Hains Abenteuer: "Verletzt per Taxi ins Krankenhaus"

Verrückte Zeit: Hannes Hain beim Bayern-Fest in Strømmen mit Jan-Åge Fjørthoft, Patrick Irmler, Erland Johnsen und Ali Petrovic.
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Verrückte Zeit: Hannes Hain beim Bayern-Fest in Strømmen mit Jan-Åge Fjørthoft, Patrick Irmler, Erland Johnsen und Ali Petrovic.

TSV Buchbach - Es war eines der größten Abenteuer in seiner Fußball-Karriere: Für ein Jahr kickte Hannes Hain in der zweiten norwegischen Liga. Dort traf er auf Ex-Profis wie Gunnar...

TSV Buchbach - Es war eines der größten Abenteuer in seiner Fußball-Karriere: Für ein Jahr kickte Hannes Hain in der zweiten norwegischen Liga. Dort traf er auf Ex-Profis wie Gunnar Halle oder Jan-Åge Fjørtoft.

Im Vorort-Interview erzählt Hannes von Erlebnissen, die in der deutschen zweiten Liga nicht vorstellbar wären: Schwerverletzt musste er nach einem Spiel mit dem Taxi selbst ins Krankenhaus fahren. Vom Club-Präsident bekam er circa 120 Euro und zwei Wörter mit auf den Weg: "Mach's gut."

Zurück in Deutschland, lässt Hannes Hain die Zeit aus Norwegen nicht los. "An dem Tag, als die Interview-Anfrage kam, war ich in Wasserburg auf dem Christkindlmarkt", erzählt Hain vor dem Interview. "Auf dem Christkindlmarkt wurde die australische Basketballerin Rebecca Thoresen von ihren Schwiegereltern aus Norwegen besucht. Zufällig stellte sich heraus, dass die Schwiegermutter in Strømmen geboren ist. Das ist unglaublich! So klein ist die Welt", erzählt Hain.

Für das Interview mit fussball-vorort.de hat der Buchbacher natürlich noch mehr Anekdoten mit im Gepäck. Die Fragen stellten Janosch Mannel und Christoph Seidl.

Servus Hannes, im deutschen Fernsehen läuft auf Sport1 der Trailer "Die stärkste zweite Liga der Welt". Wie schätzt du die Qualität der zweiten norwegischen Adeccoliga und deines Klubs Strømmen IF ein?

Die 2. Liga in Norwegen ist eine Profiliga. Daher war die Qualität schon hoch. Wir bei Strømmen waren eher ein kleinerer Verein. Trotzdem hatten wir einige richtig gute Spieler, wie etwa U-21-Nationaltorwart Arild Østbø, der mit Norwegen im Halbfinale der EM stand. Deutschland war in der Vorrunde raus. Natürlich ist Norwegen fußballerisch gesehen nicht der Nabel der Welt und wird wohl eher belächelt. Aber man darf das nicht unterschätzen. Harvard Nordtveit etwa ist damals direkt aus der Adeccoliga zu Arsenal gewechselt.

Bist du fußballerisch in Norwegen gereift?

Auf jeden Fall! Mit Erland Johnsen (Ex-Bayern- und Chelsea-Profi) und Gunnar Halle (u. a. Leeds United) hatte ich Trainer, die ihr ganzes Leben in der Premier League verbracht und eine WM gespielt haben. Das waren Vollprofis, die das Spiel verstanden haben. Ich hatte schon bei Buchbach früher mit die beste Einstellung zum Training, aber in Norwegen haben sie mir gelernt, noch intensiver zu trainieren.

War es für dich als ausländischer Spieler schwierig, sich im neuen Umfeld zurechtzufinden?

Ich bin ein offener, kommunikativer Typ. Daher war es für mich nicht so schwierig. Natürlich war es aber vor allem am Anfang nicht immer leicht, wenn man kein Wort versteht und von den Gesprächen dadurch ausgeschlossen ist. Aber da muss man durch. Für mich war es daher umso wichtiger, die Sprache zu lernen.

