Kupka: "Wir waren wie Aliens, wie Außerirdische"

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Unterhaching - Engelbert Kupka spricht im Merkur-Interview über ein halbes Leben als Haching-Präsident, Pioniergeist, Ideale auf dem Friedhof und Sprünge vom Zehn-Meter-Turm.

Engelbert Kupka, 73, fungierte 39 Jahre als Präsident der SpVgg Unterhaching. Vergangene Woche übergab er sein Amt an Manfred Schwabl. Er war der dienstälteste Klubvorstand im deutschen Profifußball, im Interview zieht er ein Fazit.

Herr Kupka, 39 Jahre im Amt – was drängt sich beim Rückblick auf?

Es gibt den schönen Spruch: Man soll dem Leben nicht Jahre, sondern den Jahren Leben geben. Es zählt nicht die Zahl der Jahre, sonst hätte ich ja auf Teufel komm’ raus die 40 Dienstjahre vollgemacht. Aber 39 Jahre, das ist natürlich ein halbes Leben. Wo jetzt der Sportpark steht, da war einst nur eine Kiesgrube. Wir haben alles für kleines Geld auf die Beine gestellt, ich habe nicht das Gefühl, jetzt im Gram zu gehen. Und es lief jetzt auch nicht nach der Devise: „Steig’ vom Pferd, bevor es tot ist!“ Ich bin so lange geblieben, bis ich das Gefühl hatte, jetzt ist es soweit, jetzt kann ich gehen.

„Dritte Liga liegt auf der Intensivstation“

Gerade in den letzten Jahren wurde die Finanzierung des Klubs immer schwerer. Sie haben mal gesagt, Sie versuchen, die Seele des Vereins zu retten. Ist Ihnen das gelungen?

Es ging darum, dass wir nicht in die Insolvenz müssen. Der Tod ist ein bleibender Schaden. Und es geht mir darum, dass man Leute hat, die sich einem Verein verbunden fühlen. Dass man nicht das Gefühl hat, es ist alles austauschbar. Wir als SpVgg haben immer versucht, unseren Weg zu gehen. Sogar, als wir in der Ersten Liga waren. Da saß ich mit anderen Präsidenten beim Kaffee, die sagten: „Herr Kupka, wenn Sie mal zehn Millionen Schulden haben, schlafen Sie auch wieder ruhig – nur bei den ersten Millionen hat man Muffensausen.“ Ich bin stolz, dass wir etwas anders waren. Einmal habe ich vorgeschlagen, wir könnten von den TV-Geldern fünf Prozent für den Amateurbereich abgeben, das täte doch keinem weh. Da haben mich alle angeschaut, als käme ich von einem anderen Stern.

Sie haben sich immer als Anwalt kleiner Vereine verstanden. Bei Ihrer Abschiedsrede erinnerten Sie außerdem an den Pioniergeist im Klub – wie viel Pioniergeist braucht man, um die Zukunft zu meistern?

Nur Pioniergeist allein reicht, da muss ich alle Fußballromantiker enttäuschen, längst nicht mehr aus. Die Dritte Liga wird ausbeutet. Sie wurde vom DFB einst als Premium-Kind geboren, da mache ich den Vorwurf, dass man danach die lebenswichtigen Unterhaltskosten verweigert. Man kümmert sich nicht um dieses Kind! Ich habe oft das Gefühl, wir sind fast lästig.

Sie wurden nie müde, Missstände anzuklagen.

Ich bin nicht müde geworden, und zwar ganz einfach, weil ich Recht habe. Man müsste bei den TV-Verträgen mehr für die Dritte Liga rausholen. Da heißt es immer, andere Sportarten kriegen gar nichts – da sage ich: Mit anderen Sportarten macht ihr auch nicht so viel Programm. Möglich wäre auch, dass sich die Dritte Liga selber vermarktet.

Was muss passieren, um die Lage zu verbessern?

Mein Wunsch wäre, dass jeder Verein in der Dritten Liga statt wie bisher 700 000 Euro 1,4 Millionen pro Saison bekommt. Dann könnte man Talente formen und müsste sie nicht ständig aus der Not verkaufen. Das Geld könnte man aus dem DFB-Pokal holen. Schauen Sie: 36 Profivereine bekommen aufgrund ihrer eigenen Vermarktung pro Saison 600 Millionen, wir 20 Drittligisten aber nur 14 Millionen durch die Vermarktung des DFB. Rechnen Sie das um, das sind gerade mal im Schnitt vier Prozent. Vier Prozent! Wir haben 600 000 Euro Pflichtausgaben – bei 700 000 Euro Einnahmen. So treibe ich die Dritte Liga in die Hände von Investoren.

Treiben sich zu viele Scharlatane herum, die großes Geld versprechen und doch nie liefern?

Wir sind da ja ein gebranntes Kind. Aber wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, bist du gezwungen, dir das eine oder andere anzuhören. Ich habe nichts gegen Investoren – doch wenn du dann nur noch vor der Frage stehst, auf welchem Feld du deine Ideale begraben willst, kann das doch nicht der Sinn der Sache sein.

Steuert die Dritte Liga auf ein Desaster zu?

Sie ist mittendrin im Desaster. Es wird vieles kaschiert, manche verkaufen etwa ihre Rasenheizungen, das muss man sich mal vorstellen. In der Politik gibt’s wenigstens Hartz4, hier nichts. Die Dritte Liga liegt auf der Intensivstation.

