Seine 2013-Analyse

Arnd Zeigler über Bayern, die Liga und 1860

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Arnd Zeigler in seinem Studio.

München - Fußball-Kult-Figur Arnd Zeigler blickt für die tz zurück auf das Jahr 2013: auf die Siegesserie des FC Bayern, auf die Löwen und auf keine Sklaven in Katar.

Das Bayern-Triple, die Affäre Hoeneß, das Phantomtor und endlose Diskussionen über die WM in Katar – das war das Fußballjahr 2013. Kolumnist und ­Moderator Arnd Zeigler („Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“) blickt für die tz zurück auf die Siegesserie des FC Bayern, auf die Löwen und auf keine Sklaven in Katar.

Das Bayern-Triple: Einerseits habe ich einen Mordsrespekt davor, dass es überhaupt möglich ist, nach der schon fantastischen letzten Saison unter Jupp Heynckes dann unter Pep Guardiola sogar ein noch besseres Jahr zu spielen. Hut ab! Andererseits habe ich gerade das für uns Fans beklemmende Gefühl, dass die Bayern dabei sind, dem Rest der Liga ein für allemal davonzulaufen. Das ist kein Vorwurf an die Münchner, die für sich selbst absolut alles richtig gemacht haben. Ich habe nur Angst, dass in der Liga gerade etwas dauerhaft kaputtgeht. Und ich liebe diese Bundesliga mein Leben lang. Früher hattest du die großen Zweikämpfe, Bayern gegen HSV, Bayern gegen Bremen, und Überraschungsmeister wie Wolfsburg oder den VfB. Mir fehlt im Moment die Fantasie, wie solche Vereine je wieder gegen diesen FC Bayern konkurrenzfähig sein wollen. Heute sind wir endgültig so weit, dass wir uns nicht mehr fragen, ob die Bayern gewinnen, sondern nur noch, wie hoch sie gewinnen. Das ist ganz schlecht für unseren Fußball, von dem mal ein schlauer Mann gesagt hat, das Schöne daran sei, dass man nie wisse, wie es ausgeht. Und relativ gesehen muss man sich auch mal fragen, ob Platz sieben für den FC Augsburg sportlich nicht vielleicht eine größere Leistung darstellt als Platz eins für ein Bayern-Team, bei dem am letzten Bundesliga-Spieltag Leute wie Alaba, Shaqiri, Ribéry und Pizarro auf der Ersatzbank saßen.

Das Wembley-Finale: Es war ein tolles Erlebnis, zwei deutsche Mannschaften im Endspiel zu sehen. Der eigentliche Triumph für die Münchner war aus meiner Sicht aber das phänomenale Halbfinale gegen Barcelona. Jahrelang haben wir ja alle gedacht, Bayern kann noch so sehr strampeln, an Barcelona kommen sie einfach nicht vorbei. Und wenn sie Glück haben, gewinnen sie von zehn Spielen vielleicht mal zwei. Und dann schießen sie das große Barça mit sieben Toren ab, das war unglaublich. Da konntest du beim Zuschauen nur applaudieren – oder als Fan der Konkurrenz ganz furchtbar viel Angst bekommen.

Uli Hoeneß: Mich hat geärgert, wie stammtischmäßig und populistisch die Diskussion über ihn geführt wurde. Ich bin wirklich manchmal peinlich berührt, wenn ich ins Stadion gehe und eine ganze Tribüne „Hoeneß in den Knast!“ singt. Diese Häme und Schadenfreude hat niemand verdient, und schon gar kein Uli Hoeneß, von dem jeder, der ihn kennt, nur voller Hochachtung redet, der mit Herzblut und Leidenschaft für seinen Verein kämpft. Andererseits hat der Hinweis, Hoeneß habe doch so viel Gutes getan, in der Diskussion um die Steueraffäre genauso wenig verloren. Es geht nicht um die moralische Bewertung einer Person, die man mögen kann oder auch nicht, sondern um die Bewertung und Einstufung einer mutmaßlichen Straftat, über die Juristen befinden sollten und nicht wir.

