Aus sieben mach' drei

Das ist Jupps Standard-Formel für die Offensive

Jupp Heynckes (l.) muss Claudio Pizarro oft beibringen, dass in der Startelf für ihn kein Platz ist
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Jupp Heynckes (l.) muss Claudio Pizarro oft beibringen, dass in der Startelf für ihn kein Platz ist

München - Nur wenige Trainer in Europa haben eine ähnlich erlesene Auswahl wie Jupp Heynckes beim FC Bayern. Er erklärt mit seiner Standard-Formel, wie er die Entscheidung trifft.

Ein Platz auf der Bank wäre für den früheren Weltklasse-Stürmer Jupp Heynckes selbst überhaupt nicht infrage gekommen. „Mein Trainer hätte sich nie Gedanken gemacht, mich auszutauschen“, erklärte der Bayern-Coach vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Juventus Turin und ergänzte nach einer kleinen Kunstpause: „Weil wir damals nicht gleichwertige Alternativen gehabt haben. Das ist der Unterschied.“

Geschmeckt hätte dem mit 220 Toren drittbesten Bundesliga-Torschützen Heynckes - einst Inbegriff der legendären Mönchengladbacher Fohlenelf - die Reservistenrolle vermutlich aber auch nicht, wenn Hennes Weisweiler oder Udo Lattek größere Auswahl gehabt hätten. Beim deutschen Fußball-Rekordmeister wissen die Offensiv-Künstler jedoch praktisch schon mit ihrer Verpflichtung, dass sie sich ab und an auf der ungeliebten Bank wiederfinden werden. „Wenn ein Topspieler beim FC Bayern einen Vertrag unterschreibt, dann sollte er wissen, dass das keine Garantie ist, dass er 34 Pflichtspiele (in der Liga) macht oder in jedem Pokal- oder Champions-League-Spiel dabei ist“, betonte Heynckes.