"Mein Coach hatte sogar ein paar Brocken Bayerisch drauf"

Apropos Sprache: wie lief die Kommunikation mit den Trainern und Mitspielern?

Mit Trainer Erland Johnsen war es leicht. Erland spricht aus seiner Zeit bei Bayern perfekt Deutsch. Er hat sogar ein paar Brocken Bayerisch drauf. Als ich mich zum ersten Mal mit den Trainern getroffen habe, um über ein Engagement zu reden, lief es aber komplett auf Englisch, damit auch Gunnar Halle etwas versteht. Als das Gespräch vorbei und ich schon an der Tür war, sagte Erland noch „Pfiadi Hannes“. Da wusste ich, dass ich für ihn spielen will. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben - soweit weg von daheim.

Und mit der Mannschaft?

Da alle Skandinavier gutes Englisch sprechen, lief die Kommunikation ansonsten meist auf Englisch ab. So nach drei, vier Monaten habe ich den Leuten aber gesagt, dass sie mir alles auf Norwegisch sagen können. Im Laufe des Jahres wurde es immer mehr Norwegisch und mittlerweile spreche ich das ganz ordentlich. Ich weiß zwar nicht, für was ich die Sprache später einmal verwenden kann, aber ich gehe auch jetzt in Deutschland an der Uni zum Norwegischkurs.

"Präsident und Manager drückten mir 1000 Kronen (ca. 120 Euro) in die Hand, setzten mich in ein Taxi und sagten: mach’s gut"

Hört sich nach einen großen Auslandsabenteur an. Gab es auch problematische Phasen in deiner Zeit in Norwegen?

Ja, natürlich. Am schlimmsten war, als ich mir im April bei einem Auswärtsspiel das Jochbein gebrochen habe. Ich hatte höllische Schmerzen und der Präsident und Manager drückten mir 1000 Kronen (ca. 120 Euro) in die Hand, setzten mich in ein Taxi und sagten: mach’s gut! Dann haben die mich alleine ins Krankenhaus geschickt, wo man mich nicht behandeln wollte, weil ich nicht in der Kommune, sondern in Oslo gemeldet war. Daher war ich Stunden irgendwo alleine in einem Krankenhaus und hab geschaut, dass die mich endlich behandeln.

Irgendwann nach Mitternacht haben sie mich dann tatsächlich behandelt und ich bin mit dem Taxi zurück nach Oslo gefahren. Die 1000 Kronen waren nach gefühlt zehn Kilometern aufgebraucht und ich hatte keine Ahnung, wie ich versichert bin. Da wusste ich: dem Manager und Präsidenten ist eigentlich egal, was mit mir ist. Nur Erland Johnsen wollte mir helfen, aber der musste das Spiel noch leiten. Entsprechend habe ich ab diesem Zeitpunkt alles alleine geregelt und nie wieder um Hilfe gefragt. Das prägt, aber ich habe gesehen, dass ich die nicht brauche. 

Jan-Åge Fjørtoft? "Wir hatten einen guten Draht"

Nicht die einzige Geschichte, die du später deinen Enkeln erzählen kannst. Du hast auch Sky-Experte Jan-Åge Fjørtoft kennengelernt. Erzähl uns ist die Geschichte dazu.

Jan-Åge ist ein Freund von Erland. Wenn er Zeit hatte, hat er bei uns die Offensive trainiert. Das waren gute Einheiten, gute Übungen. Ich war froh, wenn er da war. Er hat auch eine gewisse Lockerheit reingebracht, weil er eben ein extrovertierter Typ ist. Wir hatten einen guten Draht!

Gab es Fans mit deinem Namen auf dem Trikot?

Mein Trikot haben nur Leute aus Deutschland gekauft. In Norwegen hatte das keiner. Aber ich war der einzige Spieler, für den die Fans ein Plakat gemacht hatten. Darauf Stand auf Deutsch: „Hannes über alles“. Politisch ist das natürlich nicht ganz korrekt, aber die wollten mir eine Freude machen.

