Frust nach Gespräch über Zukunft

„Ich weiß, wann ich gehen muss“: Jetzt rechnet Boateng ab - und macht FC-Bayern-Bossen heftige Vorwürfe

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Wohin führt sein Weg? Jerome Boateng scheint mit dem FC Bayern noch nicht fertig zu sein.

Für Jerome Boateng war es eine Saison zum Vergessen. Nun äußert er sich ausführlich zu den Hintergründen - dabei kommen auch zwei Entscheider des FC Bayern schlecht weg.

München - Bei Jerome Boateng hat sich einiges angestaut. Und das muss nun raus, nach einer für ihn höchst enttäuschenden Saison. In der er nicht nur seinen Platz in der Nationalmannschaft, sondern auch seine Rolle als Führungsspieler beim FC Bayern einbüßte. „Es war für beide Seiten ein negatives Jahr, für den Verein und für mich“, erklärte der 30-Jährige im kicker. Eine kleine Breitseite gegen seinen Arbeitgeber, der immerhin das Double gewann und den dringend erforderlichen Umbruch erfolgreich in die Wege leitete.

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Auf einige Entscheider an der Säbener Straße ist Boateng auch alles andere als gut zu sprechen. Besonders von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Trainer Niko Kovac ist der langjährige Abwehrchef sehr enttäuscht. Das wird aus seinen Worten deutlich. Den Entscheidern bei den Roten wirft er sogar Wortbruch vor.

Boateng will 2018 Zusage für Wechsel bekommen haben

Denn, so verrät Boateng, ihm sei vor einem Jahr zugesagt worden, dass er die Bayern verlassen könne - „falls der richtige Klub kommt und das Geld stimmt“. Beides schien mit einem Angebot von Paris St. Germain - dieses soll eine Ablöse von bis zu 40 Millionen Euro beinhaltet haben - gegeben zu sein. Doch dann habe er drei Tage vor Transferschluss erfahren müssen, „dass sie (die Bayern-Bosse, d. Red.) auf einmal Nein sagten und ich nicht mehr gehen durfte“.

Er habe also das Gespräch mit Rummenigge, Kovac und Sportdirektor Hasan Salihamidzic gesucht. Dort sei ihm regelrecht Honig um den Mund geschmiert worden: „Sie sagten, der Trainer will dich unbedingt halten; für ihn bist du die Nummer eins in der Abwehr.“ Boateng will zwar weiterhin auf eine Luftveränderung beharrt haben, doch letztlich sei ihm beschieden worden: „Auch wenn es schwer für dich ist, musst du es so akzeptieren.“

Video: Hoeneß legt Boateng Abschied nahe

Boateng: „Dann bricht etwas in dir zusammen“

Für den Weltmeister von 2014 war diese Entscheidung schwer zu verarbeiten: „Ich war mit dem Kopf schon weg. Wenn du eine so sichere Zusage bekommst und eine adäquate Summe gezahlt wird, es aber plötzlich Nein heißt, bricht etwas in dir zusammen. So ohne Weiteres ging das nicht spurlos an mir vorbei.“ Zugleich habe ihn das Gefühl beschlichen, „dass der Verein nicht mehr zu mir stand“. Harter Tobak.

Zumal es von seiner Seite aus kein Abschied im Groll gewesen wäre: „Es ging um mein persönliches Glück. Ich musste einfach weg.“ Ähnlich habe er als 18-Jähriger in Berlin gefühlt, „wo mir jeder auf die Schultern klopfte“. Als gestandener Profi sollte also 2018 der Abschied aus München folgen: „Ich bin gerne hier, ich liebe München. Es waren tolle Zeiten. Aber ich weiß, wann ich gehen muss. Und das hätte man einem Spieler nach so vielen erfolgreichen Jahren zugestehen müssen.“

Stammplatz auf der Bank: Jerome Boateng war auch im Pokafinale nicht gefragt.

Kovac soll Boateng hervorragende Trainingsleistungen attestiert haben

Entsprechend griesgrämig startete Boateng in die abgelaufene Saison, die seine achte im Trikot des FC Bayern war. Rückblickend gibt er zu: „Meine Hinrunde war ja nicht gut.“ Doch im Weihnachtsurlaub habe er sich mit dem erzwungenen Verbleib abgefunden und Kovac dies auch mitgeteilt. Dass er sich in der zweiten Saisonhälfte dennoch wettbewerbsübergreifend nur zehnmal in der Startelf beweisen durfte, kann der zweifache Familienvater „nicht nachvollziehen, ich war sauer, vor allem wegen der Aussagen vom Trainer, ich hätte super trainiert, so gefalle ihm das, aggressiv, ich sei vorangegangen, et cetera“.