Diese Erfolge feierte Jupp Heynckes mit den Bayern

Diese Erfolge feierte Jupp Heynckes mit den Bayern

Am 24. März 2011 war's offiziell: Jupp Heynckes unterschreibt zum dritten Mal einen Vertrag als Trainer beim FC Bayern München. Am 30. Juni 2013 ist wieder Schluss, dann endet nach 1011 Bundesliga-Spielen als Spieler und Trainer eine beeindruckende Karriere. Wir werfen einen Blick zurück auf die Laufbahn von "Don Jupp". © sampics
Nach acht Jahren bei Borussia Mönchengladbach - ohne Titel - löste Jupp Heynckes zur Saison 1987/1988 beim FC Bayern den Meistertrainer Udo Lattek ab. Lattek feierte in München insgesamt sechs Meisterschaften. Uli Hoeneß, damaliger Bayern-Manager, erhoffte sich vom gebürtigen Gladbacher eine erfolgreiche Ära. Auf nationaler Ebene konnte Heynckes die Ansprüche des FC Bayern erfüllen. © getty
In seiner ersten Saison wurde er aber "nur" Zweiter hinter Bremen. © getty
In seinen vier Jahren der ersten Amtszeit kam er als Chef-Trainer des FC Bayern international sowohl im UEFA Cup als auch im Europapokal der Landesmeister nie über das Halbfinale hinaus. Der Weltmeister von 1974 wurde in München dafür 1989 und 1990 Deutscher Meister. Dazu kommen zwei Vizemeisterschaften in seiner "Ära". © getty
In seiner fünften Saison wurde Jupp Heynckes nach einer 1:4-Heimniederlage gegen die Stuttgarter Kickers entlassen. Die Tabellensituation war bedrohlich, da die Münchner nur Zwölfter waren. Der Vorstand musste handeln. Hoeneß nannte den Rauswurf seines Freundes im Nachhinein seinen "größten Fehler". © sampics
Diese Freundschaft war auch ausschlaggebend, dass Heynckes aus seinem Ruhestand zurückkehrte und die Bayern übernahm, nachdem Jürgen Klinsmann 2009 entlassen wurde. Jupp war zufällig zu Besuch bei Hoeneß in München - sah sogar die letzte Partie Klinsmanns gegen Schalke - und paar Tage später saß er zum zweiten Mal beim FC Bayern auf der Trainerbank. © sampics
Heynckes sicherte dem Rekordmeister die direkte Qualifikation für die Champions League und feierte damit seine dritte Vizemeisterschaft mit den Münchnern. Zur Meisterschaft fehlten den Münchnern zwei Punkte. © getty
In den letzten fünf Spielen holte der ehemalige Meistertrainer vier Siege und ein Remis. © getty
Zum 34. Spieltag gegen Stuttgart (Endstand 2:1) gab es für den 66-Jährigen einen Blumenstrauß zum Dank für die "Hilfe". Nach der Saison rechnete er mit seinem Vorgänger Klinsmann ab: "Sie können nicht am offenen Herzen operieren, wenn Sie noch nie an einem Operationstisch gestanden haben." © getty
Gerade aufgrund seiner ehrlichen und familiären Art sowie als Motivator schätzen ihn seine Spieler. Des Weiteren schafft es Heynckes, aus einer sicheren Defensive ein schönes Offensivspiel spielen zu lassen. Dieses Gesamtpaket sicherte den Bayern 2009 noch die Teilnahme an der Champions League. © getty
Durch die Arbeit bei seiner zweiten Amtszeit in München hat sich Heynckes neue Motivation und Begeisterung für weitere Engagements geholt. Dass er mit Stars umgehen kann, bewies er nicht nur bei Real Madrid 1997/98. Auch bei seinem Intermezzo bei den Bayern hatte er die "Diven" Ribéry und Toni im Griff. © getty
An der Säbener Straße war er sich, auch als Chef-Trainer, für nichts zu schade - auch nicht für das Bälle tragen während des Trainings. © getty
Ein jubelnder Jupp Heynckes ist keine Seltenheit. Der Taktikfuchs geriet mit seinem Intimfeind Christoph Daum während des Meisterkampfes in der Saison 1988/1989 vor dem entscheidenden Spiel in Köln im Aktuellen Sportstudio aneinander. Am Ende gewann Jupp mit den Bayern 3:1 im Müngersdorfer Stadion und drei Spieltage später seinen ersten Titel überhaupt. © getty
Aber nicht nur im Inland feierte der Routinier Erfolge. Jupp Heynckes durfte 1997/1998 einen der größten Klubs der Welt trainieren. Durch seine gute Arbeit in Bilbao (von 1992 bis 1994 und 2001 bis 2003) und Teneriffa (1995 bis 1997) wurde der Champions-League-Rekordsieger auf den Westfalen aufmerksam. © getty
Und prompt in seiner ersten und auch letzten Saison bei Real feierte Heynckes seinen einzigen internationalen Titel als Trainer. Der Champions-League-Titel bewahrte ihn aber nicht vor dem Rauswurf, da Madrid in der Liga "nur" Platz 3 erreichte. Ein Jahr darauf hatte Heynckes eine kurze Amtszeit bei Benfica Lissabon. © getty
Im Juli 2003 holte der FC Schalke 04 Heynckes zurück nach Deutschland, um nach 2001 wieder um die Meisterschaft mitzuspielen. Allerdings blieb der Gladbacher in eineinhalb Jahren erfolglos. Man warf ihm vor, er würde nur noch von seinen alten Triumphen vorschwärmen und zu wenig auf die Spieler eingehen. © getty
Nach seinem misslungenen Comeback 2006 bei Mönchengladbach (Tabellen-16. nach 18 Spieltagen) entschied sich Heynckes, sich zur Ruhe zu setzen, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können - bis sein alter Kumpel aus München anrief. © getty
Von dem Intermezzo in München angeregt, ging es für Heynckes 2009 direkt weiter: Leverkusen wollte für seinen unglücklichen Versuch mit Bruno Labbadia einen "Fußballlehrer" und fand ihn im neu motivierten Heynckes. Die Bayer-Elf blieb in der Saison 2009/2010 24 Spieltage ohne Niederlage und holte sich den Herbstmeistertitel. Am Ende gelang immerhin noch der Sprung in die Europa League. © getty
Der alte und der neue Bayern-Trainer. Louis van Gaal (r.) und Jupp Heynckes (l.) beim 1:1 in Leverkusen 2010. In der Saison 2010/2011 ist Leverkusen die einzige Mannschaft, die den überragenden Dortmundern "folgen" kann. Diese erfolgreiche Arbeit überzeugte auch die Bayern-Bosse, weshalb sie Heynckes für zwei Jahre verpflichteten. © getty
Seine dritte Amtszeit bei den Bayern ab 2013 könnte mit dem totalen Triumph enden. © MIS
Nach drei zweiten Plätzen 2012 spielten die Bayern 2012/2013 eine phantastische Bundesliga-Saison und knackten einen Rekord nach dem anderen. Die Meisterschaft sicherten sich die Münchner so früh wie noch kein Team zuvor - am 28. Spieltag! © M.I.S.
Die Bierdusche, verpasst von Anatoli Timoschtschuk bei der Meisterfeier, hatte sich Heynckes redlich verdient. © dpa