Lassen Sie uns mal zurückschauen: Am 19. Juni 1973 wurden Sie zum Vorstand gewählt. Wissen Sie, was an dem Tag noch passierte? Uli und Susi Hoeneß gaben sich das Ja-Wort . . .

(lacht) Wirklich? Das ist ja ein Zufall. Wusste ich nicht.

Die Ehe hält bis heute.

(schmunzelt) Da kann man wohl sagen, dass dieser Tag ein guter Tag war, um längere Geschichten anzufangen.

Wie ist Ihre Erinnerung an die damalige SpVgg?

Mei, ist das zum Schreiben? Damals, ganz ehrlich, waren die Fußballer ja fast nicht salonfähig. Da ist gerauft worden auf dem Platz, da haben die Zuschauer am Seitenrand mit dem Hacklstecken die Gegner reihenweise vom Feld gezogen (lacht). Wir haben dann erst einmal versucht, Ordnung in den Laden zu bringen. Wir waren ja B-Klasse – sogar Deisenhofen war unerreichbar, unerreichbar! Bei denen sah es nach Fußball aus, bei uns eher nicht.

Wer waren Ihre wichtigsten Mitstreiter?

Da gab es viele, aber natürlich muss man Anton Schrobenhauser senior nennen. Er sagte damals: „Wir machen jetzt auf Alsenborn!“ Die waren damals gerade in die Zweite Liga aufgestiegen. Ich sagte: „Du bist narrisch!“ Aber dann haben wir losgelegt. Erst kam Peter Grosser als Coach, der die halbe Mannschaft aus Forstenried mitgebracht hat. Und dann ging es stetig bergauf: Bezirksliga, Bayernliga – wir fragten uns, wo soll das alles enden? Dann plötzlich: Zweite Liga! Hier hat die Bude gebrannt, da war eine Rieseneuphorie. Dann wurden wir Vierter in der Zweiten Liga, Edmund Stoiber sagte zu mir: „Mensch, so leicht werdet ihr es nie wieder haben mit dem Aufstieg!“ Er hatte nicht Recht: Das Jahr drauf sind wir dann doch aufgestiegen. Das ist eine Story, die kannst du nur einmal erleben, einen Vergleich zu uns gibt es im ganzen Land nicht. Wenn man allein bedenkt, neben welchen Fußballgestirnen wir uns behaupten müssen mit Bayern und 1860. Bei 1860 haben sie ihren Fans gesagt: Geht uns ja nie zu Haching!

Als Sie 1999 in die Erste Liga aufstiegen, war der Aufschrei im ganzen Land groß. „Fußball im Neandertal“ schrieb der „Spiegel“, und die „Welt“ meinte: „Unterhaching in der Bundesliga, das ist wie Potenzschwäche, Schuppen und Mundgeruch“ . . .

Den Mundgeruch haben am Ende ja die anderen gehabt – weil sie den Mund gar nicht mehr zubekommen haben. Man hatte das Gefühl, wir seien in eine Welt eingedrungen, in der wir nichts verloren hatten – wie Aliens, wie Außerirdische. Dabei hatten wir den Aufstieg ja niemandem geklaut, wir hatten ihn uns doch verdient wie jeder andere. Ich habe damals den Erfolg mit dem Satz „Geld schießt keine Tore“ erklärt. Der Satz ist bis heute ein stehender Begriff.

Und dann gewann Ihr Klub plötzlich Sympathien.

Ja, weil die Leute irgendwann begriffen hatten, dass wir ja nichts Unrechtes tun. Und im ersten Jahr war hier was los – der Sportpark war für die Gegner die Hölle, eine sehr, sehr heiße Hölle, da hat sich der eine oder andere Star umgeschaut. Wir waren dann plötzlich das gallische Dorf.

Und Sie Majestix?

(lacht) Nein. Wenn, waren alle unsere Spieler Majestix. Eine super Truppe. Und hinter den Kulissen hat alles gepasst. So konnten Wunder passieren. Wir waren unheimlich stolz auf dieses Team.

Was war die kurioseste Geschichte Ihrer Amtszeit?

Vielleicht, als der der damalige Trainer Karsten Wettberg hier im Schwimmbad nach einem Aufstieg mal vom Zehn-Meter-Turm gesprungen ist – mit fragwürdigen Haltungsnoten. Ich hatte an dem Tag keine Lust, aber ich bin da schon auch runtergesprungen und kann sagen: Da musst du eine Kerze machen. Sonst kann es sehr schmerzen.

„Aus diesen Wurzeln kann etwas wachsen“

Schmerzhaft können auch Abschiede sein – aber Sie wirken zufrieden.

Natürlich geht es mir nahe, dass jetzt so ein langes Kapitel zuende geht. Aber irgendwann ist deine größte Sorge: Wie geht es weiter? Bleibt das Kind gesund, oder fällt es hin, wenn man nicht mehr da ist? Das Amt ist sehr kräftezehrend, irgendwann brauchst du da neue Leute. Ich wünsche dem Manni, dass ihm alles gelingt, was er sich vorgenommen hat. Das Konzept mit Talenten aus der Region ist sehr, sehr gut. Vielleicht gelingt es uns, eine Fußballschule aufzubauen, die von sich reden macht. Die Basis ist gelegt. Was wir hier machen, ist ein Wurzelgeflecht, aus dem Blüten wachsen. Es können schöne werden.

Interview: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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