Trainer-Duo Baum/Schromm im Interview

„Im Trainingslager dachten sie, wir sind eine A-Jugend"

Heute Test gegen den FC Bayern: Schromm (l.) und Baum werden ab 15 Uhr in Heimstetten dirigieren. FOTO: eibner

SpVgg Unterhaching – Die SpVgg Unterhaching ist bemerkenswert in die Dritte Liga gestartet. Großen Anteil daran trägt das Trainer-Duo: Im Interview sprechen Baum und Schromm über Hachings Stil, eine wissbegierige Generation – und Inhalte aus dem Basketball.

Manuel Baum (33) stieß 2011 als Assistent des damaligen Chefcoaches Heiko Herrlich zum Verein, seit Sommer ist er mit Claus Schromm (43), der vom Bayerischen Fußballverband kam, hauptverantwortlich.

-Herr Schromm, als Sie den sicheren Job beim Verband aufgaben, sagten einige: Oje, warum tut er sich das Himmelfahrtskommando an? Haching-Trainer sind stets gefährdet . . .

Schromm: Mein Schwiegervater hat genau das Gleiche gesagt (lacht). Aber so etwas war immer ein Traum von mir, und nach den ersten Gesprächen mit dem Klub war mir klar: Ich will das machen.

-Herr Baum, wie konnten Sie ihm denn klarmachen, dass es kein Himmelfahrtskommando wird?

Baum: Unser Konzept steht ja schon seit einem Jahr, und wir haben bald gesehen, dass wir viele Deckungsgleichheiten haben. Er hat gemerkt: So gefährlich ist das mit Haching nicht. Sein Vater war ja auch skeptisch, jetzt erinnere ich ihn immer gern daran, dass ich ihm von Anfang an gesagt habe: Wir können mithalten!

Schromm: Das kann ich bestätigen: Manuel hat prophezeit, dass das Team zusammenwächst und den nächsten Schritt machen wird.

-Herr Baum, Sie arbeiten auch als Lehrer – da kommt es mal vor, dass Sie nach Auswärtsspielen ohne Schlaf in die Schule gehen. Nimmt man für den Erfolg alles in Kauf?

Baum: Definitv. Aber das war jetzt nur mal nach dem Saarbrücken-Spiel so. Wir können uns hier als Trainer so verwirklichen – da wird sogar der Schlaf zur Nebensache.

-Müssen Ihre Schüler Haching-Fans sein?

Baum (lacht): Nein. Aber man merkt im Kollegium wie in den Klassen, dass die Leute registrieren, dass sich bei der SpVgg was bewegt. Die Schüler fragen viel nach, und ich finde es auch wichtig, dass sie sich damit auseinandersetzen, aufgrund welcher sachlich-fachlichen Fragen wir hier Entscheidungen treffen.

-Heiko Herrlich sagte, er sei als Trainer noch im Kindergartenbereich – ist Haching heute weiter?

Baum: Bei einigen Spielern hat man das Gefühl, sie haben eine Klasse übersprungen. Also, das Grundschulalter liegt bereits hinter uns.

Schromm: Wenn ich daran denke, wie die Leute in unserem Hotel beim ersten Trainingslager gedacht haben, wir seien eine A-Jugend . . .

Baum:  . . . unser Präsident sagt gerne mal: „Da kommt der Kli-Kla-Klawitterbus . . .“

Schromm:  . . . da haben wir uns schon enorm entwickelt.

-Mit jungen Spielern zu arbeiten hat den Vorteil, dass sie lernfähig sind, ihre Festplatte noch nicht voll ist. Wie viel Speicherplatz haben Ihre Spieler noch?

Schromm: Reichlich. Und die Spieler brauchen große Festplatten. Das ist Grundvoraussetzung, da wir anspruchsvoll sind. Sie müssen sich ständig fragen: Was ist mein Job?

-Ihren eigenen Job definieren Sie so, dass Sie sogar schon in der U 13 Videoanalysen initiieren.

Baum: Uns schwebt vor, dass die Besten aus der U 17 direkt bei den Profis integriert werden können. Bei uns hat jeder U-Trainer seinen Laptop. Schon bei der U 13 filmen die Eltern die Spiele, das Material bekommt der Trainer, und zur Analyse setzen wir uns dann auch mal dazu. Eine Spiel-Eröffnung bei uns sieht man genauso bei unserer U 13.

