Deisler: Ich habe Krieg geführt!

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Sebastian Deisler sagt rückblickend über seinen Wechsel zum FC Bayern: „Heute weiß ich, dass ich damals hätte aufhören müssen.“

Berlin - Sebastian Deisler packt aus: In einem neuen Buch schildert er seine schwere Zeit beim FC Bayern und bei Hertha BSC und wie es zu seinem Karriereende kam.

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Sein Aufstieg war kometenhaft. „Deisler“, so fand Friedel Rausch, in Gladbach 1998 sein erster Profi-Trainer, „ist ein Jahrhunderttalent, das irgendwann in einem Atemzug mit Walter, Seeler und Beckenbauer genannt werden wird.“ Doch auf den kometenhaften Aufstieg folgte Sebastian Deislers brutaler Absturz während seiner Zeit beim FC Bayern. Zunächst kamen unzählige körperliche Verletzungen – schließlich machte die Psyche nicht mehr mit. Zweimal ließ er sich wegen Depressionen behandeln, am 16. Januar 2007 gab er beim FC Bayern seinen Rücktritt bekannt – er war damals 27 Jahre alt.

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Seitdem war er abgetaucht, doch jetzt hat ­Deisler sein Schweigen gebrochen. Nach Gesprächen mit dem Berliner Autor Michael Rosentritt entstand das Buch Sebastian Deisler. Rückkehr ins Leben (Verlag Edel, 22,95 Euro, Erscheinungsdatum: 8. Oktober. Auszüge druckt der Stern in seiner neuen Ausgabe.

„Ich habe gegen meine Natur gelebt. Ich habe Krieg geführt gegen meinen Körper“, berichtet Deisler. „Ich habe meine Mitspieler als Panzer gesehen, die alles aushalten.“ Sich selbst sah er als „eine Art Geigenspieler, der einen Panzer brauchte“. Und vielleicht ist er deshalb an der Säbener Straße gescheitert. „In der Bayern-Kabine Mensch zu sein, ist gar nicht so leicht. Du schaffst es nur, wenn du dir sagst, ich bin der Größte. Mir ging es um mehr als um Gucci-Brillen und Prada-Schultertäschchen. Wer ist der Coolste, wer hat die tollste Frau, wer das geilste Auto – das waren Dinge, die mich nicht interessiert haben, sie haben mich eher abgestoßen.“

2002 war Deisler zu Bayern gekommen, im November 2003 wurde eine Depression diagnostiziert. Er begab sich zu einer neunwöchigen stationären Behandlung bei Professor Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Deisler schien geheilt, er wirkte offener. Doch im Herbst 2004 ließ er sich erneut psychiatrisch behandeln, es folgten weitere Verletzungen. Im Trainingslager in Dubai im Januar 2007 besuchte er in der Nacht Uli Hoeneß und teilte ihm mit, dass er mit dem Fußball aufhören wolle. Immer wieder versuchte der Manager in den kommenden Tagen, ihn umzustimmen – vergeblich. Über die Zeit seiner psychischen Krankheit sagt Deisler: „Die Depression nahm mir jegliche Lebensfreude, sie hielt mich gefangen in einem Gefühl innerer Leere und Niedergeschlagenheit.“ Und er gibt zu, dass es ein Fehler war, sich die Krankheit zu spät einzugestehen: „Mein blöder Übermut, ich allein gegen alle, dabei war ich doch nur ein kleiner, trauriger Fußballer.“

Auch die Hoffnung, mit seiner damaligen Lebensgefährtin Eunice (beide haben den heute fünfjährigen Sohn Raphael) Normalität erreichen zu können, erfüllte sich nicht. Und wie haben die damaligen Bayern-Kollegen auf Eunice reagiert? Deisler: „Eine Brasilianerin, die zwölf Jahre älter ist – die sei nur scharf auf mein Geld und so weiter. Es widerte mich an.“

In diesen Tagen wird Deisler in Freiburg ein Einzelhandelsgeschäft für Nepal- und Himalayaprodukte eröffnen. Er sagt: „Erst allmählich schaffe ich es, loszulassen und gleichzeitig Neues zu gewinnen.“ Deisler, eines der größten Talente des deutschen Fußballs, spielte nie bei einer A-WM…

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