Langzeit-Projekt für die nächste Generation

- Turin - Zum Frühstück gab es Kaffee und warme Worte. Es war der Morgen nach dem Spiel der deutschen Eishockey-Frauen gegen die USA, mit am Tisch saß die Herren-Nationalmannschaft. Man trifft sich nicht so oft, aber hier in Turin hatten sich die Wege schon am Vorabend gekreuzt, durchaus zur Freude der Männer, die nicht an Lob für die Leistung sparten. Die klare Niederlage tat nichts zur Sache. "0:5 gegen die USA, das ist ein Super-Ergebnis", sagt Christina Oswald. "das Beste, seit es in Deutschland Damen-Eishockey gibt".

Die Verhältnisse sind klar umrissen. Ganz oben thronen USA und Kanada, dann folgen Schwedinnen und Finninnen und dann der Rest mit Deutschland an der Spitze. Der angestrebte Sturm auf die Top 4 musste zwar schon nach dem ersten Spiel und einem 0:3 gegen Finnland abgeblasen werden, doch die positiven Zeichen mehren sich. "Im Vergleich zum letzten Mal war das richtig knapp", sagt Angreiferin Michaela Lanzl. Auf Niederlagen war sie eingestellt.

Der Aufstieg des deutschen Damen-Eishockeys ist ein langfristiges Projekt. Christine Oswald (32), Kapitän und mit 246 Einsätzen Rekordnationalspielerin, verweist auf "die nächste Generation", die zu den Skandinavierinnen aufschließen soll. "Vielleicht knacken wir sie dann." Noch muss man sich mit Achtungserfolgen begnügen. Knappen Niederlagen, neulich einem Sieg gegen Kanadas U 22-Auswahl und dem Vorrücken auf Platz fünf der Weltrangliste. "Man muss sich das mal vorstellen", sagt Oswald. "Deutschland ist kein Eishockey-Land, und dann Platz fünf hinter USA, Kanada, Schweden und Finnland. Wir sind superglücklich."

Platz fünf, einen Rang besser als vor vier Jahren, soll es auch in Turin sein. Olympia ist eine dankbare Bühne für die Schützlinge des Tölzer Trainers Peter Kathan. Michaela Lanzl kriegt regelmäßig Anrufe von Freunden: "Du, da war ein Bericht im Fernsehen." Jeder Auftritt hilft, weiß Lanzl, um die Botschaft ins Land zu tragen. Auch 17 Jahre, nachdem eine Frauen-Auswahl ihr erstes Spiel bestritten hat, "gibt es viele Leute, die nicht wissen, dass Damen Eishockey spielen".

Es ist eine überschaubare Zahl. 2000 in Deutschland, das ist verschwindend gering im Vergleich zu den 40 000 bis 60 000 in Nordamerika. In Deutschland müssen die Spielerinnen einen Teil ihrer Ausrüstung selbst finanzieren, in den Staaten gibt es Stipendien. Die Geretsriederin Lanzl, deren Schwester ebenfalls zur DEB-Auswahl gehört, profitiert von einem. Sie studiert in Minnesota Medizin und spielt parallel Eishockey. Das Niveau der College-Liga "ist so wie bei uns in der Nationalmannschaft, wenn nicht besser".

Zwei Wochen vor dem Semesterstart bekommt sie ihre Trainingspläne, ein Tag pro Woche ist Eishockey-frei. Ihren Stundenplan muss sie um den Sportkalender herum legen. In Deutschland ist es umgekehrt. Erst kommt die Arbeit, dann schaut man, was für Eishockey übrig bleibt.

Die Finninnen zum Beispiel, sagt Oswald, seien physisch und stocktechnisch noch überlegen. Beim 0:3 am Samstag war man dennoch nah dran, doch dann unterlief dem Kapitän vom SC Riessersee "so ein blöder Fehler, der mir sonst nie passiert". Morgen (18.35 Uhr) spielen die Deutschen gegen Italien, das in den drei Gruppenspielen 32 Tore kassiert hat. Bei einem Sieg wären Russinnen oder Schweizerinnen, gegen die die Kathan-Schützlinge am Dienstag 2:1 gewannen, der Gegner im Spiel um Platz fünf. Die Ansprüche steigen. Ende Februar fliegt Michaela Lanzl zurück in die Staaten, "Mit Platz sechs wäre ich nicht mehr zufrieden."

Lanzl (22) ist eine von den Spielerinnen, die auch Finninnen und Amerikanerinnen das Leben schwer gemacht haben. Sie ist klein und flink und stürzt sich in Zweikämpfe so angriffslustig wie Burschen in eine Wirtshausschlägerei. Amerikanische Schule? Von wegen, weiß Christine Oswald: "Die hat schon immer so gespielt."

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