-Klingt nach Klein-Ajax oder Klein-Barcelona . . .

Schromm: Naja, wir wollen schon unseren eigenen Stil.

Baum: Aber es ist wirklich interessant, wenn du mit einem Buben aus unserer U 13 redest, und der sagt: „Ok, in der Situation machen wir Gegenpressing, in der Situation machen wir das“ – und das Gleiche sagen wir 1:1 den Profis.

-Was macht den eigenen Haching-Stil aus?

Baum: Ich denke, dass die Arbeit im kognitiven Bereich in vielen Klubs noch total unterschätzt wird. Bei uns lechzen die Spieler nach fundierten Erkenntnissen. Diese Generation will sich mit Fußball, den Feinheiten dieses Spiels, auseinandersetzen. Wir sitzen nach einem Spiel kaum im Bus, da wollen die Spieler schon den Laptop mit den Szenen haben. Dann geht es los: „Da stehe ich schlecht, da ist geschlossene Stellung, da ein offener Ball etc.“ – es ist ein hochkomplexer Sport, man muss die Zusammenhänge verstehen. Das können wir nur Spielern vermitteln, die das im Kopf nachvollziehen.

-Also die alte Beckenbauer-Floskel „Geht’s raus und spielt’s Fußball“ ist heute längst passé?

Baum: Da sind wir weit weg. Claus und ich wollen unseren Führungsstil auch nicht über Amtsautorität darstellen, sondern über Fachkompetenz.

Schromm: Früher sind Spieler ins Training und wussten nie, was hinter der oder der Übung steht. Heute hinterfragen sie: Was ist der Sinn von der und der Einheit? Die wollen alles über Fußball wissen.

Baum: Sie konsumieren Training nicht nur, sie gehen den Fußball durch, auf dem Platz, zuhause, bevor sie ins Bett gehen. Ich kriege das auch in der Schule mit: Die schauen Barca, Madrid, schauen, wie Cristiano Ronaldo seine Freistöße schießt und legen sich im Sport-Unterricht den Ball so wie er hin. Die wollen wissen, wie das alles geht, was dahintersteckt. Genauso bei taktischen Fragen. Wenn wir eine Videoanalyse mit dem Team machen, müssen wir uns brutal vorbereiten, weil die Spieler selbst so intensiv in der Materie drin stecken.

-Woran orientieren Sie sich – wie bilden Sie sich?

Baum: Wir haben beide selber relativ hoch gespielt, und bei mir war es so, dass ich als Torwart immer einen guten Blick aufs Feld hatte. Dann haben wir beide studiert, da lernst du andere Sportarten kennen und sagst dir: Im Basketball machen die es so, im American Football so – wieso machen wir das nicht? Die Kombination akademische Ausbildung und Kenntnisse in der Praxis ist stilbildend.

Schromm: Dazu haben wir ja auch Erfahrungen gesammelt – und Fehler gemacht. Wenn ich daran denke, wie ich vor zehn Jahren trainiert habe, da würde ich mir heute nicht einmal die C-Lizenz erteilen.

-Was haben Sie vom Basketball übernommen?

Baum: Es gibt taktische Inhalte, die im Basketball gemacht werden, auf die im Fußball noch keiner gekommen ist, beziehungsweise behauptet wird, sie funktionieren im Fußball nicht. Wir sagen: Sie funktionieren. Und in der einen oder anderen Situation sieht man das auch.

-Was bedeutet für Sie moderner Fußball?

Baum: Ihn zeichnet aus, dass der Kopf stets voll integriert ist. Dazu gehören kognitive Fähigkeiten wie Handlungsschnellligkeit etc. Es gibt für jeden Spieler einen roten Faden, jeder kennt seine Aufgabe. Keine Übung steht für sich selber. Dennoch darf nicht alles in ein Schema gepresst werden. Du kannst einen Spieler durch standardisierte Situationen in Szene setzen, aber ab einem gewissen Punkt brauchst du dann letztlich noch den Schuss Kreativität.

Schromm: Die Spieler müssen sich stets damit auseinandersetzen: Wie ist der Plan – bin ich im Plan? Bei uns merken sie sofort, wenn einer mal aussteigt. Wir sagen dann, er hat in dem Moment seinen eigenen Fußball gespielt. Das darf aber auch mal passieren. Nur nicht permanent.

Interview: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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