Einstiger Vorstandsvorsitzender im Interview

Ex-Bayern-Boss Rummenigge: „Der Fußball hat sich falsch entwickelt“

Karl-Heinz Rummenigge hat das Zepter des FC Bayern München an Oliver Kahn übergeben. Im Interview spricht er nun über seine neue Rolle.

München – Am 30. Juni legte Karl-Heinz Rummenigge* sein Amt als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern* nieder. Im Interview mit der „AS“ spricht der 65-Jährige über Gedanken im Urlaub, die Arbeit seiner Nachfolger, eine Öffnung für Investoren und Probleme im modernen Fußball.

FC Bayern: Rummenigge nahm nach seinem Rücktritt längeren Urlaub

Ist es möglich, an einem Tag vom Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern zum Fan zu werden?

Als ich beschloss, einen Schritt zurückzutreten, war mir klar, was das bedeutet. Ich musste bereit sein loszulassen, weshalb ich einen längeren Urlaub als sonst genommen habe. Früher war Bayern das erste, woran ich dachte, wenn ich aufwachte, und auch das letzte, woran ich dachte, bevor ich ins Bett ging. Es ist nicht leicht, solche Gewohnheiten zu ändern, es ist nur möglich, wenn man bereit ist, ein Kapitel wirklich abzuschließen.

Ich frage Sie als Fan: Was halten Sie von den Neuverpflichtungen der Bayern?

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen. Ich denke, die Mannschaft ist gut gestartet und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Tabellenführung übernimmt. Angesichts des Kaders bin ich überzeugt, dass sie zum zehnten Mal in Folge Meister werden. Was die Champions League angeht, so müssen wir abwarten, bis es in die K.o.-Phase geht.

Karl-Heinz-Rummenigge setzt große Hoffnungen auf Oliver Kahn

Haben sie den FC Bayern so an Ihre Nachfolger übergeben wie Sie es sich immer vorgestellt haben?

Was meine Position betrifft, so setze ich große Hoffnungen auf Oliver Kahn* als Vorstandsvorsitzender. Uli (Hoeneß) und ich haben immer das Ziel verfolgt, einen kerngesunden FC Bayern zu übergeben, und das ist der Fall, trotz der Krise nach dem Coronavirus. Wir haben in nur 13 Monaten sieben Titel gewonnen und sind mit einem mehr als blauen Auge auch finanziell aus den beiden vom Virus gezeichneten Saisons hervorgegangen, wie Sie in unserer letzten Jahresbilanz ohne Defizit sehen konnten.

„Der FC Bayern darf stolz sein“: Karl-Heinz Rummenigge wähnt die Münchner auf einem guten Weg.

Ihre größte Herausforderung an der Spitze des Vereins?

Dieselbe Herausforderung, vor der die heutige steht: auf nationaler und vor allem internationaler Ebene erfolgreich zu sein, trotz der wirtschaftlichen Macht bestimmter Vereine mit höheren Fernseheinnahmen, die in den Händen von Milliardären oder teilweise ganzen Staaten liegen. Vor zehn Jahren standen wir bereits vor solchen Herausforderungen und ich bin immer noch sehr stolz darauf, dass wir bei Bayern in dieser Hinsicht keine Verrücktheiten mitgemacht haben. Immerhin haben wir in den letzten zehn Jahren drei Champions-League-Finals erreicht und zwei davon gewonnen. Ich denke, darauf darf der FC Bayern stolz sein.

Rummenigge: „Ich war immer dafür, dass man rationale Entscheidungen trifft“

Vor welchen Herausforderungen steht der deutsche Fußball?

Bedenken Sie, dass die Bundesliga* die letzte Liga ist, die dank des 50+1-Modells für Investoren, die eine Mehrheitsbeteiligung an einem Verein anstreben, geschlossen bleibt. Es liegt an der Bundesliga zu entscheiden, ob sie dieses Modell in Zukunft beibehalten will. Ich war immer dafür, dass man rationale Entscheidungen trifft. In Deutschland wird diese Art von Fragen vielleicht mit mehr Vorsicht behandelt. Die deutschen Fans sind in dieser Frage kritischer als die englischen, italienischen und spanischen, aber die Super League hat bewiesen, dass eine kritische Fanbasis für das Wohl des Fußballs entscheidend sein kann. Es ist allgemein bekannt, dass sich Bayern von Anfang an distanziert hat. Wäre es anders gewesen, hätten wir angesichts der Reaktion unserer Fans mit Sicherheit für Personenschutz hätten sorgen müssen. Die Fans sind der Schlüssel, um der Versuchung zu entgehen, der Herde blind hinterherzurennen.

Die Fans als regulierendes Element.

Sie sollen kritisch sein, aber bitte nicht so retro. Wir sind alle nostalgisch in Bezug auf das, was vor 20, 30 Jahren passiert ist, aber glauben Sie mir: Was die Attraktivität und die gesellschaftspolitische Wirkung angeht, war der Fußball noch nie so gut wie heute.

Trotz der Investoren?

Ich denke, dass zumindest in Deutschland jeder Verein selbst entscheiden können sollte, ob er seine Türen für sie öffnen will oder nicht. Sankt Pauli, zum Beispiel, wird das nie tun. Aber vielleicht haben andere Vereine dieses Bedürfnis, um wieder nach vorne blicken zu können. PSG war vor dem Eintritt Katars auf internationaler Ebene nicht konkurrenzfähig und ist nun Favorit auf den Sieg in der Champions League*. Ich denke, wir sollten uns nicht von vornherein verschließen, sondern Pros und Contras abwägen. Übertragen auf die Bundesliga bedeutet dies, dass wir folgende Frage beantworten müssen: Reicht uns die Bundesliga als Wettbewerb aus oder wollen wir, dass die deutschen Mannschaften auf internationaler Ebene weiterhin erfolgreich sind?

Sind Sie besorgt über bestimmte Trends im modernen Fußball?

Wir haben alle gesehen, welche Summen die Engländer und PSG trotz der Krise investiert haben. Das Wichtigste ist, dass der Wettbewerb unter gleichen Bedingungen stattfindet. Deshalb werde ich als Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees alles daran setzen, die sportliche Gleichstellung aller Mannschaften zu bewahren. Die Beträge, die in letzter Zeit wieder auf dem Markt bewegt wurden, insbesondere trotz der Pandemie, sind schwer zu verstehen. Es ist klar, dass man einen Marktvorteil gegenüber anderen hat, wenn man genug Geld hat, um einen Klub zu kaufen und nicht von dessen Einnahmen abhängig ist.

Man sieht, dass Sie besorgt sind.

Der Fußball hat sich seit 1995, insbesondere seit dem Bosman-Urteil, in die eine falsche Richtung entwickelt. Die Tatsache, dass es den Spielern freisteht, nach Ablauf ihres Vertrags ablösefrei zu gehen, hat zu einer Reihe von Fehlentwicklungen bei Gehältern, Beraterhonoraren und den Ablösesummen geführt. Es liegt an der UEFA und auch an der FIFA als Regulator des Weltfußballs, einen zunehmend außer Kontrolle geratenen Markt wieder einzufangen.

Rubriklistenbild: © imago/Eibner

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