Wurdest du auf der Straße erkannt bzw. angesprochen?

Nein, wegen dem Fußball kannte mich dort kein Mensch!

"In Norwegen sind Bengalos erlaubt"

Was ist das besondere an norwegischen Fußballfans? Unterscheiden sie sich in irgendeiner Art von denen in Deutschland? 

In Norwegen sind Bengalos erlaubt, wenn man die kontrolliert zündet. Entsprechend hat es bei manchen Spielen sauber gebrannt! Ansonsten gibt es kaum Unterschiede.

Sind dir kulturelle Unterschiede zwischen deinen norwegischen und deutschen Mitspielern aufgefallen?

Ja, klar. Die Norweger sind allgemein ein etwas ruhigeres Völkchen. Wenn wir zum Beispiel mit dem Bus zu Auswärtsspielen gefahren sind, herrschte absolute Ruhe. Da lief teilweise nicht einmal das Radio. Ich wollte mich eigentlich immer unterhalten. Aber abgesehen vom Ersatztorwart hatte nie einer Lust. An diese Ruhe konnte ich mich nie gewöhnen. In Buchbach haben wir uns auf den Busfahrten immer Geschichten erzählt. Das war kurzweiliger.

Und: die Trainingseinstellung in Norwegen ist viel besser als in Deutschland. Viele Spieler in Deutschland wollen sich immer drücken, wenn der Trainer gerade nicht hinschaut. In Norwegen herrscht mehr Eigenverantwortung. Das fand ich gut.

"In unserer Gegend ist Buchbach einfach der beste Amateurverein"

Warum hast du dich entschieden, zurück nach Buchbach zu gehen?

Das ist ganz einfach: In unserer Gegend ist Buchbach einfach der beste Amateurverein. Ich habe immer gerne dort gespielt und hatte zu den Verantwortlichen und auch den Fans ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Bei welchem Verein fahren schon 700 Fans zu einem Auswärtsspiel? So etwas erlebt man als Amateur doch sonst nirgends. Außerdem ist mein Bruder Maxi dort Kapitän und auch sonst spielen noch viele Freunde von mir dort.

Gehst du davon aus, dass du deinen Platz im defensiven Mittelfeld zurückerobern kannst?

Ich sags mal so: Wir haben von allen Spitzenteams mit Abstand die meisten Gegentore kassiert und ich bin nun mal ein guter Defensivspieler. Daher denke ich schon, dass ich der Mannschaft helfen kann.

"Komplett abschreiben, darf man Buchbach nie"

Hast du ein weiteres persönliches Saisonziel?

Konkret kann man das nicht sagen. Mein Spiel kann man nicht durch Tore messen. Ich will einfach noch einmal eine gute Zeit in Buchbach haben. Die letzten Jahre waren so erfolgreich, daran will ich anknüpfen. Ich glaube nämlich, dass wir noch nicht am Ende der Entwicklung sind.

Illertissen und Bayern scheinen weit enteilt. Kann der TSV da nochmal rankommen?

Weiß ich jetzt noch nicht. Dafür muss ich erst wieder spielen, um das besser beurteilen zu können. Natürlich ist der Abstand groß. Aber komplett abschreiben, darf man uns nie. Wir müssen uns als Mannschaft weiter entwickeln und schauen, dass wir eine gute Rückrunde spielen.

Würdest du deinen Freunden zu dem gleichen Schritt raten?

Ich muss sagen, dass ich wegen dem Studium nach Norwegen gegangen bin. Ich woollte etwas Neues sehen. Das mit dem Fußball hat sich halt nebenbei ergeben. Wenn sie mich in der 2. Liga nicht genommen hätten, hätte ich wohl die Karriere beendet, da ich nicht mehr in jeder Liga spielen will. Aber so muss ich sagen, dass es insgesamt eine schöne Zeit war. Ich kann es nur jedem raten, ins Ausland zu gehen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Der Fußball war für die Integration perfekt.

Quelle: fussball-vorort.de

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