Immer mehr „Gitterträger“ hochklassig auf dem Eis

Jugendwelle in der Profiliga: Die Moukokos der DEL

Dominik Bokk bei der U20-WM im Januar 2020 in Tschechien.
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2017 ließen die Kölner Haie den damals 17-jährigen Dominik Bokk (links) ziehen. Heute steht er bei den Carolina Hurricanes unter Vertrag.

Die Jugend stürmt und drängt nach vorn: In der DEL tauchen plötzlich 16-Jährige auf. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Teams mindestens zwei Spieler unter 23 im Kader haben müssen. Aber auch mit Corona.

In Nürnberg haben sie jahrelang nach Zahlen verpflichtet. Je mehr Partien in der nordamerikanischen NHL ein Spieler vorzuweisen hatte, desto begehrenswerter erschien er den Ice Tigers. 2015 griffen die Franken begeistert zu, als ihnen Dany Heatley offeriert wurde, der mal als Weltbester gegolten hatte. Lange her: Mit damals 34 Jahren hatten über 900 Profispiele ihre Spuren hinterlassen. Heatley war halber Invalide, als er eine Saison für Nürnberg spielte. Seine letzte. Nur sein Torabschluss funktionierte noch. Aus dem Stand erzielte der Kanadier 19 Treffer.

Heute berauscht sich Nürnberg an anderen Daten: Neulich gelang Moritz Elias sein erstes Tor in der Deutschen Eishockey Liga – mit 16. Der Stürmer ist Jahrgang 2004. Wie auch Roman Kechter. Der Junioren-Nationalspieler wird im Februar 17. Nürnberg, Heimstatt der Spieler mit den vernarbten NHL-Gesichtern, erfreut sich an zwei „Gitterspielern“.

Wer noch keine 18 ist, muss diesen speziellen Gesichtsschutz tragen. Vorige Saison mischten drei Gitterspieler die DEL auf: Tim Stützle in Mannheim, Lukas Reichel in Berlin, John-Jason Peterka in München. Der Jahrgang 2002 galt aus Ausnahmeerscheinung, und man glaubte, es würde so schnell nichts nachkommen von unten. Diese Saison jedoch beweist das Gegenteil.

Mit Julian Lutz, geboren im Februar 2004, hat der EHC München den nächsten Hochbegabten in seinem Talentepool in Salzburg ausgemacht; beim MagentaSport Cup durfte der Stürmer schon einmal reinschnuppern, prompt gelang ihm ein Assist. Die Adler Mannheim bauten, nachdem er bei der U20-WM brilliert hatte, Florian Elias (18) in eine der vorderen Sturmreihen ein. Bei den Krefeld Pinguinen werden die Stimmen lauter, den gerade 17 gewordenen Luca Hauf aus der in der Oberliga Nord spielenden Reservemannschaft nach oben zu ziehen – er kommt auf fast einen Scorerpunkt pro Partie. Bei den Kölner Haien wurde der 16-jährige Verteidiger Leo Hafenrichter in den DEL-Kader aufgenommen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dieser Club 2017 den seinerzeit 17-jährigen Dominik Bokk nach Schweden ziehen ließ, weil man ihm die DEL nicht zutraute – ein paar Monate später war er Erstrunden-Draftpick der St. Louis Blues.

Die Jugendwelle hat ein wenig damit zu tun, dass die DEL eine U 23-Regelung eingeführt hat: Zwei Spieler müssen jünger als 23 sein, nur dann dürfen alle 19 Stellen der Mannschaft besetzt werden. „Doch klar hilft auch der durch Corona entstandene Kostendruck“, glaubt Gernot Tripcke, der Geschäftsführer der DEL. „Mancher Kontingentspieler, der viel vom Etat auffrisst, ist durch einen jungen deutschen Spieler zu ersetzen.“

Und es hat sich auch die Ausbildung verbessert. Im deutschen Eishockey wurde ein Fünf-Sterne-Programm aufgelegt, die Nachwuchsabteilungen werden zertifiziert. Die beiden höchsten Ligen DEL und DEL2 veranstalten im Sommer „Future Camps“. Im ersten war, wie Gernot Tripcke erinnert, ein Zwölfjähriger namens Tim Stützle dabei. Der ist mittlerweile 19 und spielt bei den Ottawa Senators in der NHL. Mannheim, das Stützle hervorbrachte, hat mit den Jungadlern eine exquisite Nachwuchsabteilung, München ist an der Red-Bull-Akademie im österreichischen Liefering beteiligt.

„Vor drei Jahren war man als Spieler unter 20 in der DEL noch ein Exot“, sagt Gernot Tripcke. Heute öffnen sich die Türen der Teamkabinen für 16-Jährige.

In der DEL war 16 schon immer das mögliche Eintrittsalter, und Spieler, die später zu Größen in der NHL wurden wie Marco Sturm (aus Landshut) und Marcel Goc (damals in Schwenningen), debütierten in den 90er-Jahren als Jugendspieler unter Männern. Die Fußball-Bundesliga lässt 16-Jährige erst seit der laufenden Saison zu – eine Regelung, mit der man Borussia Dortmund und Youssoufa Moukoko entgegenkam. Die DEL hat einige Moukokos.

Eishockeyspieler können mit 16 schon recht groß gewachsen sein, oft bringen sie allerdings wenig Gewicht auf die Waage. Potenziell ein Risiko in einer Sportart, in der man auf Abwehrkolosse mit 100 Kilogramm plus treffen kann. Die DEL gibt aber acht: Bei der sportmedizinischen Untersuchung wird überprüft, ob ein Aspirant körperlich reif ist fürs Männer-Eishockey.

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