Franck Ribéry, Arjen Robben, Xherdan Shaqiri und Thomas Müller heißen die Kandidaten für die Außenposition; der vierfache Torschütze aus dem HSV-Spiel, Claudio Pizarro, Mario Gomez und Mario Mandzukic sind die drei für den vordersten Platz auf dem Feld. „Wir haben drei Torjäger, ich habe auch Toremacher gesagt, das ist ein Begriff, der vielleicht noch ein bisschen intensiver ist. Dazu haben wir vier absolute Topspieler auf den Außenpositionen. Aus den sieben Spielern kann ich nur drei Spieler nominieren“, erklärte Heynckes. Das sei nicht immer einfach, aber ein Team brauche eben Topspieler als Alternativen. „Das ist ja auch das, was uns eigentlich im Champions-League-Endspiel im Sommer gefehlt hat.“

Petersen, van Buyten, Olic, Pranjic, Rafinha, Usami - so lauteten im Mai 2012 beim Final-Drama gegen den FC Chelsea die Namen der wenig furchteinflößenden Feldspieler auf der Bank. Jetzt sieht es da ganz anders aus, auch wenn bei Top-Stars die Enttäuschungen über eine Nichtberücksichtigung in der Startformation natürlich um ein Vielfaches größer sind als bei reinen Ergänzungskräften. Der Konkurrenzkampf sei „schwer einzuschätzen“, sagte WM-Torschützenkönig Müller. „Wir sind eine Mannschaft mit sehr vielen Spielern mit sehr hoher Qualität. Der Trainer hat keinen leichten Job, da die richtige Auswahl zu treffen. Ich möchte jetzt mit ihm nicht tauschen.“

Heynckes hat den Laden im Griff, selbst nach der 9:2-Gala gegen den HSV hielten sich die Protagonisten mit Startelf-Wünschen für Juve zurück. Wenn er Trainer wäre, würde er sich aufstellen, war von einem dabei versöhnlich lächelnden Robben noch die offensivste Aussage. Insgesamt lobt Heynckes das Miteinander seiner Stars, vor allem das von Pizarro, Gomez und Mandzukic. „Wie alle drei respektvoll miteinander umgehen, finde ich bemerkenswert - und deswegen funktioniert das so gut“, erläuterte der Fußball-Lehrer. „Weil es ist nicht einfach, wenn ein Spieler vier Tore erzielt und man dann diskutiert, ob er im nächsten Spiel dabei ist oder nicht.“

Zumal sich Pizarro trotz großer Anerkennung für die Konkurrenten („Es ist wichtig, dass wir alle drei in einer guten Verfassung sind. Wir machen alle drei Tore und das ist wichtig für den Verein“) auch noch für die Verlängerung seines am Saisonende auslaufenden Vertrags empfehlen will. Besser als mit vier Toren und zwei Assists kann man sich allerdings nicht bewerben. Vieles wird aber auch davon abhängen, was der künftige Trainer Pep Guardiola will. Der derzeitige TV-Zuschauer wird mit einer Menge eigenen Vorstellungen für die neue Saison antreten, wenn der Konkurrenzkampf in der Offensive durch den heiß gehandelten Dortmunder Robert Lewandowski noch größer werden könnte.

Guardiola griff in Barcelona gerne auch auf die Wuseltaktik ohne echten Stürmer zurück. Jüngst ließ auch Joachim Löw beim DFB-Doppelpack gegen Kasachstan so spielen, die Frage Gomez oder Götze wurde zwischenzeitlich zum alles beherrschenden Thema. „Es ist doch ganz klar, dass der Bundestrainer sich immer wieder Gedanken machen muss, um auch andere Spielsysteme auszuprobieren. Ich halte das für richtig“, erklärte Heynckes. Für den FC Bayern aber komme dies derzeit nicht infrage. „Wenn wir schon drei Toptorjäger haben, gehe ich mal davon, dass immer einer von den Dreien spielen wird.“

dpa

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