Er sieht eine positive Wut

Hitzfeld im Interview: "Bayern lebt Hunger aus"

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Ottmar Hitzfeld

München - Ottmar Hitzfeld blickt im Interview auf das Fußballjahr 2012 zurück und wagt einen Ausblick auf 2013. Den Grund für die BVB-Schwächephasen in der Bundesliga sieht er in der Mehrfachbelastung.

Für Ottmar Hitzfeld steht Bayern München als deutscher Fußball-Meister 2013 nach der überragenden Vorrunde schon jetzt so gut wie fest. Angesichts der Dortmunder Punktverluste vor wichtigen Champions-League-Spielen könne der Rekordmeister seine Aufgaben praktisch sorgenfrei angehen, sagte der einstige BVB- und Bayern-Trainer der Nachrichtenagentur dpa.

International traut der Schweizer Nationalcoach beiden Clubs viel zu. Auch von der deutschen Nationalmannschaft erwartet Hitzfeld viel. Bundestrainer Joachim Löw fehle eigentlich nur eines - ein Titel.

Herr Hitzfeld, was war für Sie das Fußball-Ereignis 2012?

Hitzfeld: International gesehen sicherlich der EM-Sieg Spaniens. Sie waren der Favorit, hatten den Druck, aber verstanden es trotzdem, sich für dieses herausragende Ziel zu motivieren. Den dritten großen Titel in Folge zu gewinnen, war einzigartig. Nennen möchte ich aber auch Lionel Messis Torrekord - wobei der für mich keine Überraschung war, sondern nur eine Frage der Zeit. Messi ist neben Pelé einer der größten Fußballer, die dieser Planet je hervorgebracht hat - und er wird immer noch besser. Dass er bei all dem Trubel und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die ihn begleitet, so bodenständig bleibt, ist mindestens ebenso hoch einzuschätzen wie seine sportliche Leistung.

In der Bundesliga hat der FC Bayern eine rekordträchtige Hinrunde absolviert. Hätten Sie das so erwartet?

Hitzfeld: Gewissermaßen schon. Es war klar, dass es nicht dem Selbstverständnis des Vereins und der Spieler entsprechen würde, sich ein drittes Mal von Dortmund abhängen zu lassen. Diesen Hunger leben sie auf dem Platz gnadenlos aus. Aber sie profitieren auch davon, dass Dortmund gewisse Schwächen zeigt.

Inwiefern?

Hitzfeld: Läge Dortmund nur vier, fünf Punkte zurück - ich denke, dass dann auch bei den Bayern eine gewisse Nervosität und Angst vor Punktverlusten spürbar wäre. Doch der BVB hat - Zufall oder nicht - gerade vor den prestigeträchtigen Spielen in der Champions League gegen Real Madrid und Manchester City unnötig einige Punkte liegen gelassen. So können die Bayern quasi sorgenfrei ihre Aufgaben angehen.

