Exklusiv-Interview mit Ralph Gunesch

FC Bayern: Alles neu unter Nagelsmann? Taktik-Experte erklärt exklusiv, worauf sich FCB-Fans freuen dürfen

Ralph Gunesch (l.) im Gespräch mit FCB-Sportvorstand Hasan Salihamidzic (M.) und DAZN-Moderator Alexander Schlüter.
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Ralph Gunesch (l.) im Gespräch mit FCB-Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Moderator Alexander Schlüter.

Julian Nagelsmann wird am Sommer neuer Trainer beim FC Bayern. Krempelt der 33-jährige Coach nun alles um? DAZN-Experte Ralph Gunesch erklärt den Nagelsmann-Fußball.

München - Am Ende ging alles dann doch recht schnell. Hansi Flick hatte den Bossen des FC Bayern nach dem bitteren Aus in der Champions League gegen PSG mitgeteilt, dass er gerne im Sommer aus seinem bis 2023 laufenden Vertrag raus möchte. Dies teilte er am Wochenende darauf der Mannschaft und der Öffentlichkeit mit, was man beim Rekordmeister alles andere als passend fand.

Letztlich einigten sich alle Beteiligten doch friedlich auf eine vorzeitige Vertragsauflösung und der FC Bayern schlug bei Julian Nagelsmann zu, der ab Juli der neue Trainer an der Säbener Straße wird - mit gerade einmal 33 Jahren.

Der gebürtige Landsberger gilt als größtes Trainer-Talent im europäischen Fußball. Besticht nicht nur durch Fachwissen uns taktisches Know-how, sondern auch mit seiner Rhetorik. Aber ist er bereit für das unruhige Umfeld beim FC Bayern?

FC Bayern: Alles neu unter Nagelsmann? Taktik-Experte Gunesch erklärt, worauf sich FCB-Fans freuen dürfen

DAZN-Experte Ralph Gunesch spricht im Exklusiv-Interview über die Abslösesummen für Trainer, die Unterschiede zwischen der Nagelsmann-Taktik und die des FC Bayern sowie darüber, welche Spieler von der Verpflichtung des neuen Trainers profitieren könnten.

Video: Funktioniert Julian Nagelsmann als Trainer des FC Bayern München?

