Interview mit Peter Neururer

FCB-Neuzugang Goretzka? „Das Jodeln wird Leon schnell lernen“

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„Eine der positivsten Erscheinungen der letzten 30 Jahre“: Neururer über seinen früheren Schützling Goretzka.

Peter Neururer trainierte Leon Goretzka einst beim VfL Bochum. Mit uns spricht der Kult-Trainer über den mutmaßlichen Wechsel des Mittelfeldstars zum FC Bayern und was das für die Bundesliga bedeutet. 

München – Ein paar Monate als Trainer von FC-Bayern-Wunschobjekt Leon Goretzka reichten Peter Neururer, um zu wissen: Dieser Junge ist etwas Besonderes. Im Interview spricht der 62-Jährige über das Juwel, das er einst nicht aus Bochum ziehen lassen wollte.

Herr Neururer, Leon Goretzka steht vor dem Wechsel zum FC Bayern. Ein logischer Schritt – oder doch ein überraschender?

Peter Neururer: Wenn Leon wirklich gehen sollte, wenn das zu 100 Prozent feststeht, macht er die einzige Steigerung, die es im deutschen Fußball von Schalke aus gibt. Da gibt es nichts anderes als den FC Bayern, das macht schon sehr viel Sinn. Er muss sich ja weiterentwickeln. Leon ist für mich immer noch eines der größten Talente – wenn nicht das größte deutsche Talent im Mittelfeld. Und er ist noch lange nicht im Endstadium seiner Leistungsfähigkeit. Um aber dahin zu kommen, gehört ein Verein dazu, der ihm fortwährende Präsenz im internationalen Wettbewerb garantiert. Nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch im Vereinsfußball, wo er in München tagtäglich von den Besten umgeben ist. Aber...

Es gibt ein Aber?

Neururer: Natürlich. Der Schritt ist zwar konsequent, wenn er ihn geht. Aber ich als Mitglied von Schalke 04 bin natürlich traurig darüber. Weil wir einen Spieler verlieren würden, von dem man endlich mal wieder sagen konnte: Das war das Gesicht von Schalke 04.

Sie hatten einen Verbleib nicht ausgeschlossen.

Neururer: Absolut nicht. Christian Heidel hat dem Leon klargemacht, dass er das Schalke 04 der Zukunft darstellen, der führende Kopf sein kann. Das – losgelöst vom Geld – ist für Leon eigentlich Motivation genug. Aber dagegen spricht die internationale Entwicklung. Da ist er bei Bayern auf der sicheren Seite.

Man hat schon den Eindruck, Goretzka habe einen klaren Karriereplan: Erst Bayern – dann Ausland?

Neururer: Er hat einen Plan. Aber wenn ich bei Bayern war, wo soll ich denn noch hingehen? In Europa gibt es vielleicht Real Madrid und den FC Barcelona, die beide auch interessiert waren. Aber ansonsten sehe ich keinen Klub. Vor allem nicht die von außen gesteuerten Vereine aus Manchester, die haben doch nicht ansatzweise den Hintergrund eines FC Bayern. Früher haben sie immer erzählt, sie wollen eine neue Mentalität oder Sprache kennenlernen – das ist doch der größte Schwachsinn aller Zeiten. Die sollen die Wahrheit sagen: Ich gehe dahin, wo ich am meisten Geld bekomme.

„Es spricht doch für Leon, dass es ihm nicht nur ums Geld geht“

Schalke hätte Goretzka angeblich 12 Millionen Euro pro Jahr gezahlt.

Neururer: Die hätten sich sehr, sehr weit gestreckt. Aber es spricht doch für Leon, dass es ihm nicht nur ums Geld geht. Überhaupt nicht! Man darf nicht vergessen: Er ist erst 22 – aber dass er exorbitant bezahlt werden wird, egal wo er ist, ist doch vollkommen klar. Und wissen Sie, was ich am besten finde?

Erzählen Sie!

Neururer: Dass so ein Talent im deutschen Fußball bleibt. Das ist doch die beste Nachricht.

Leon Goretzka konnte mit der deutschen Nationalmannschaft beim Confed-Cup 2017 in Russland triumphieren.

Und die Bayern haben ein Zeichen an die finanzstärkere internationale Konkurrenz gesetzt.

Neururer: Ein eindrucksvolles! Da kann man sich bei Herrn Hoeneß und Herrn Rummenigge nur bedanken. Das spricht für den deutschen Fußball.

FC Bayern: Winter-Transfergerüchte 2017/2018 und aktuelle News

Joachim Löw lobt Goretzkas „gute Persönlichkeit“ – gibt es dazu auch Geschichten von früher?

Neururer: Das ist das Besondere an Leon: Es gibt keine Anekdoten von ihm. Er ist schon im Jugendalter ein ausgereifter Spieler gewesen, der auf den Punkt genau das gesagt hat, was man sagen muss. Er denkt richtig, verliert dabei seine Spontanität nicht, aber ist nicht einer, der irgendeinen Schwachsinn von sich gibt. Er weiß, wo er herkommt, was das Umfeld ihm bedeutet. Er ist intelligent und darüber hinaus noch gebildet. Er ist einer der positivsten Erscheinungen, die ich im deutschen Fußball in den letzten 30 Jahren kennengelernt habe.

Sie sagen, er setzt sich überall durch. Also auch beim FC Bayern?

Neururer: Davon gehe ich absolut aus. Der hat so viel Qualität, da wird jeder Trainer eine Rolle finden. Eine, die Leon nach oben bringt und gleichzeitig den FC Bayern noch stärker werden lässt. Er ist flexibel einsetzbar, kann doch im Mittelfeld fast alles spielen.

Wo sehen Sie ihn?

Neururer: Für mich ist seine stärkste Position die Acht oder vielleicht die Zehn. Da kommt er aus der Tiefe, hat unglaublich gute Laufwege, ist technisch überragend, hat gute Abschlüsse, kann in die Spitze stoßen. Das Einzige, an dem er noch arbeiten kann, ist das Kopfballspiel.

Sie sagten mal, er sei einer wie Schweinsteiger. Ist das noch zeitgemäß?

Neururer: Spielerisch nicht, Schweini war ja eher ein Stratege, der am Schluss auch auf der Sechs gespielt hat. Aber von der Persönlichkeitsstruktur sind sie absolut vergleichbar.

Heißt: Goretzka kann in München zur Identifikationsfigur werden‘?

Neururer: Absolut. Man kann davon ausgehen, dass Leon eine der Säulen wird, um die die Bayern ihre Zukunft bauen. Das Jodeln wird er schnell lernen (lacht).

Wie schwer ist es denn für einen Ruhrpottler, ein echter Bayer zu werden?

Neururer: Man sagt ja: Auf Kohle geboren heißt, auf Kohle zu leben. Aber das ist ein intelligenter Junge, der kann sich anpassen. Und der ist imstande, auch in einem Ensemble wie dem FC Bayern für Akzente zu sorgen.

Und eine WM als designierter Bayern-Spieler kommt auch gut, oder?

Neururer: Die WM schreiben wir Leon selber zu, oder Schalke und Bochum. Aber bitte noch nicht den Bayern. Die müssen erst noch Einiges leisten (lacht).

Interview: Hanna Raif

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