Ottmar Hitzfelds Trainerkarriere in Bildern

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Sehen Sie hier die besten Bilder aus der Trainerkarriere des Weltpokalsiegers 2001 - Champions-League-Siegers 1997, 2001 - Deutschen Meister von 1995, 1996, 1999, 2000, 2001, 2003, 2008 - DFB-Pokalsieger 2000, 2003, 2008 - Ligapokalsieger 1998, 1999, 2000, 2007 - Schweizer Meisters 1990, 1991 - Schweizer Pokalsieger 1985, 1989, 1990 - DFB-Supercupsieger 1995, 1996 und Schweizer Supercupsieger 1989. © dpa
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Nachdem er für den VfB Stuttgart in den 70er Jahren 22 Bundesliga-Spiele absolviert hatte, übte sich Hitzeld zunächst in der Schweiz als Trainer, um dann 1991 in die Bundesliga zu Borussia Dortmund zu wechseln. © dpa
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Bei der Borussia prägte er eine Ära. Bis 1997 verwandelte er die Schwarz-Gelben von einer mittelmäßigen Bundesliga-Mannschaft in ein europäisches Top-Team. Nach den beiden Deutschen Meisterschaften 1995 und 1996 folgte 1997 der ganz große Streich: Der Gewinn der Champions League (3:1 gegen Juventus Turin), und das ausgerechnet im Münchner Olympiastadion. © dpa
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Dort sollte Hitzfeld in den kommenden Jahren noch viele weitere Erfolge feiern. Doch zunächst zog er sich bei Borussia Dortmund in die zweite Reihe zurück und fungierte ein Jahr lang als Berater. © dpa
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1998 war Hitzfelds Zeit bei Borussia Dortmund abgelaufen. Die Bayern sicherten sich die Dienste des Erfolgstrainers - wohl eine der besten Entscheidungen der Vereinsgeschichte. © dpa
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Hitzfeld brauchte weder lange, um sich vom Dortmunder DAB-Pils auf Münchner Weißbier umzustellen, noch um die erfolgsorientierte Vereinsphilosophie der Bayern zu verinnerlichen. © dpa
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Dazu gab's noch ein paar ins Ohr geflüsterte Tipps von Kaiser Franz - da konnte ja gar nichts schiefegehen. © dpa
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Aus Dortmund brachte Hitzfeld auch seinen treuen Assistenten Michael Henke mit, der ihm in den folgenden Jahren zuverlässig zur Seite stehen sollte. © dpa
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Hitzfelds natürliche Autorität vereinfachte ihm auch die Arbeit mit Charakterköpfen wie Lothar Matthäus oder auch Stefan Effenberg und Oliver Kahn. © dpa
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Bereits im ersten Jahr begann Hitzfeld mit seiner beeindruckenden Titelsammlung bei den Bayern: Die Deutsche Meisterschaft wurde souverän mit 15 Punkten Vorsprung gewonnen. © dpa
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Doch bereits in seiner ersten Saison gab es auch einen absoluten Tiefschlag: Die legendäre 1:2-Niederlage im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United. Doch der Frust ging vorüber - und der Bayern-Coach gestärkt aus der Pleite hervor. © dpa
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Was man am besten tut, um schmerzliche Niederlagen zu vergessen? Genau, einfach weitere Titel gewinnen. So geschehen im Jahr 2000 mit dem dramatischen Schlussspurt im Kampf umd ie Deutsche Meisterschaft, als Bayer Leverkusen am letzten Spieltag noch abgefangen wurde. © dpa
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Hitzfeld beim Abschiedsspiel von Lothar Matthäus im Jahr 2000. © dpa
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Auf die faule Haut legen, das gibt es bei Ottmar Hitzfeld nicht. Der Asket gibt für den Erfolg Alles. Wenn es bei den Bayern mal nicht so gut lief, war das Hitzfeld immer sofort anzusehen. Doch dieses graue, fahle Gesicht trat insgesamt nur selten zum Vorschein. Vor allem nicht... © dpa
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In diesem wunderbaren Jahr 2001, als die Bayern nahezu alles gewannen, was es zu gewinnen gab. Zunächst diese verrückte Deutsche Meisterschaft, als Patrick Anderssons 1:1-Ausgleichstreffer gegen den HSV in der Nachspielzeit den an Schalke verloren geglaubten Titel doch noch möglich machte. Wer erinnert sich dabei nicht an Hitzfelds ausgelassenen Jubel an der Seitenlinie? © dpa
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Vier Tage später dann der ganz große Coup: Der Champions-League-Sieg in Mailand gegen den FC Valencia. © dpa
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Hitzfeld gewann zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren die Champions League - und wurde bei der Rückkehr nach München von den Fans minutenlang mit Sprechchören gefeiert. © dpa
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Das Jahr 2001 endete, wie sollte es anders sein, ebenfalls mit einem Titelgewinn: In Tokio sicherten sich Hitzfelds Bayern zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte den Weltpokal. © dpa
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Im Jahr drauf gab's für einen sich im Umbruch befindenden FC Bayern dann nicht viel mehr als ein Glas Weißbier beim offiziellen Presse-Termin. Der erfolgsverwöhnte Ottmar Hitzfeld musste am Saisonende mit Platz 3 Vorlieb nehmen. © dpa
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Das Ende einer Ära war aber noch immer nicht erreicht. Hitzfeld schaffte es, die Kräfte zu bündeln und führte einen runderneuerten FC Bayern 2003 zum Gewinn der 18. Deutschen Meisterschaft. Hitzfeld hatte seine Arbeit getan und das sportliche Feld bereitet, er selbst war aber 2004 nach sechs Jahren FC Bayern auf absolutem Top-Niveau ausgelaugt. © dpa
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Den Bayern-Fans fiel der Abschied ihres Helden im Sommer 2004 ebensowenig leicht... © dpa
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... wie Hitzfeld selbst. Gemeinsam mit Co-Trainer Michael Henke sagte Hitzfeld "Servus", und kaum ein Fan hielt es für möglich, dass es je ein Wiedersehen mit ihm auf der Trainerbank der Bayern geben würde. © dpa
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"Ich möchte gesund aufhören", sagte Hitzfeld damals, als ihm die Strapazen des Jobs deutlich ins Gesicht geschrieben standen. © dpa
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Hitzfeld tauschte die Trainingsplatz mit dem Fernsehstudio und arbeitete fortan für "Premiere" als ausgezeichneter Analytiker und Experte. © dpa
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Im Februar 2007 dann das sensationelle Comeback: Nach Felix Magaths Entlassung zauberte Uli Hoeneß plötzlich den Magath-Vorgänger als dessen Nachfolger aus dem Hut. © dpa
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Der Überraschungseffekt verpuffte jedoch gleich im ersten Spiel, als die Bayern beim 1. FC Nürnberg mit 0:3 untergingen. © dpa
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Hitzfeld konnte das Ruder in der kurzen Zeit bis Saisonende nicht mehr umreißen, und so landeten die Bayern fernab der Champions-League-Qualifikation auf einem enttäuschenden 4. Platz. © dpa
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Im Winter 2007 gab Hitzfeld dann seinen endgültigen Abschied von den Bayern und vom Vereinsfußball bekannt. © dpa
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Hitzfeld unterzeichnete einen ab Sommer 2008 gültigen Vertrag als Schweizer Nationaltrainer. Ziel: Die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika. © dpa
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Es folgte ein halbes Jahr voller Glanz und Gloria, in dem Hitzfeld seine famos aufspielenden Bayern noch einmal zum Double-Gewinn führte. Es folgte der 17. Mai 2008, 34. Spieltag der 45. Bundesliga-Saison und wohl einer der emotionalsten Momente, den die Allianz Arena in ihrer jungen Geschichte erlebte hat: Hitzfelds zweiter und endgültiger Abschied vom FC Bayern. © dpa
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Ergreifende Szenen spielten sich ab. Hitzfeld konnte seine Tränen unter minutenlangen Standing-Ovations nicht zurückhalten und berührte damit sogar Nicht-Bayern-Fans. "Das waren Tränen des Glücks" kommentierte der Umjubelte damals. © dpa
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“Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, ich habe ihm viel zu verdanken“, sagt Hitzfeld. Ruhm, Ansehen, Freundschaften und sagenhafte 25 Titel als Trainer. © dpa
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Ein letzter Gruß in die Bayern-Kurve... © dpa
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... ein letzter Handschlag mit Keeper Oliver Kahn... © dpa
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... ein letztes Mal posieren mit den Pokalen... © dpa
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... ein letztes Mal mit dem Autokorso durch München, dann war Hitzfelds Trainer-Karriere bei den Bayern endgültig zu Ende. Seine Bilanz: fünf Meisterschaften, drei DFB-Pokalsiege sowie 2001 der Gewinn von Champions League und Weltpokal. © dpa
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Seit Sommer 2008 lebt Hitzfeld wieder in seiner Heimatstadt Lörrach nahe der Schweizer Grenze und steht der Schweizer "Nati" als Coach vor. Viel ruhiger ist Hitzfelds Leben aber dennoch nicht geworden: Werbepartner, Fernseh-Experte bei “Premiere“, Vorträge, sein Terminkalender ist weiterhin gut gefüllt - neben den 10 bis 15 Länderspielen im Jahr. Dieses Jahr ist Hitzfeld 60 Jahre alt geworden. Und noch immer nicht aus dem Fußballzirkus wegzudenken. © dpa

