Buchbachs Führungsspieler

Aleksandro Petrovic: Das Glück abseits des Profi-Wahnsinns

Spaß, Freude am Fußball, Kameradschaft: All das hat Petrovic (oben) beim TSV Buchbach gefunden. (Foto: Hübner)

Aleksandro Petrovic gehört zu den Spielern, die die Regionalliga Bayern prägen. Von Anfang an ist der gebürtige Serbe dabei, von 181 möglichen Spielen hat er 171 bestritten, alle für den Dorfklub TSV Buchbach. Dort hat er sein Glück gefunden, nach enttäuschten Profi-Hoffnungen.

Warum nur spielt ein Aleksandro Petrovic bei einem Dorfverein wie dem TSV Buchbach, nun schon die achte Saison? Petrovic ist, wie man heute sagt, ein richtig geiler Fußballer, bestens ausgebildet, technisch beschlagen, hat Führungsqualitäten. Eigentlich, das weiß er selbst, wäre „viel mehr drin“ gewesen für ihn. „Ein guter Zweitligist, ein schwächerer Erstligist“, das hätte es schon sein können. Mit 29 aber kickt Petrovic viertklassig. Und ist keineswegs unglücklich. Hier nämlich findet er, was er im Profigeschäft vermisst hat: Freunde, Freude, Spaß, ein familiäres Umfeld mit Idealisten, „die alles für den Verein tun“, ehrenamtlich, einfach, „weil sie sich mit der Sache identifizieren“.

Vielleicht ist genau das die Welt, die Petrovic braucht. In jungen Jahren hat er auch die Schattenseiten des Profifußballs kennenlernen müssen, enttäuschte Hoffnungen, leere Versprechungen, beinharte Konkurrenzkämpfe innerhalb der Mannschaft, Rivalität statt Kameradschaft. Nach diesen Erfahrungen ist Buchbach für Petrovic so etwas wie das Paradies auf Erden. 

Petrovic, 1988 in Serbien geboren, ist 1991 während der Kriegswirren in seiner Heimat nach Deutschland gekommen, nach München, nach Giesing, wo die Oma lebte. Mit acht geht es zum FC Bayern, neben Mats Hummels durchläuft er alle Altersstufen bis in die A-Jugend, er ist immer Stammspieler, bei verschiedenen Trainern Kapitän, wird deutscher Jugendnationalspieler. Alles schien auf eine große Zukunft hinzudeuten.

Doch der Junge überschätzt sich, hat das Gefühl, „es läuft, ich muss gar nicht mehr machen“. Als „jugendlichen Leichtsinn“ bezeichnet er das heute, was im Fußball prompt bestraft wird. Die hoffnungsvolle Karriere bekommt ihren ersten Knick, unter Kurt Niedermayer landet Petrovic immer öfter auf der Bank. Und verlässt den Verein. „Vielleicht ein Fehler“, sagt er heute.

Irrfahrt durch Europa beginnt

Dem gleich der nächste folgt: Petrovic spielt beim SSC Neapel vor, einem großen Klub, bei dem „man überall mit Diego Maradona konfrontiert wird“. Das aber ist verklärte Vergangenheit, aktuell ist man gerade von der Serie C in die Serie B aufgestiegen. Ein Zweitligaaufsteiger? Zu wenig für Petrovic‘ Ambitionen. Getragen von einer gewissen Hybris sagt er ab: „Dabei hätte ich wissen müssen, dass dieser Verein wieder ganz nach oben kommt.“ 

Er hat Fehler gemacht, das gibt er selbstkritisch zu. Aber auch bittere Erfahrungen. Probetraining in Groningen: „In Holland wird ein technischer Fußball gespielt, das hätte optimal gepasst.“ Der Trainer will ihn, „hol deine Sachen und komm zurück“, gibt er ihm mit auf den Weg zum Nachtzug. Was dann passierte, weiß Petrovic bis heute nicht genau. Lag es am Berater, am Vorstand, am Geld? Jedenfalls wird nichts aus dem Engagement, „was ich bis heute bedaure“.