tz.de: Herr Gunesch, in der Bundesliga dreht sich das Trainerkarussell aktuell gewaltig. Der spektakulärste Wechsel fand kürzlich statt: Julian Nagelsmann verlässt für eine vermutliche Rekordablöse RB Leipzig und übernimmt den FC Bayern. Sind die Trainer die neuen Superstars im Fußball?  
Ralph Gunesch (DAZN): Es ist doch folgerichtig, dass nun auch die Trainer in Sachen Ablösesumme einen Schritt nach vorne gemacht haben. In der Vergangenheit hat man meist auf Trainer gesetzt, die gerade vereinslos oder vielleicht im eigenen Nachwuchs tätig waren. Nun suchen aber die Top-Vereine in Deutschland neue Übungsleiter – und die Dichte an Top-Trainern ist grundsätzlich nun mal nicht so vorhanden. Es ist vergleichbar mit Torhütern. Wenn jetzt ein Spitzenklub einen Top-Keeper benötigt, wird der auch nicht günstig werden. So ist das aktuell auch mit den Trainern. Die Philosophie der Trainerverpflichtung hat sich zuletzt ein bisschen gewandelt.  
Aber ist eine solch hohe Ablösesumme wie jetzt im Fall Nagelsmann nicht ein immenser Rucksack?
Gunesch: Grundsätzlich ist es für jeden Neuzugang schwierig, wenn dieser mit einer Millionen-Ablöse zu einem neuen Verein kommt. Aber wir dürfen eins nicht vergessen, was bei der Bewertung der Trainerposition oft zu kurz kommt: Wir sprechen hier vom Chef! Der Trainer entscheidet letztlich, wie mit welchen Spielern und mit welcher Formation der Verein aufläuft. Wenn wir uns jetzt mal ein bisschen aus dem Fußball-Kosmos verabschieden - wer denn sonst, wenn nicht der Entscheider, sollte die wichtige Rolle spielen? Die Wertigkeit des Trainers beginnt, sich langsam, aber sicher, zu wandeln.
Blicken wir mal nach München. An der Säbener Straße ist‘s bekanntermaßen selten ruhig. Nagelsmann war zuvor im beschaulichen Hoffenheim und beim RB Leipzig. Auf was muss er sich als zukünftiger Trainer beim FC Bayern einstellen?  
Gunesch: Julian Nagelsmann wird ganz genau wissen, was ihn dort erwartet. Es ist für ihn der nächste logische Karriereschritt, er kommt aus dem Süden (aus Landsberg am Lech, Anm. d. Red.), er hat Verbindungen zu München und es war ja auch eine Art Herzenswunsch von ihm, Trainer beim FC Bayern zu werden. Insofern braucht er da keine großen Tipps oder Ratschläge von mir. (lacht)
Kommt der Schritt für Nagelsmann mit seinen 33 Jahren vielleicht nicht doch ein wenig früh?
Gunesch: Es ist eine neue Herausforderung. Er muss jetzt eine Mannschaft nicht mehr entwickeln, wie er es in Hoffenheim oder in Teilen auch bei RB gemacht hat. In München muss er eine Mannschaft führen. Das wird der größte Unterschied, weil die Spieler beim FC Bayern eine andere Ansprache benötigen. Dort hast du fast durch die Bank weg Weltstars im Kader, die musst du nun in eine Richtung lenken. Nagelsmann hat sich in den vergangenen Jahren ein gewisses Standing erarbeitet und seine großen Qualitäten unter Beweis gestellt. Spannend wird sein, jetzt zu sehen, wie er mit den starken Charakteren bei den Bayern lernt umzugehen.
Nagelsmann ist ein Trainer, der sehr lautstark an der Seitenlinie coacht. Falls in der kommenden Saison noch immer keine Zuschauern zugelassen sind, könnte es trotzdem laut werden in der Allianz Arena. Stichwort Radio Müller…
Gunesch: Ein Trainer hat viele verlängerte Arme auf dem Feld. Durch Corona fällt das alles nur mehr auf, weil man in den leeren Stadien nun alles hört. Da sind wir aber wieder beim Thema „In eine Richtung schieben“. Es gab Trainer, bei denen hat Thomas Müller nicht so häufig gespielt – und dann war der mannschaftliche Erfolg auch nicht mehr da. Klar ist Nagelsmann sehr aktiv an der Seitenlinie, aber wie wir jetzt wissen, wird auf einem Fußballplatz eben viel kommuniziert.
Bisher ließ Nagelsmann seine Teams taktisch immer sehr variabel agieren. Beim FC Bayern muss er einen dominanteren Ansatz wählen. Unter Flick stehen die Bayern sehr hoch…
Gunesch: So viel muss Nagelsmann doch gar nicht verändern. Hoch stehen, aggressiv pressen, dominanter Fußball, all diese Attribute hat er doch auch schon bei RB Leipzig und auch im Ansatz bei der TSG Hoffenheim umgesetzt. Wenn man sich die Ballbesitzstatistik anschaut, sieht man, dass Leipzig knapp hinter dem FC Bayern auf Platz vier liegt. Die Vorstellung vom Nagelsmann-Fußball und dem der Münchner ist schon sehr ähnlich. Er hat sich auch in Leipzig weiterentwickelt und ist weg vom absoluten Vollgas-Fußball. Mittlerweile legt er auch etwas mehr Wert auf Ballbesitz. Dieser Wechsel fand ja auch beim FC Bayern in der abgelaufenen Saison statt.