Also geben Sie Dortmund angesichts von zwölf Punkten Rückstand schon keine Chancen mehr auf die Titelverteidigung?

Hitzfeld: Schon in der vergangenen Saison war es ein Wunder, wie sie acht Punkte noch aufgeholt haben. Und Bayern kommt dieses Jahr viel entschlossener und in positiver Weise wütender daher. Zwar kann man ihnen noch nicht zum Titel gratulieren und darf auch Leverkusen nicht übersehen - aber ich glaube sogar, dass die Bayern insgesamt keine zehn Punkte mehr abgeben werden.“

Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Teilnehmer in der Champions League?

Hitzfeld: Die Bundesliga ist so stark wie lange nicht im internationalen Vergleich. Natürlich hängt vieles von der Auslosung ab, wie lange man den ganz großen Kalibern aus dem Weg gehen kann, aber ich traue sowohl Dortmund als auch Bayern München den Sieg in der Champions League zu. Was der BVB in einer Gruppe mit Real und ManCity geleistet hat, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Es war wichtig zu zeigen, dass Borussia Dortmund eine deutsche Marke ist, die auch international mithalten kann. Der Verein hat wieder so viel Kraft wie 1997, und die aktuelle Mannschaft kann sogar noch stärker werden als die damalige. Und was die Breite des Kaders angeht, ist seit dem Sommer keine Mannschaft so stark besetzt wie Bayern München.

Ist Jürgen Klopp durch die internationalen Erfolge auf dem Weg zu einem ganz großen Trainer?

Hitzfeld: Zweifellos ist er das. Er hat mit seiner jungen Mannschaft einen offensiven und aufregenden Stil geprägt, der ihn als Trainer in ganz Europa attraktiv macht.“

Abschließende Frage und ein Ausblick auf 2013: Qualifizieren sich Deutschland und die Schweiz beide für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien?

Hitzfeld: Davon gehe ich aus. Unser Start mit zehn Punkten aus den ersten vier Spielen war sehr wertvoll für uns. Wir sind in der glücklichen Situation, dass uns keine der ganz großen Nationen zugelost wurde. Aber das macht diese Gruppe auf Augenhöhe andererseits umso unberechenbarer. Bei Deutschland zweifle ich keine Sekunde an der direkten Qualifikation. Die Mannschaft spielt einen hervorragenden Fußball, Joachim Löw ist ein hervorragender Trainer - ihm fehlt nur eines: Er muss recht bald die Sehnsucht nach einem Titel von 82 Millionen Menschen und Hobby-Bundestrainern stillen.“

dpa

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