"Sonst ist für uns hier Schluss"

Rosenheim-Spieler drohen mit kollektivem Abgang

Da jubelten sie noch: Die Gefahr besteht, dass der TSV 1860 Rosenheim in drei Wochen zum Trainingsstart keine Mannschaft mehr hat.

TSV 1860 Rosenheim - Bei TSV 1860 Rosenheim kracht es nur zweieinhalb Wochen nach dem Pokaltriumph gewaltig. Die Spieler wehren sich gegen die unmöglichen Rahmenbedingungen, unter denen sie Leistung bringen sollen, greifen vor allem die Stadt an und drohen mit kollektivem Abgang.

von Reinhard Hübner

"Unter diesen Voraussetzungen spielen wir hier nicht weiter!" Wenn ein Michael Kokocinski, der sich selbst einmal als "zu brav" für den Profifußball bezeichnet hat, so kompromisslos auftritt, muss sich viel angestaut haben in den letzten Jahren und Monaten.

Dabei scheint der TSV 1860 Rosenheim gerade auf dem Zenith seiner Entwicklung zu stehen, hat vor zweieinhalb Wochen sensationell den bayerischen Totopokal gewonnen, die erste Regionalligasaison gerade mit einem 4:0 gegen Eltersdorf und dem siebten Tabellenplatz abgeschlossen, hat sich großen Respekt und überregional Anerkennung verdient. Nun aber droht Kokocinski im Namen seines Teams ganz offen damit, das, was hier aufgebaut wurde, krachend einstürzen zu lassen?

Die Gefahr besteht, dass der TSV 1860 Rosenheim in drei Wochen zum Trainingsstart keine Mannschaft mehr hat. Und dabei geht es nicht, wie meist im Fußball, um Geld. "Mal ein paar Monate auf den Lohn warten zu müssen, haben wir klaglos hingenommen. Was wir aber nicht mehr hinnehmen werden, sind die Umstände, unter denen wir hier Fußball spielen müssen. Es fehlt an Trainingsplätzen, an Unterstützung, wir fühlen uns von der Stadt, die wir in ganz Bayern positiv repräsentieren, total im Stich gelassen." Jetzt wolle man belastbare Zusagen, dass etwas passiert. "Sonst ist für uns hier Schluss", spricht er auch für alle seine Mannschaftskollegen.

"Wir nehmen diese Drohungen sehr, sehr ernst"

Mit diesen Forderungen haben Kapitän Kokocinski und Torhüter Robert Mayer als sein Stellvertreter beim Abschlussessen am Samstag die Abteilungsleitung um Hans Klinger erst mal richtig geschockt. Klinger aber zeigt durchaus Verständnis: "Wir nehmen diese Drohungen sehr, sehr ernst. Wir wissen, dass wir Gefahr laufen, eine komplette, ungeheuer charakter- und spielstarke Mannschaft zu verlieren, die uns in den letzten Jahren so viel Freude gemacht hat. Es wäre eine Katastrophe für den Verein und die gesamte Jugendarbeit", die hier seit vielen Jahren so vorzüglich geleistet wird. Und eine unglaubliche Blamage für die "Sportstadt" Rosenheim, die, kurz nach der Qualifikation für den DFB-Pokal, auch bundesweit für Schlagzeilen sorgen würde.

"Drei Jahre haben wir auf einem Top-Niveau gespielt, uns den Arsch aufgerissen", wählt Kokocinski drastische Worte, "wir haben viel auf uns genommen, auf vieles verzichtet, haben unter Bedingungen trainiert, die eines Regionalligisten unwürdig sind. Zum Training müssen wir über die Dörfer tingeln, einmal hier, mal dort, mal auf einem Fleckchen Kunstrasen, zwischen acht Jugendmannschaften, das ist wohl einmalig in der deutschen Fußball-Landschaft." Und trotzdem habe man immer alles gegeben, so viel erreicht, Erfolge eingefahren wie den Aufstieg in die Bayernliga, die Meisterschaft 2012, den Regionalliga-Aufstieg, den Pokaltriumph. Klinger, der ja selbst seit Jahren die Rahmenbedingungen anprangert, lobt: "Diese Mannschaft hat einen unglaublichen Charakter bewiesen."

"Es muss viel mehr Druck auf die Stadt ausgeübt werden"

Doch sie ist nicht mehr bereit, sich mit lobenden Worten und vagen Zusagen abspeisen zu lassen. Sie will Fakten geschaffen wissen. Und nimmt dafür auch die Vereins- und Abteilungsleitung in die Pflicht. "Es müssen klare Strukturen her, viel mehr Druck auf die Stadt muss ausgeübt, die Sponsorenakquise intensiviert werden", fordern die Spieler, "wir wollen, dass das, was wir hier leisten, auch entsprechend anerkannt wird. Wir alle würden gerne hier weiterspielen, aber nicht mehr so. Uns geht es um den Verein, gerade auch um die Jugend, die hier in einem Leistungszentrum, aber wie wir unter denkbar schlechten Verhältnissen trainiert." Wenn sich nichts ändere, sagt Kokocinski, dann ziehe er vor, sich lieber mehr "um meine Familie zu kümmern, die des Fußballs wegen zuletzt zu kurz gekommen ist." Oder man sucht sich einen anderen Verein, "da dürfte kaum einer Probleme haben, woanders unter zu kommen. Wir haben nichts zu verlieren." Aber Rosenheim, die Stadt, der Verein.

Am heutigen Montag Abend trifft sich die Vereinsspitze, da wird Kokocinski das Anliegen der Mannschaft explizit vortragen. "Drei Jahre haben wir versucht, etwas zu erreichen. Es ist nichts, aber auch gar nichts passiert. Wir wollen keinen erpressen, doch klar aufzeigen, dass wir diese Umstände, unter denen wir Leistung bringen, auf Dauer nicht mehr tolerieren." Und ohne klare Zusagen werde es wohl nicht mehr weitergehen mit Regionalliga-Fußball in Rosenheim. Und das hätte gravierende Folgen, weiß auch Klinger: "Dann würde hier alles einstürzen."

Schon sicher verlassen wird den Verein übrigens auch Christian Hofmann. Er wurde vor dem Spiel am Samstag gemeinsam mit Dominik Haas, Florian Pflügler und Florian Hofmann verabschiedet.

Quelle: fussball-vorort.de

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