Vor dem deutschen Clásico

Trainerkollege schwärmt im Interview von Flicks Anfängen: „Was man damals schon gesehen hat ...“

Borussia Dortmund und der FC Bayern verfügen über Spieler der Extraklasse und zwei erfahrene Trainer. Thomas Doll gibt im Interview Einblick, worauf es im Duell ankommen wird.

München - An diesem Samstag um 18.30 Uhr wird auch in Budapest der Fernseher laufen. Thomas Doll - einst BVB-Trainer, zuletzt in Hannover und bei APOEL Nikosia - blickt voller Vorfreude auf das Topspiel zwischen dem BVB und dem FC Bayern (hier im Live-Ticker). Der 54-Jährige glaubt an ein offenes Spiel, bricht eine Lanze für Lucien Favre, schwärmt von Hansi Flick - und sagt: „Haaland wandelt auf Lewandowskis Spuren.“ Das Interview.

Geht nur wegen Corona auf Distanz zu seinen Spielern: Bayern-Trainer Hansi Flick (l.) spricht am Münchner Flughafen mit Serge Gnabry.
Herr Doll, kann man die Kampfansagen aus Dortmund ernst nehmen?
Doll: Ihnen bleibt nichts anderes übrig. Aber sie haben in den letzten Wochen auch Selbstvertrauen getankt. Es ist legitim zu sagen, wir wollen Bayern nicht nur Paroli bieten, sondern das Spiel gewinnen.
Gilt die Kampfansage nur für das eine Spiel - oder die ganze Saison?
Doll: Sie werden die ganze Saison oben dabei sein. Aber sie müssen schon da sein, wenn Bayern mal einen Einbruch hat. Dortmund hat einen richtig starken Kader, die Mischung stimmt. Trotzdem sucht es seinesgleichen, auf welchem Level Bayern seit einem Jahr spielt. Alle anderen haben nur eine Chance, wenn Bayern kriselt. Und dann müssen halt auch alle ihr Potenzial abrufen.
Sie waren selbst BVB-Trainer - ist ein Spiel gegen die Bayern immer auch ein Schicksalsspiel?
Doll: Heute sind die beiden Teams anders auf Augenhöhe, damals war das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Jetzt ist das ein Spiel, bei dem auf beiden Seiten Weltklasse steht, jeder möchte sich beweisen. Für die Köpfe ist das vor allem entscheidend - für den Ausgang der Liga aber noch nicht. Selbst der, der verliert, ist nicht aus dem Rennen. Der Druck ist nicht brutal. Aber: Es ist ein Prestige-Spiel.
Dortmund wirkte gegen Bayern oft gehemmt.
Doll: Das stimmt. Die Leichtigkeit fehlte, die meisten haben unter Form gespielt. Sie hatten keine Angst, sind nicht vor Ehrfurcht erstarrt, aber sie haben eben auch nicht geliefert. Sie sind aber alle jetzt ein Jahr älter, reifer. Um in solchen Spielen zu bestehen, muss man lernen. Und ich denke, das haben sie jetzt.
Die Personalie Favre schwingt immer mit. Wie sicher sitzt er im Sattel?
Doll: Ich bin ja auch Fußballtrainer, und mir fällt auf: Wir brauchen in Deutschland anscheinend diese Dauer-Diskussion, dieses „Ist er der Richtige?“ Man muss sich doch aber vor Augen führen, dass Favre jedes Jahr um zwei Titel spielt. Nicht mal die Topvereine - Barcelona, Paris, Liverpool - konnten Bayern in letzter Zeit Paroli bieten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Platz zwei oder drei nicht mehr reicht in Deutschland. Was ist den Leuten denn lieber? Ein Trainer, der mehr Emotionen hat? Dann heißt es wieder: Der strahlt keine Ruhe aus. Man kann es doch niemandem recht machen! Aber wissen Sie, was das Schöne ist?
Sagen Sie es!
Doll: Dass Favre schon so lange im Geschäft ist, dass er sich davon nicht beeindrucken lässt. Die Mannschaft marschiert, die Spieler entwickeln sich. Die Jungs liefern ab! Und ihn nur daran zu messen, an den Bayern vorbeizuziehen - das verstehe ich nicht. Er soll sein Ding weiter durchziehen und alle eines Besseren belehren. Ein Titel in dieser Saison wäre da sicher hilfreich. Aber das geht auch im Pokal.
Der Umgang mit Trainern stößt Ihnen schon lange sauer auf. Auch bei Niko Kovac äußerten Sie sich damals kritisch.
Doll: Was mich generell stört: Dass selbst nach Siegen immer nur kritische Fragen kommen. Ein Beispiel: Wenn Jota bei Liverpool drei Tore erzielt, wird Jürgen Klopp gefragt, ob Roberto Firmino jetzt nicht mehr zum Stammpersonal gehört. Jeder dreht sich das so hin, wie man es möchte. Das macht das Leben als Trainer nicht leichter. So kommt Unruhe rein, die niemand braucht. Das muss man am besten abprallen lassen.
Hansi Flick ist da nach einem Jahr in München besonders erprobt. Sie waren 2003 beim Fußballlehrer-Lehrgang gemeinsam mit ihm Jahrgangsbester.
