichin und Kosta Runjaic, haben in den letzten Wochen überragende Arbeit geleistet.“

7. August: 1860 startet mit einem 0:1 in Fürth. Sieben der neun Neuzugänge stehen in der Startelf.

14. August: 1:0 gegen Bielefeld, erster Saisonsieg. Ismaik wird am gleichen Tag 39. Sein Kommentar: „Ein schöneres Geburtstagsgeschenk als diesen 1:0-Arbeitssieg über Bielefeld hätte ich mir nicht wünschen können.“

11. September: Aigner verletzt sich im Training bei einem Pressschlag mit Andrade am Knie und fällt lange aus.

13. September:2:1 in Nürnberg, 1860 spielt groß auf. Auch Ismaik ist hingerissen: „Das ist das neue Sechzig, wie wir es uns immer gewünscht haben. Danke für diesen Fußballabend. Ich würde jetzt gerne mit Euch feiern.“

22. September: Es folgen ein 1:2 gegen Union Berlin und ein 2:2 beim FC St. Pauli, dochIsmaik gibt sich unverzagt: „Die neuen Löwen präsentieren sich unter Kosta Runjaic in einer Art und Weise, wie wir sie uns immer gewünscht haben: Wild, kämpferisch und entschlossen.“

24. September: Der euphorisch gestimmte Ismaik legt in einem kicker-Interview nach: „Wir sind auf dem richtigen Weg, aus 1860 einen der besten Vereine Europas zu machen. Unser aller Traum ist es, in die Bundesliga aufzusteigen und eines Tages auch in der Champions League zu spielen.“ Falls die 50+1-Regel fällt, dann wäre Ismaik bereit, 100 Millionen Euro in neue Spieler zu investieren, „vielleicht auch 200 Millionen Euro“. Ismaik: „Dann würde ich zu Thomas Eichin und Kosta Runjaic sagen: Jetzt kauft 1860 Stars.“ Zudem kündigt der Jordanier an, dass in der kommenden Saison Ian Ayre, Vorstandsvorsitzender des FC Liverpool, den TSV 1860 verstärken werde.

25. September: 0:2-Niederlage gegen Hannover. Die Löwen blamieren sich nicht nur wegen ihrer Wiesn-Trikots. Runjaic: „Das muss ich erstmal verdauen.“

2. Oktober: 0:1 gegen Würzburg – Ismaiks Laune verdüstert sich: „Es fällt mir heute sehr schwer, die richtigen Worte zu wählen. Ich bin genauso enttäuscht wie Ihr.“

12. Oktober: Wettskandal um Ivica Olic. Der DFB sperrt den Kroaten für zwei Partien. Olic hatte auf neun Spiele der 2. Liga gewettet und damit gegen das Wettverbot verstoßen. Olic: „Ich habe mich mit Freunden an Kombi-Wetten beteiligt, indem ich ihnen meine Kreditkarte zur Verfügung gestellt habe.“ Es sei ihm dabei nicht um das Geld gegangen, sondern nur um den Spaß. „Es tut mir sehr leid.“

16. Oktober:1:3-Heimniederlage gegen Düsseldorf, Sechzig bietet eine miserable erste Hälfte. Eichins Kommentar: „Hinten nix, Mitte nix, vorne nix.“ Ismaik schimpft: „Ich kann nach dieser blamablen Vorstellung jeden einzelnen Fan von Euch verstehen, der heute richtig sauer ist. Ich bin es auch. 1860 wurde hingerichtet von einer Mannschaft, die von der Papierform her nicht besser ist als wir.“

„Es gibt Leute im Verein, die Korruption und Plünderung unterstützen“

21. Oktober:Die Talfahrt geht weiter: 1:2 in Stuttgart, 15. Platz. Runjaic hadert: „Wir sind vom Glück nicht gerade verfolgt, und dann kommt auch noch Pech dazu.“ In der Schlussminute war ein reguläres Tor von 1860-Angreifer Nico Karger zum vermeintlichen 2:2 nicht anerkannt worden.

25. Oktober: 4:3 im Elferschießen gegen Kickers Würzburg, 1860 zieht ins Achtelfinale des DFB-Pokals ein, der in den Wochen zuvor groß aufspielende Victor Andrade erleidet einen Kreuzbandriss.