Anfang Februar habe der Coach ihm in einem einstündigen Gespräch versichert, er sei „sofort dran, wenn einer nicht seine Leistung bringt, weil du es dir verdient hast, du trainierst super“. Und tatsächlich begann Boateng in sieben der folgenden acht Bundesligaspiele. Für den 76-maligen Nationalspieler dennoch zu wenig. Immerhin habe ihm Kovac kürzlich sogar gestanden: „Du hast nicht so viel gespielt, obwohl du vielleicht der beste Verteidiger bist.“

Boateng kann sich bei schlechter Laune „nicht verstellen“

Warme Worte. Aber kein wirklicher Trost für Boateng. Entsprechend gefrustet war der der gebürtige Berliner bei den Feierlichkeiten nach den beiden Titeln: „Wenn du keine Rolle spielst, dann tut dir das weh. Meinen Mitspielern gegenüber verhalte ich mich immer respektvoll. Aber ich kann mich nicht verstellen, lache nicht herum und tue so, als würde ich mich riesig freuen.“

Sein Fernbleiben von der Meisterfeier nach dem 5:1 über Frankfurt will er aber nicht falsch verstanden wissen. „Es war nicht das letzte Saisonspiel, es kam noch die Doublefeier auf dem Marienplatz. Und wenn einer meiner Freunde heiratet, gehe ich zur Hochzeit“, betont Boateng: „Das hatte nichts mit meiner Laune zu tun. Selbst wenn ich gespielt hätte, wäre ich zur Hochzeit.“

P1-Party nach BVB-Hit: Boateng nimmt FC Bayern mit ins Boot

Eine andere Party beschäftigte die Öffentlichkeit weit mehr, als es Boateng lieb sein kann. Weil er mit Sponsoren am Abend nach dem Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund ins P1 geladen hatte, waren Vorwürfe laut geworden, der Fußballer des Jahres 2016 konzentriere sich nicht voll auf seinen Job. Auch hier geht Boateng auf Distanz zum Verein. Bei einer Niederlage gegen den BVB „wäre ich dort von 23 bis 24 Uhr aufgetaucht wegen der Sponsoren und anschließend nach Hause. Das haben wir gegenüber dem FC Bayern klar kommuniziert.“ Der Klub habe keinerlei Bedenken geäußert: „Wir hätten es doch besprechen und nach außen eine Erklärung abgeben können.“

Auch die Kritik an seinen außerfußballerischen Projekten geht ihm auf den Keks: „Was muss ich dafür tun? Es wird immer so hingestellt, dass ich dafür durch die Welt reisen müsste und sechs Stunden lang irgendwelche Termine oder Verpflichtungen hätte.“ Vielmehr sei er für seine Brillenkollektion „alle drei, vier Monate eine Stunde“ eingespannt, „um die Designs zu entwickeln“. Dafür müsse er nicht einmal die Stadt verlassen. Im gleiche Rhythmus finde „mal ein Shooting für zwei Stunden, auch in München“ statt. Letzteres sei in ähnlichen Abständen das einzige, das er für sein Lifestyle-Magazin „Boa“ beisteuere.

Haben aktuell offenbar nicht das beste Verhältnis: Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge (l.) und Jerome Boateng besuchten auf einer USA-Tour gemeinsam die New Yorker Börse.

Boateng nur in Berlin; „wenn wir eine englische Woche und frei hatten“

Überhaupt würden die Foto-Shootings der anderen Bayern-Profis zu PR-Zwecken nicht so sehr thematisiert. Gleiches gelte für Reisen in die Heimat - hier werden David Alaba, Javi Martinez und Franck Ribéry genannt. Bei ihm selbst heiße es dagegen ständig, er sei in Berlin. Stimmt eben gar nicht, stellt Boateng klar: „Nur wenn wir eine englische Woche und frei hatten, bin ich nach Berlin geflogen.“

Einstecken musste Boateng zuletzt also eine ganze Menge - aber auch austeilen kann er. So habe er sich nach der Schulter-OP im Dezember 2016 vom Klub allein gelassen gefühlt. Weder sei ihm beim Eingriff - wie demnach üblich - ein FCB-Arzt zur Seite gestellt worden, noch habe es Besuche von Klub-Offiziellen in der Klinik oder Nachfragen nach seinem Gesundheitszustand gegeben. Auch sei ihm sein Abschied aus dem Spielerrat nie persönlich mitgeteilt worden, plötzlich hätten Robert Lewandowski und Thiago in der Kapitänshierarchie vor ihm gestanden.

Schwer getroffen hat ihn auch Rummenigges Aussage im November 2016 nach der 2:3-Pleite in der Champions League in Rostow, Boateng „müsse back to earth runterkommen“. Gemünzt waren diese Worte eben auf die Projekte abseits des Sports. Für Boateng sei dies ein Vertrauensbruch gewesen, weil es wenige Tage zuvor ein Gespräch gegeben habe, in dem keinerlei Andeutungen in diese Richtung gemacht worden seien.

Boatengs Worte klingen wie Abrechnung

Dies alles musste der siebenmalige Deutsche Meister offenbar unbedingt mal loswerden. Es klingt nach einer Abrechnung - mit Trainer, mit Vorstand, aber auch mit der Öffentlichkeit. Dabei gibt sich Boateng auch selbstkritisch, wenn er in Bezug auf seine wenigen Startelfeinsätze anmerkt, er habe sich „zu sehr runterziehen lassen von der ganzen Situation“.

Zugleich präsentiert sich Boateng aber angriffslustig: „Ich brenne immer noch. Ich bin heiß. Aber ich wurde gebremst, weil ich für mich unfairerweise nicht zum Einsatz kam, wie ich es verdient hätte.“ Auch wenn zuletzt vieles auf einen Abschied zwei Jahre vor Vertragsende hingedeutet hatte, wirkt es fast so, als habe Boateng noch einige Rechnungen zu begleichen. Der Wechselwunsch geht in diesem Sommer offenbar vom FC Bayern aus - doch diesmal könnte der Profi den Spieß umdrehen und sich behaupten.

mg

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