Ligagipfel zwischen RBL und FCB

Reporter-Legende mahnt: „Für Kovac kann es keine Schonfrist mehr geben”

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Niko Kovac mit Thomas Müller.

Am Wochenende steigt das elektrisierende Duell zwischen Tabellenführer und Serienmeister. Marcel Reif über das Topspiel des FC Bayern in Leipzig und die Kräfteverhältnisse in der Liga.

München - Von wegen lockerer Aufgalopp nach der Länderspielpause! Die Bayern müssen am Samstag (18.30 Uhr, Sky) gleich bei den Power-Fußballern von RB Leipzig ran. Die Mannschaft von Julian Nagelsmann (32) hat mit drei Siegen aus drei Spielen einen furiosen Bundesliga-Start hingelegt und steht folgerichtig an der Tabellenspitze. Der FCB lauert mit sieben Zählern dahinter und wird alles dafür tun, um die Leipziger mit einem Sieg vom Liga-Thron zu stoßen. 

Für Sport1-Experte Marcel Reif bringt das Duell sämtliche Zutaten mit, um ein Spektakel zu werden. Bevor der frühere TV-Kommentator am Sonntag im Check24 Doppelpass Platz nimmt, nahm er sich für die tz Zeit und sprach im Interview unter anderem über das Top-Spiel, die Kaderzusammensetzung des FCB und die Ansprüche an Niko Kovac in seinem zweiten Jahr.

Herr Reif, nach der Länderspielpause steht am Samstag gleich das Top-Spiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern an. Was erwarten Sie sich von diesem Duell?

Marcel Reif: Die Zutaten für ein Spektakel hast du. Ich habe mir allerdings im Laufe der Jahrzehnte abgewöhnt, mir zu große Hoffnungen im Vorfeld einer solchen Partie zu machen und dann enttäuscht zu werden. Ich mache es lieber andersrum.

Der Saisonstart der Leipziger erhöht aber die Hoffnungen, dass es am Samstag (Anpfiff 18.30 Uhr) ein Spektakel gibt.

Reif: Ich dachte nicht, dass es in Leipzig mit Julian Nagelsmann schon so schnell so gut funktioniert. Von Ralf Rangnick zu Nagelsmann ist es ja schon eine Art Paradigmenwechsel auf der Trainerposition – er ist sicher nicht in direkter Linie ein Nachfolger von Rangnick. Normalerweise müssen Mannschaft und neuer Trainer erst einmal zusammenwachsen. Das ist hier sehr schnell gelungen. Julian Nagelsmann macht aus dem, was er vorfindet, das Bestmögliche.

Was bedeutet das am Samstag für Bayern München?

Reif: Sie wissen: Das ist jetzt ein richtiger Konkurrent, wenn es am Ende um die Titel-Abrechnung geht. Zumindest müssen sie RB Leipzig jetzt schon ernst nehmen. Und darum glaube ich, dass alle Gegebenheiten vorhanden sind, um eben das angesprochene Spektakel zu erleben.

FC Bayern: „Es liegt an Kovac, einen James 2.0 zu verhindern“

Wie erleben Sie den FC Bayern in der Anfangsphase der zweiten Saison mit Niko Kovac?

Reif: Hier fand ja innerhalb der Mannschaft ein enormer Umbruch statt, in Leipzig war es „nur“ auf der Trainerebene. Coutinho, Hernandez, Pavard, Perisic, Cuisance und auch Tolisso ist wieder zurück. Das ist schon eine andere Gemengelage. Diese vielen tollen Einzelspieler müssen erst noch eine Mannschaft werden. Aber wann setzt man bei den Bayern mit einer Bewertung an? Erfahrungsgemäß hätten sie stets Zeit bis Februar. Letztes Jahr hatten sie neun Punkte Rückstand, die sie am Ende aufgeholt haben. Das würde diese Saison nicht gelingen – weil eben jetzt offensichtlich auch Leipzig mitspielt und Dortmund ganz sicher nicht schwächer geworden ist. Insofern: Ja, sie müssen schon sehr bald eine spielerische Linie präsentieren. Aber das ist nichts, was man nur von oben verordnen kann, sondern dazu müssen auch die Spieler zusammen finden. Und ein Philippe Coutinho ist ja kein Ergänzungsspieler. Das ist einer, der den Aggregatzustand der Mannschaft völlig verändert.

Befürchten Sie, dass es Coutinho in München ähnlich wie James Rodriguez ergeht?