Die Bundesliga-Aufreger: Es gab so viel Bemerkenswertes in diesem Jahr, von Hoffenheims Trainingsgruppe 2 bis zur seltsamen Entlassung von Mirko Slomka gerade in Hannover. Was mich immer wieder erstaunt: Es ist so viel Geld unterwegs in der Bundesliga, der ganze Fußball ist dermaßen professionell geworden – und trotzdem passieren ständig Geschichten, bei denen man sich nur an den Kopf greifen kann. Man fragt sich, von Schalke bis Hamburg: Warum sind die eigentlich nicht schlauer? Warum passieren bedeutende Personalentscheidungen nicht cleverer? Warum äußern sich handelnde Personen nicht seriöser? Anderseits bedanke ich mich natürlich für die wunderbaren Vorlagen, die die Liga uns Beobachtern auch 2013 geliefert hat.

Der TSV 1860: In Sachen „wunderbare Vorlagen“ sind die Löwen natürlich ganz weit vorn dabei. Wobei ich sagen muss, dass ich seit meiner frühesten Kindheit große Sympathien für sie gehegt habe. Ich weiß noch, wie ich mir auf dem Weg in den Italienurlaub an der Grünwalder Straße Autogramme von Rudi Völler und Wolfgang Sidka geholt habe. Für mich hat 60 nach dem Auszug aus dem Grünwalder Stadion ein Stück weit seine Identität verloren. Ein Fußballverein braucht eine Heimat, sein eigenes Flair. Wenn St. Pauli plötzlich im ehemaligen Volksparkstadion spielen würde, wäre vom Mythos auch nicht mehr viel übrig. Ich hoffe, dass es bei den Löwen sportlich wieder aufwärts geht – und dass sie es irgendwann hinbekommen, ein eigenes Stadion zu bauen.

Katar 2022: Dass die WM nach Katar vergeben wurde, ist eine ganz große Katastrophe für den Weltfußball. Die FIFA behauptet unverfroren, mit den Arbeitsbedingungen der Leute in Katar hätte sie nichts zu tun, und Franz Beckenbauer hat seinen Worten nach ja noch nie einen Sklaven in Katar gesehen – diese Ignoranz ist eine Schande. Wer das alles kleinredet, wer all die Missstände nicht sehen will und dieser Veranstaltung, die alle vier Jahre Milliarden Menschen rund um die Erde faszinieren soll, den Weg ebnet, macht sich am Ende mit schuldig. An dieser WM klebt offensichtlich Blut. Die Entscheidung für diesen Austragungsort kann nicht sauber zustande gekommen sein, und für mich war die Diskussion rund um Katar der Tiefpunkt des Fußballjahres 2013. Und das muss für heute reichen!

Aufgezeichnet von Jörg Heinrich

Arnd Zeigler (48) ist Stadion­sprecher von Werder Bremen sowie Autor und Moderator von „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. Die satirische Kolumne läuft bereits seit 1992 im Radio, unter anderem auf Bayern 3, und seit 2007 sonntags als TV-Format um 23.45 Uhr im WDR-Fernsehen. Seit Anfang 2013 ist Arnd Zeigler auch im Sportschau-Club der ARD zu sehen. Das Beste aus der „Wunderbaren Welt“ können Sie auf der aktuellen Doppel-CD „Hopp Around The Klopp“ hören.

