Versicherer will Vollvisier - DEL-Profis dagegen

Stefan Ustorf ist gegen ein Vollvisier
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Stefan Ustorf ist gegen ein Vollvisier

Berlin - Die gesetzliche Unfallversicherung will Eishockey-Profis mit Vollvisier, um Verletzungen für Zähne und Kiefer zu vermeiden. Selbst zahnlose Profis sind gegen eine Änderung.

Sieben Zähne hat Stefan Ustorf an jenem 10. Februar 2009 auf dem Eis verloren, zudem zerschmetterte der Puck den Kiefer des Eishockey-Profis. Der Berliner hatte sich in einen Schlagschuss geworfen, die Hartplastikscheibe knallte unterhalb des Augenschutzes mitten ins Gesicht von Ustorf. Seitdem lächelt der Ex-Nationalspieler auf dem Eis ohne vordere Zahnreihe. Mit Vollvisier wäre Ustorf das alles erspart geblieben.

Die gesetzliche Unfallversicherung VBG wünscht sich einen solchen Komplettschutz für das Gesicht, erntet für den Vorschlag aber Ablehnung aus dem deutschen Eishockey - auch von Stefan Ustorf. Der Routinier hält nichts vom Vollvisier, eine Spezialglasscheibe über das ganze Gesicht erhöhe gar das “Risikopotenzial“ für den Sportler. “Ich bin der Meinung, dass Kopfverletzungen stark zunehmen würden“, sagte Ustorf. Die Hemmschwelle für üble Checks und Attacken gegen den Kopf würde sinken, meint der frühere Kapitän der deutschen Auswahl. Ein Vollvisier erwecke den Eindruck, Spieler könnten sich nicht verletzen, so Ustorf. “Da denkst du, du bist unverwundbar.“

“Ich bin 100 Prozent sicher, dass Gehirnerschütterungen zunehmen würden“, resümierte Ustorf, als er über Für und Wider des Vollvisiers diskutierte. Die VBG (Verwaltungs-Berufsgenossenschaft), die 30 000 Sportler versichert, hatte den 36-Jährigen in dieser Woche zu einer Diskussionsrunde eingeladen. Zusammen mit seinem Teamkollegen Sven Felski, Bundesnachwuchstrainer Jim Setters und Liga-Boss Gernot Tripcke erteilte er dem Wunsch der Berufsgenossenschaft eine Absage.

Dominik Heydweiller von der VBG hatte der sportlichen “Front“ in Berlin wenig entgegenzusetzen. “Die Akzeptanz ist noch nicht so hoch“, räumte er ein, er meinte intensivere Schutzmaßnahmen wie eben das Vollvisier. Dass es dazu in naher Zukunft nicht kommen wird, wurde deutlich. Ein Vollvisier “würde sehr wenig bringen“, betonte Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey-Liga (DEL).

Vor allem in der Abwägung mit den Nachteilen für die Sportler sei der Ganz-Gesichts-Schutz, den in Deutschland und bei internationen Turnieren nur Minderjährige tragen müssen, nicht verhältnismäßig. Zum einen schränke die Maßnahme enorm ein: Sven Felski erinnert sich an früher, als er noch mit Vollvisier spielte, dieses aber dauernd beschlug. “Da war man nur noch am Wischen, man sah gar nichts mehr.“

Andererseits seien Verletzungen im Zahn- und Kieferbereich eine große Ausnahmen. “Dafür, dass der Sport so 'gefährlich' ist, gab es zuletzt wenig Verletzungen“, unterstrich Axel Ekkernkamp, Ärtzlicher Direktor im Unfallkrankenhaus Berlin. “Früher gab es noch böse Augenverletzungen - die sind heute wirklich nicht mehr da.“ In der DEL ist ein Halbvisier für die Augen vorgeschrieben. Unterhalb davon sind Profis aber relativ ungeschützt.

Bei der Vorbeugung dürfe nicht Material im Vordergrund stehen. “Der Nachwuchs muss lernen, wie man sich korrekt verhält“, betonte Felski. Für Jugendcoach Setters “geht es vor allem um Respekt“. Wie vermeidet man böse Fouls? Wie geht man fair in den Zweikampf? Alles Aspekte, die über eine Diskussion um Vollvisiere hinausgehen.

dpa 

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