Kommt es zum „Modell Perisic“?

Wenn Thiago geht - braucht Bayern noch einen Sechser? Wir wägen ab, Sie stimmen ab!

Thiago Alcantara wird den FC Bayern wohl verlassen. Braucht das Team in diesem Fall dringend Ersatz oder ist man gut aufgestellt? Wir haben die Situation analysiert und lassen Sie abstimmen.

München - Er war schon abgeschrieben - doch dann zeigte Thiago (29) seine ganze Klasse, als es darauf ankam. Im Champions-League-Finale gegen Paris St. Germain bereitete der Spanier mit einem herrlichen öffnenden Pass aus dem Mittelfeld das entscheidende 1:0 für die Münchner vor. Thiago machte ein herausragendes Spiel, überzeugte im gesamten Finalturnier. Und das, obwohl er nur durch eine Verletzung ins Team gerutscht war: Weil Benjamin Pavard (24) nicht spielen konnte, musste Joshua Kimmich als Außenverteidiger ran und plötzlich war Thiago im Mittelfeld wieder gefragt.

Nun soll Thiago gehen. Der Abgang des Spaniers, dessen Vertrag im nächsten Sommer auslaufen würde, gilt als so gut wie sicher, auch wenn er beim Trainingsauftakt des FCB dabei war. Als er Niklas Süle tunnelte, sagte Thomas Müller laut Bild: „Schönes Abschiedsgeschenk!“ Thiagos neuer Verein wird wohl der FC Liverpool werden.

Generell ist Bayern im defensiven Mittelfeld mit der deutschen Schaltzentrale der Zukunft auf der Sechs auch ohne Thiago hervorragend aufgestellt: Leon Goretzka (25), von Ralf Rangnick im Kicker als „bester Box-to-Box-Spieler der Welt“ geadelt, teilt sich die Aufgaben mit dem Hirn des Bayern-Spiels und dem Vorbereiter des goldenen Tores von Lissabon, Joshua Kimmich (25).

Allerdings geht es bei der Frage, ob Bayern für Thiago Ersatz braucht, nicht um ein Spiel, sondern um die ganze Saison. Wir haben uns beide Argumente angesehen:

Thiago (l.) mit Bayern-Trainer Hansi Flick.

Wenn Thiago geht, braucht Bayern dringend Ersatz! Das spricht für einen Neuzugang

Zuerst einmal sprechen ganz praktische Dinge für einen Neuzugang: Die Corona-Krise hat den Spielplan durcheinandergewürfelt und belastet die Spieler in den kommenden Wochen und Monaten maximal. Inklusive Nationalmannschaftsauftritten kommen so viele Partien auf die Profis zu wie wohl noch nie zuvor. Zwar gilt Kimmich als "unkaputtbar" und hat gefühlt seit Jahren kein Spiel für die Bayern verpasst. Auch der einstmals als verletzungsanfällig geltende Goretzka hat sich stabilisiert - doch die kommende Extrembelastung wird auch bei den Bayern ihre Verletzungsopfer fordern, und selbst wenn nicht - Flick muss seinen Stars Pausen gönnen. Es wäre daher naiv, keinen adäquaten Backup zu verpflichten. Zumal Kimmich auch manchmal einspringen muss, wenn sich auf den Außenverteidigerpositionen jemand verletzt.

Die Personaldecke hinter Kimmich und Goretzka ist dünn. Zwar gibt es Corentin Tolisso (26), doch dieser hat noch nicht auf Dauer bewiesen, dass er einen Weltstar wie Thiago ersetzen könnte. Tolisso ähnelt vom Spielertyp zudem eher Goretzka - einen Zauberfuß wie Thiago zu ersetzten, ist Tolisso wohl nicht zuzutrauen. Das gleiche gilt für die vielversprechenden, aber noch zu unkonstanten und unerfahrenen Jung-Stars Michael Cuisance (21), Adrian Fein (21) und den verletzten Tanguy Nianzou (18).

Es bliebe noch eine weitere Option: Das Modell Ivan Perisic (31). Bayern könnte einen soliden, aber womöglich nicht mehr 1A-Megastar holen oder ausleihen, der sich auch mit dem Bankplatz zufrieden gibt, wenn alle fit sind, aber seinen Mann steht, wenn es an der Zeit ist.

Wenn Thiago geht, ist Bayern trotzdem gut aufgestellt: Das spricht dafür, keinen Ersatz zu holen

Einen Zauberfuß wie Thiago eins zu eins ersetzen zu wollen, ist so oder so kaum möglich. Ginge es Bayern um einen ähnlichen Typ, wird schnell eine Geldfrage aus der Diskussion. Gerade technisch versierte Stars von Rang und Namen kosten auch in Zeiten von Corona ordentlich Kleingeld. Einen zusätzlichen Megastar zu holen, der dann unzufrieden auf der Bank sitzt, weil eigentlich niemand das blendend funktionierende Duo Kimmich/Goretzka sprengen will, klingt nicht wie die beste Idee. Hansi Flick gilt als Meister darin, das Betriebsklima zu perfektionieren, doch unnötig schwer sollte man dies dem Triple-Trainer dies nicht machen.

Zumal Corentin Tolisso (26) nicht irgendein Spieler ist, sondern immer noch der drittteuerste Star, den die Bayern je verpflichtet haben (41,5 Millionen Euro). Er ist Weltmeister 2018 und hat sich trotz seinem Totalschaden im Knie erfolgreich zurückgekämpft, war ein wichtiger Teil des Bayern-Teams in den letzten Saisonspielen (er traf beispielsweise gegen Chelsea). Zwar ist er vom Typ her kein Thiago, doch bringt eben andere Qualitäten mit, wie seine Torgefahr und sein direkteres, schnörkelloses Spiel.

Und: Hansi Flick versteht es wie kein zweiter Coach, Spieler aus der zweiten Reihe zu Glanz und Topform zu verhelfen. Beispiele gefällig? Man nenne nur Thomas Müller (31, unter Kovac verschmäht, unter Flick gefeiert), Ivan Perisic oder auch Philippe Coutinho (28), auf den Flick im Finalturnier als Super-Joker zurückgreifen konnte. Niemand ist geeigneter, Tolisso mit einer geeigneten Aufgabe im Mittelfeld zu betrauen, als Flick. - cg

Stimmen Sie ab! Was soll passieren, wenn Thiago geht?

Sie haben Geschichte geschrieben: Arjen Robben entschied das Champions-League-Finale 2013, Kingsley Coman 2020. Der Franzose träumt von einem ihm gewidmeten Fan-Song, wie ihn Robben schon hat.

Geht es jetzt ganz schnell mit einer Rückkehr von Fan-Scharen in die Stadien? Offenbar könnte eine einheitliche Regelung schnell Realität werden, die die Stadion zu einem Drittel auslasten will.

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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