Nach einem Jahr bei FK Zemun in der serbischen Prva Liga, wo der glühende Anhänger von Roter Stern Belgrad zwar im Stadion seiner großen Idole Prosinecki, Mihajlovic und Savicevic spielen darf, sich fußballerisch aber nicht weiterentwickelt, geht es zurück nach Deutschland, nach sechs Monaten ohne Verein holt ihn Dynamo Dresden. Petrovic ist 20 und ahnt nicht, dass das schon seine letzte Station im Profifußball werden sollte. 

Dresden, 3. Liga, eingefleischte Fans: Aleksandro Petrovic hat sieben Kilo abgenommen, sich gerade nach einem Muskelfaserriss wieder in die Mannschaft gespielt, aber bei den älteren Spielern unbeliebt gemacht, „weil ich meine Fresse nicht halten kann“. Petrovic ist „emotional, wie wir Südländer halt sind“, ist aber ruhiger geworden: „Das hat mir neulich sogar ein Schiedsrichter attestiert.“

In Dresden lernt er auch die hässliche Seite der hoch gelobten Fankultur kennen, nach einem 0:3 gegen Paderborn empfangen ihn und seine Kollegen am Tag danach auf dem Trainingsplatz elf grabähnliche Löcher mit elf Kreuzen. Die Stimmung ist eisig, Petrovic fliegt aus dem Kader, muss zur U23. Ein Trainerwechsel spült ihn wieder nach oben, er spielt ein richtig gutes zweites Jahr, doch die Verhandlungen über einen neuen Vertrag scheitern. Petrovic hat zu lange gezögert, sich auf Versprechungen verlassen, bei den Münchner Löwen unterkommen zu können, 2. Liga. Dafür hat er andere gute Angebote ausgeschlagen, steht schließlich auf der Straße.

"Ich weiß was ich an Buchbach habe"

„Mit 22 war ich an einem Punkt voller Enttäuschungen“, die schönen Träume vom Profifußball waren zerstört von der Brutalität eines knallharten Geschäfts. Petrovic sucht einen neuen, einen anderen Weg, entschließt sich, nicht mehr nur auf Fußball zu setzen, eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann zu machen: „Nicht mein Traumjob, aber da hatte ich nebenbei Zeit zum Kicken.“ Die Entscheidung für Buchbach war in erster Linie eine Bauchsache, dort, „in diesem Stadion hat schon mein Vater mit dem SK Srbija gespielt“. Nie hatte Petrovic gedacht, so lange hier zu bleiben, „ich bin ja im Leistungssport groß geworden, habe jedes Jahr Leute kommen und gehen sehen.“

In Buchbach aber hat er alles gefunden, was für ihn den Fußball so lebenswert macht, Ruhe, Kontinuität, tiefe Freundschaften, „das ist für mich eine Familie, die ich gegen alle Angriffe verteidige“, sagt er. Beruflich ist er inzwischen Verwaltungsfachangestellter im Münchner Kreisverwaltungsreferat, kümmert sich um Menschen, die heute, wie damals seine Familie, nach Deutschland kommen: „Ich versteh diese Leute und versuche, das Menschenmögliche zu tun, um ihnen zu helfen.“ Fast jeden Tag nach Dienstschluss setzt er sich ins Auto und fährt die rund 70 Kilometer nach Buchbach. „Macht auch Spaß, wir sind ja zu fünft.“ 

Der Aufwand ist riesig, doch er lohnt sich, findet Petrovic: „Ich weiß, was ich an Buchbach habe.“ Manchmal kommen sie wieder, die Gedanken, was wäre gewesen, wenn.?.?. Kontakt zum Profifußball ist noch da, besonders gefreut hat er sich, als auf seinen Facebook-Post über die bestandene Abschlussprüfung prompt der Glückwunsch von Mats Hummels kam. „Das war im Sommer 2014, wenige Stunden vor dem Halbfinalspiel des deutschen Teams bei der WM in Brasilien. Wahnsinn, dachte ich, hat der nichts anderes zu tun als so kurz vor dem Anpfiff an mich zu denken?“

Ähnlich überwältigt hat ihn eine Aussage von Hermann Gerland, der ihn mal als einen der beiden Regionalligaspieler genannt hat, die eigentlich viel höher spielen müssten. „Das ehrt einen, macht aber auch nachdenklich.“ Petrovic weiß, er hat nicht alles getan für die mögliche große Karriere. Aber er hat seinen Frieden gefunden. Mit sich und dem Fußball.

Quelle: fussball-vorort.de

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