6. November: 2:3 in Sandhausen. Eichin: „Ich habe keine Erklärung dafür, wie man dieses Spiel noch abgeben kann.“ Cassalette sagt: „Es kann doch nicht immer die Reaktion sein, dass man den Trainer rausschmeißt. Das hat doch in der Vergangenheit auch nichts gebracht bei Sechzig.“

21. November:1:1 gegen Kaiserslautern – Coach Runjaic wird gefeuert, die Trennung stand schon vor dem Spiel fest. Erneut hilft Bierofka aus. Ismaik wettert: „Wir haben am meisten in der Zweiten Liga investiert, und es kommt nichts dabei raus.“

24. November:Ismaik holt zum Rundumschlag aus. Der zuvor schon degradierte Eichin wird durch den neuen Geschäftsführer Anthony Power ersetzt. Es wird ein Presseboykott ausgerufen und Hausverbot für alle Medien erlassen. Die Verwaltungsräte Karl-Christian Bay und Christian Waggershauser treten zurück. Ismaik giftet auf Facebook: „Es ist ein dreckiges Spiel zwischen Medien und Hintermännern, das ich längst durchschaut habe. Mit ihrer Lügenkampagne bringen die Medien mich jeden Tag noch näher an 1860 als weg davon. . . . Der TSV 1860 ist zum Spielball von dunklen Interessen geworden.“ Der Mann aus Abu Dhabi mutmaßt aber auch den Feind im Inneren: „Es gibt Leute im Verein, die Korruption und Plünderung unterstützen – ich werde mit allen Mitteln dagegen vorgehen.“

„Wer glaubt Hoeneß eigentlich zu sein?“

4. Dezember: Ismaik hat einen neuen Feind geortet: Den FC Bayern und dessen Präsidenten Uli Hoeneß. Der Jordanier mutmaßt finstere Machenschaften beim Verkauf der 1860-Anteile an der Allianz Arena. Seine Ankündigung: „Wenn es der erklärte Wunsch unserer Mitglieder und Fans ist, diesen Fall wieder aufzurollen, werde ich die besten Anwälte einschalten, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Großen Beifall im 1860-Anhang findet zudem der Ismaik-Konter auf Hoeneß’ Bemerkung, 1860 sei ein „schwindsüchtiger Partner“. Die Retourkutsche: „Wer glaubt Hoeneß eigentlich zu sein? . . . An Hoeneß‘ Stelle wäre eigentlich Demut angebracht, stattdessen versucht er sich auf unsere Kosten lustig zu machen. Hat er in den letzten Jahren nichts dazu gelernt?“ Der FC Bayern lässt Ismaiks Einlassungen unkommentiert.

16. Dezember: Im letzten Spiel vor der Winterpause müssen sich die Sechziger mit einem Remis zuhause gegen Heidenheim begnügen. Ismaik zieht Halbzeitbilanz: „Auch wenn die Mannschaft beim 1:1 gegen Heidenheim einen ordentlichen Eindruck hinterlassen hat, war die Vorrunde für mich sehr enttäuschend. Die Entwicklung der letzten Monate war nicht nur für unsere treuen Fans, sondern auch für mich untragbar und absolut inakzeptabel. Es darf nicht sein, dass der TSV 1860 Jahr für Jahr seine Anhängerschaft regelrecht verprellt. Ich werde die Minderleistung in allen Ebenen nicht mehr länger akzeptieren.“

19. Dezember: Der Portugiese Vitor Pereira wird als neuer Cheftrainer den Medien präsentiert, danach zieht Ismaik mit dem Coach in einem Münchner Wirtshaus ein und wird von rund 400 Fans jubelnd empfangen. Die Zeche übernimmt natürlich Ismaik. Seine Begeisterung fasst er so zusammen: „Das gemeinsame Mittagessen mit mehreren hundert Fans war einer der Höhepunkte in meiner bisherigen Zeit bei den Löwen. Dort habe ich trotz unserer sportlich schwierigen Lage viele glückliche Gesichter gesehen, weil Vitor Pereira mit seiner offenen Art sofort positiven Anklang gefunden hat.“ Pereira liefert dann auch noch die dazu passenden Planziele. Er werde den TSV 1860 dorthin bringen, wo der Verein hingehöre: „Zu den Großen im deutschen Fußball.“ Zuvor allerdings muss Pereira die Sechziger noch vor dem Absturz in die 3. Liga retten.

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