Beim FCB ist das 4-2-3-1-System eigentlich schon indoktriniert. Wird Nagelsmann daran etwas ändern?
Gunesch: Von der Spielphilosophie wird sich nicht viel ändern. Auch wenn Nagelsmann gerne mit einer Dreierkette spielt, unterscheidet sich sein 3-4-2-1 oder 3-5-2 in der Offensive wenig von dem System, das Flick spielen lässt. Da werden wir keinen Kulturbruch erleben. Das, was Flick den Bayern mit auf den Weg gegeben hat und die Art, wie Nagelsmann Fußball denkt, sind sich sehr ähnlich.
Aber der FCB-Kader ist auf ein klassisches Flügelspiel ausgelegt. Dafür waren weder RB Leipzig noch die TSG in den vergangenen Jahren bekannt.
Gunesch: Bei RB Leipzig hat Nagelsmann viel Tempo und Qualität nach vorne. Beim FC Bayern wird er viel Tempo und Qualität in der Breite nach vorne haben. Also viel über die Flügel. Für ihn wird das Spiel also breiter aufgestellt. Aber seine Idee vom Fußball passt da auch perfekt dazu. Nichtsdestotrotz wird ja womöglich noch etwas am Kader passieren.
Gut, dass Sie es ansprechen...
Gunesch: In der Offensive sind die Bayern herausragend aufgestellt. Ich gehe daher davon aus, dass in jedem Mannschaftsteil noch eine Verpflichtung hinzukommen wird, die ihre Kernkompetenz in der Breite haben wird, also sprich auf den Außenpositionen. Außerdem sehe ich im zentralen Mittelfeld noch Handlungsbedarf, da werden die Beteiligten auch nochmal genauer hinschauen.
Wird Nagelsmann auch seinen „Thiago oder nix“-Transfer fordern?
Gunesch: Grundsätzlich ist es so, dass die Spieler, die verpflichtet werden sollen, in ein gewisses Profil passen. Natürlich hat man als Trainer oder Sportdirektor immer Namen im Kopf, aber zunächst wird das Profil festgelegt. Wenn der FC Bayern jetzt explizit einen robusten Sechser sucht, braucht man da nicht mit filigranen Spieler à la Jamal Musiala kommen. In einem Verein gibt es immer Entscheidungskompetenzen, in denen dann über verschiedene Spieler diskutiert wird und dann wird geschaut, was machbar ist.
Nagelsmann wird nachgesagt, Spieler auf einen neues Niveau zu bringen. Wem trauen Sie zu, nochmal einen großen Schritt nach vorne zu machen?  
Gunesch: Ich bin der Überzeugung, dass es auf der Welt nur ganz, ganz wenige Spieler gibt, die du nicht mehr besser machen kannst. Das sprechen wir vielleicht von einer Handvoll. Mit Spielern wie Leroy Sané, Robert Lewandowski oder Thomas Müller muss man nicht mehr an der Basis arbeiten. Wenn wir bei solchen Spielern also von verbessern reden, sprechen wir hier von Individualisierung. Das geht zum Beispiel über Video-Coaching. Lewy ist ganz nah dran am perfekten Stürmer, aber auch nur, weil er unheimlich viel in seine Fähigkeiten investiert. Aber mit ihm muss ich keinen Abschlüsse mehr üben, da geht es dann eher um kleine Nuancen, wie er wann und wo zum Ball oder zum Gegner stehen könnte. Bei Leon Goretzka kam der Leistungssprung durch seine neue physische Komponente. So gibt es auch beim FC Bayern noch Spieler, die irgendwo ein paar Prozentpunkte rausholen können, um noch ein kleines bisschen besser zu werden. Auch wenn wir uns da auf absolutem Weltklasse-Niveau befinden. Wenn man ein Ziel definiert hat, kann man über den Weg nachdenken. Da sich Nagelsmann mit dieser Sache intensiv beschäftigt, glaube ich, dass noch viele Spieler beim FC Bayern einen Schritt machen werden. Ich habe mich in den letzten Monaten sehr intensiv mit dem Thema Individualisierung im Profifußball beschäftigt und ein entsprechendes Konzept entworfen. Es ist ja auch so, dass das Thema auch beim DFB immer mehr an Relevanz gewinnt.
Also ist der FC Bayern unter Nagelsmann auf Jahre hinweg unschlagbar?
Gunesch: Nein, nein! Keine Mannschaft ist unschlagbar. Aber die Spieler werden noch besser werden.  
Wovon im Endeffekt auch Hansi Flick als womöglich kommender Bundestrainer profitieren könnte.  
Gunesch: Das wäre eine absolute Win-Win-Situation für den deutschen Fußball, richtig. (lacht)

Interview: Florian Schimak (smk)

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