Doll: Das stimmt. Wir haben uns unglaubliche Mühe gegeben, hatten aber auch einen tollen Kurs. Wir waren fleißig, haben das ernst genommen, uns gegenseitig geholfen. In Erich Rütemöller haben wir auch jemanden gehabt, bei dem es unglaublich Spaß gemacht hat. Ob man dann am Ende mit 1,3 oder 1,5 abschließt? Nicht wichtig.
Waren Sie Streber?
Doll: (lacht) In der Schule war ich nie ein Streber. Aber ich habe gemerkt, dass es mir unglaublich Spaß macht und ich sehr viel mitnehmen kann. Und ich hatte das Gefühl: Wenn man sich reinkniet, fallen einem die Prüfungen leichter. So war das bei mir - und bei Hansi auch.
Schlummerte der Bayern-Trainer schon in ihm?
Doll: Was man damals schon gesehen hat, war, dass er unglaublich akribisch war. Sehr detailversessen, bei allen Arbeiten in Theorie und Praxis. Und er hatte schon damals eine unglaublich kommunikative Art. Er ist ruhig, sehr bodenständig. Das ist ein Riesenvorteil, denn dadurch baut man Vertrauen auf. Und über die Jahre hat er sich weiterentwickelt, hart gearbeitet, sich nie zurückgelehnt - und war auch im richtigen Moment da. Er war lange der zweite Mann bei Jogi Löw, hat viel Trainingsarbeit gemacht, kennt die Spieler. Das ist ihm jetzt entgegengekommen. Flick kommt Löw sehr nah.
Inwiefern?
Doll: Löw hat auch eine unglaublich ruhige und sachliche Art, sonst hältst du dich nicht so lange. Sie fordern viel, verteidigen aber ihre Spieler, wenn es drauf ankommt. Und sie geben jedem auch Vertrauen. Wenn man sieht, wie zum Beispiel Boateng die Kurve gekriegt hat, wie jeder sein Potenzial ausschöpft, zeigt das, dass Flick genau das Richtige gemacht hat. Wenn man dann noch alle Titel holt, muss man sagen: Besser geht’s nicht!
Prägt er bei Bayern eine Ära wie Löw beim DFB?
Doll: So lange er Titel holt, ist es keine Frage, dass er bleibt. Und das traue ich ihm zu. Vor allem, wenn man bedenkt, dass auch die Führungsebene in der Kaderplanung clevere Schachzüge gemacht hat. Das ist für Hansi wichtig. Er hat nun einen Kader, bei dem er weiß: Wenn einer ausfällt, hat er einen anderen. Von ihm bekommt jeder das Gefühl, wichtig zu sein. Das ist ein Erfolgsgeheimnis - und es sind gute Voraussetzungen für eine Ära.
Allerdings muss er wohl ohne David Alaba planen.
Doll: Die Bayern wollen ihn unbedingt behalten, und auch ich würde mich freuen, wenn er bleibt. Diese Mannschaft hat noch ein bisschen was vor! Auf der anderen Seite hat er halt seine eigenen Vorstellungen. Es ist schade, dass das ein bisschen öffentlich ausgetragen wurde, ich kann aber beide Seiten verstehen. Die Bayern brauchen Planungssicherheit, es war legitim, das Angebot zurückzuziehen. Wichtig ist, dass die Leistung der Mannschaft nicht leidet.
Er sieht sich auf einem Niveau wie Neuer und Lewandowski. Ist er das - oder ist er zu ersetzen?
Doll: Es gibt wenige Spieler, die so eine Spieleröffnung haben wie er. Er ist zur Weltklasse gereift, auch auf der Innenverteidiger-Position. Bayern hat aber Niklas Süle, Boateng, Lucas Hernandez. Und vielleicht haben Thomas Müller, Neuer und Lewandowski doch noch einen anderen Stellenwert. Wenn auch Alaba für mich dahinter kommt.
Er will viel Geld - wer soll das zahlen?
Doll: Das frage ich mich auch. Auch die anderen Topclubs haben schwere Zeiten während Corona. Er kommt ablösefrei - das wird ihm in die Karten spielen. Falls er nicht jetzt im Winter schon geht...
Apropos Lewandowski. Wird Haaland wie er?
Doll: Er wandelt auf seinen Spuren. Der ist 20 Jahre alt - und hat eine unglaubliche Power, ist torhungrig. Und er wird mit den Jahren noch viel abgezockter werden. Er hat Abschlüsse wie Lewandowski, rechts, links, mit dem Kopf. Da ist eine unglaubliche Wucht dahinter Wie sie im Sechzehner wegschleichen, wie sie bei Kontern sprinten - er wird ein ganz großer Mittelstürmer werden.
Bevor er zum BVB kam, sagten Sie: Der passt. Passt er 2022 zu den Bayern?
Doll: Schon. Allerdings glaube ich, dass Haaland die Premier League reizt. Das ist ein Traum von ihm, wie sein Papa in England zu spielen. In Dortmund kann und soll er sich jetzt erst mal entwickeln, das sind optimale Voraussetzungen. Irgendwann werden viele große Vereine kommen - nicht nur Bayern.
Und Sie freuen sich auf das Stürmer-Duell am Samstag?
Doll: In der Tat. Ich bin gespannt, wer das Spiel entscheidet. Beide haben das Zeug dazu.

Interview: Hanna Raif

Rubriklistenbild: © afp

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