Reif (überlegt): Dann hätten sich die Bayern zweimal getäuscht. Es liegt jetzt an Niko Kovac, das kann ihm niemand abnehmen, einen James 2.0 zu verhindern. Natürlich lag es auch an James, das kann man nicht nur Kovac ankreiden. Jetzt schauen wir mal, wie sich Coutinho zurecht findet und wie man mit ihm eine Mannschaft baut. Aber: Ein 2.0 darf es in diesem Fall nicht geben. Zumindest würde das nicht über eine so lange Zeit ohne Konsequenzen bleiben. Auch für den Trainer nicht...

Wie bewerten Sie den finalen Bayern-Kader für die Saison 2019/2020?

Reif: Ausgezeichnet! Niemand wird mir einreden können, dass Coutinho nicht ein Spieler ist, der überall gut hinpassen könnte. Von seiner Sorte gibt es nicht so viele, insofern ist dieser Transfer ein Coup. Und Perisic wird auch einer! Davon bin ich überzeugt.

Die Stimme des Fußballs: Marcel Reif.

Weshalb?

Reif: Perisic konnte man nur vorwerfen, dass er nicht Leroy Sané heißt. Aber das, was Perisic kann, wird den Bayern sehr gut tun – nämlich eine weitere effektive Flügel-Alternative zu sein. Was sie nicht haben, und da hätte auch Leroy Sané nicht weitergeholfen, ist ein Ersatz für Lewandowski. Und wir alle wissen, wie schwer es ist, so jemanden zu finden. Der fehlt jetzt und wenn Lewandowski ausfällt, fällt mir überhaupt nichts ein. Und Martinez wird nicht weniger verletzungsanfällig werden. Wo ist also der defensive Sechser, der Vidal-artig mal dazwischen haut? Den suchen sie immer noch. Das sind zwei Vakanzen, die können sich im Februar negativ auswirken.

Marcel Reif: „Vieles im Umgang mit Niko Kovac war nicht okay“

Und wie gefällt Ihnen 80-Millionen-Mann Lucas Hernandez?

Reif: Sehr gut. Ein schlauer Spieler. Auf Schalke hatte er anfangs versucht, das Spiel zu eröffnen. Da ging zwei-, dreimal etwas schief. Dann hat er es gelassen, weil er gesagt hat: Das braucht noch Zeit bis die mich kennen, ich sie noch besser kenne. Ich mache erst mal meinen Job. Das ist ein sehr kluger Spieler, mit einer enormen Präsenz. Die wird es brauchen.

Lesen Sie auch: Sechs Stars im neuen Mannschaftsrat - Auf wen vertraut Niko Kovac?

Lassen Sie uns nochmal über Niko Kovac sprechen. Uli Hoeneß legt im Herbst seine beiden mächtigen Ämter als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender nieder. Er kann dann also nicht mehr seine Hände schützend über Kovac halten, wenn es nicht läuft – so wie vergangene Saison.

Reif: Wir sind beim FC Bayern München und wenn man da über einen Trainer schützend die Hand halten muss, sind die Dinge vom Grundsatz her falsch gelaufen. Vieles im Umgang mit Niko Kovac in seinem ersten Jahr war nicht okay. Aber jetzt kann es keine Schonfristen mehr für ihn geben. Kovac weiß, wo er steht – dafür ist er viel zu schlau. Insofern glaube ich nicht, dass es jemanden braucht, der seine Hand schützend über ihn hält. Wenn es den bräuchte, dann hätte Niko Kovac etwas nicht hingekriegt. Und das geht beim FC Bayern nicht.

Zum Abschluss: Was trauen Sie dem BVB – trotz des Ausrutschers gegen Union Berlin – diese Saison zu?

Reif: Von Dortmund verlangt man jetzt mehr, das ist der Fluch der guten Taten: Nach dem, was sie vergangene Saison geleistet haben, plus, wie sie sich verstärkt haben. Das Wort verstärkt nutze ich bewusst. Die Dortmunder haben in den vergangenen beiden Transfer-Perioden im Rahmen ihrer Möglichkeiten brillant gearbeitet. Ich halte sie für gut genug, um den Bayern Paroli zu bieten. Leipzig, wie gesagt, hat aber bereits einen Blitzstart hingelegt, und Nagelsmann scheint dorthin zu passen. Aber lassen Sie uns mal das Wochenende abwarten.

Interview: Manuel Bonke

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