Die lustigsten Zitate der Sportwelt 2013

Die lustigsten Zitate der Sportwelt 2013

Bayern-Trainer Jupp Heynckes auf die Frage, ob er einen Masterplan für die zweite Saisonhälfte habe: „Masterplan ist mir zu dramatisch. Das haben die jungen Trainer heute, die Konzept- und Laptop-Trainer, die gekommen und gegangen sind in der Liga. Die machen so was.“ (3. Januar) © picture alliance / dpa
Tennisstar Roger Federer, nachdem er bei den Australian Open erneut Lokalmatador Bernard Tomic ausgeschaltet hatte: „Es ist schön, dass ihr mich trotzdem noch jedes Jahr einladet.“ (19. Januar) © picture alliance / dpa
Handball-Nationaltorhüter Silvio Heinevetter auf die Frage, woran er gedacht habe, als er den spielentscheidenden Ball beim 28:23-Sieg gegen Mazedonien gehalten hatte: „Habe ich zu Hause das Licht ausgemacht? Und die Waschmaschine?“ (20. Januar) © picture alliance / dpa
Fußball-Star David Beckham bei seiner Präsentation als neuer Spieler des französischen Clubs Paris St. Germain: „Ich habe nicht viel von meiner Schnelligkeit verloren - ich war ja nie besonders schnell.“ (31. Januar) © AFP
Super-G-Weltmeisterin Tina Maze nach dem WM-Training in Schladming auf die Frage, wie der Schnee gewesen sei: „Weiß - wie immer.“ (7. Februar) © picture alliance / dpa
Damen-Bundestrainer Gerald Hönig zum WM-Silbergewinn von Andrea Henkel im Biathlon-Einzel, der ersten DSV-Medaille in Nove Mesto: „Der Stein, der uns vom Herzen gefallen ist, war so groß, dass wir froh waren, dass er uns nicht auf den Fuß gefallen ist. Das hätte richtig wehgetan.“ (14. Februar) © picture alliance / dpa
Kombinierer Eric Frenzel nach dem sechsten Platz des deutschen Teams bei der nordischen Ski-WM in Val di Fiemme: „Wir haben leider nicht das Glück gehabt, kein Pech zu haben.“ (24. Februar) © picture alliance / dpa
Das Formel-1-Team Lotus am 17. März via Twitter nach dem Sieg von Kimi Räikkönen beim Saisonauftakt in Melbourne: „Wenn du willst gewinnen, hol' dir einen Finnen.“ (17. März) © picture alliance / dpa
Trainer Christian Streich nach dem 1:5 in Dortmund über das veränderte Klima im einstmals geruhsamen Freiburg: „Meine Spieler werden angeboten wie auf dem Viehmarkt. Ihre Ausstiegsklauseln kann man in der Zeitung lesen - das ist furchtbar.“ (17. März) © picture alliance / dpa
Skilangläufer Tim Tscharnke am 24. März über seine Erschöpfung zum Abschluss der Weltcup-Saison: „Ich habe das Gefühl, dass jetzt schon die Hirnmasse verstoffwechselt wird. In den nächsten Wochen heißt es nur noch essen, essen, essen.“ (24. März) © picture alliance / dpa
Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer am 31. März nach dem 9:2 gegen den HSV: „In den vergangenen Wochen hat es bei uns ein bisschen gemenschelt - jetzt wollten wir wieder Maschinen sein.“ (31. März) © picture alliance / dpa
Bayern-Trainer Jupp Heynckes zur frühesten Titelentscheidung in der Bundesliga: „Bei solch kühlen Temperaturen bin ich noch nie Meister geworden, weder als Spieler noch als Trainer.“ (6. April) © picture alliance / dpa
Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel auf die Frage, welche Schulnote er den Reifen in dieser Formel-1-Saison gebe: „Eine Sechs.“ (13. April) © picture alliance / dpa
BVB-Trainer Jürgen Klopp zum Bekanntwerden des Wechsels von Mario Götze zu Bayern München einen Tag vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid: „Es gibt ungünstigere Zeitpunkte. Zum Beispiel vier Stunden vor dem Spiel.“ (23. April) © picture alliance / dpa
Dressurreiterin Isabell Werth, nachdem sie beim Weltcup-Finale in Göteborg 17 statt 15 Einerwechsel geritten hatte: „Hätte ich doch mal Mathematik nicht nach der elften Klasse abgewählt.“ (25. April) © picture alliance / dpa
Eintracht Braunschweigs Präsident Sebastian Ebel nach dem Aufstieg seines Teams in die Fußball-Bundesliga: „Eigentlich wollten wir uns im zweiten Jahr in der 2. Liga stabilisieren. Dieses Saisonziel haben wir verfehlt.“ (28. April) © picture alliance / dpa
Bayern-Profi Thomas Müller auf die Frage, ob auf der Meisterschale noch Fingerabdrücke der Dortmunder waren: „Das kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Kriminaltechniker.“ (11. Mai) © picture alliance / dpa
Die Duisburger Fußball-Legende Bernard Dietz nach der Entscheidung, dem Zweitligisten MSV die Spielberechtigung zu verweigern: „Wir Zebras geben nicht auf!!!! Zeigt Streifen! Jetzt!“ (30. Mai) © picture alliance / dpa
Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge über die Auswirkungen der Bierduschen für den Bayern-Coach nach dem Pokalsieg: „Jupp Heynckes hat den einzigen Fehler der Saison gemacht: Er hatte nur einen Anzug dabei.“ (1. Juni) © picture alliance / dpa
Der wegen Betrugs angeklagte Radprofi Stefan Schumacher vor dem Landgericht Stuttgart: „Die Tour de France drei Wochen lang ungedopt zu fahren, das ist nicht gesund.“ (24. Juni) © picture alliance / dpa
Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff in Silverstone über den dreimaligen Formel-1-Konstrukteursweltmeister Red Bull: „Dauerhaft ist es nicht akzeptabel, dass ein Brausehersteller 100 000 Mercedes-Benz-Mitarbeitern vor der Nase herumfährt.“ (28. Juni) © picture alliance / dpa
Bundestrainer Stefan Lurz zur Wasserqualität bei den WM-Wettbewerben der Freiwasserschwimmer im Hafen von Barcelona: „Beruhigt bin ich erst, wenn da keine Tampons, Binden und Kondome rumschwimmen.“ (19. Juli ) © picture alliance / dpa
Fabian Boll, Kapitän des FC St. Pauli, nach dem 0:0 in der Zweitliga-Partie beim Karlsruher SC, wo auf dem Spielfeld 41,4 Grad Celsius gemessen worden war: „Ich freue mich schon wieder auf den November.“ (28. Juli) © picture alliance / dpa
Der sechsmalige Europameister Ludger Beerbaum, nachdem er von Bundestrainer Otto Becker als EM-Startreiter eingeteilt wurde: „Das Fallobst zuerst.“ (20. August) © picture alliance / dpa
Der walisische Fußball-Nationalspieler Gareth Bale, der für knapp 100 Millionen Euro von Tottenham Hotspur zum spanischen Rekordmeister gewechselt ist: „Ich wäre auch für einen Cent zu Real Madrid gewechselt.“ (2. September) © picture alliance / dpa
Der deutsche Rad-Sprinter und vierfache Tour-de-France-Etappensieger Marcel Kittel in einem Interview des Magazins „Tour“: „Doping ist so, wie sich im Supermarkt die Taschen vollzumachen und durchs Hintertürchen abzuhauen.“ (17. September) © picture alliance / dpa
Werder Bremens Sportdirektor Thomas Eichin in einem Interview mit der eigenen Medienabteilung: „Wer nach fünf Spieltagen den Kopf in den Rasen steckt, verliert die Richtung aus den Augen.“ (17. September) © picture alliance / dpa
Formel-1-Pilot Lewis Hamilton über das Erfolgsrezept von Weltmeister Sebastian Vettel: „Er hat kleinere Füße, aber ich glaube, die sind schwerer, deswegen kann er so Vollgas fahren.“ (5. Oktober) © picture alliance / dpa
Bayer Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler nach dem 2:1-Sieg bei 1899 Hoffenheim zum löchrigen Tornetz: „Die haben so viel Geld ausgegeben für das Stadion. Kleiner Tipp: das nächste Mal richtige Netze kaufen.“ (18. Oktober) © picture alliance / dpa
E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, bei der Verhandlung über das Phantomtor zu Stefan Kießling: „Jetzt haben Sie endlich mal eine Einladung vom DFB bekommen.“ (28. Oktober) © picture alliance / dpa
Verteidiger Tony Jantschke von Borussia Mönchengladbach: „Wir haben i-Pads, i-Phones, aber wir haben keine Torlinientechnik.“ (9. November) © picture alliance / dpa
Der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel vor dem Großen Preis der USA in Austin: „Es gibt keinen Grund, ein Gentleman auf der Strecke zu sein, da keine Frauen fahren.“ (14. November) © picture alliance / dpa

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