Schweini-Diskussion

Sammer: "Respektlos und niederträchtig"

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"Ich bin mir bewusst, dass ich nerve": Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer.

Marrakesch - Im Interview mit dem "Münchner Merkur" wehrt Bayern-Sportvorstand Matthias Sammer sich vehement gegen Diskussionen um die Person Schweinsteiger.

Matthias Sammer (46) erscheint in Trainingsklamotten zum Interviewtermin. In seinem durch und durch roten Bayern-Anzug, mitten im schicken Innenhof des „Four Seasons“ von Marrakesch, strahlt der Sportvorstand der Münchner eines aus: Er will anpacken, immer. Ausruhen? Sich mal im Erfolg sonnen? Niemals.

Herr Sammer, hier in Marokko greift der FC Bayern nach seinem fünften Titel in dieser Saison – sind Ihre Münchner wie Ali Baba und die 40 Räuber, die sich alles unter den Nagel reißen?

(lächelt) Ich bin leider nur bedingt vertraut mit den arabischen Geschichten. Aber ich bin sehr vertraut mit unserem Werdegang: Wir kommen aus einer schweren Situation vor 18 Monaten, haben viele Entscheidungen treffen müssen und inhaltlich sehr gut gearbeitet. „Unter den Nagel reißen“ ist mir zu negativ besetzt. Wir haben uns das alles verdient, weil wir es uns hart erarbeitet haben. Das Bild, wir würden jemandem rechtswidrig was wegnehmen, hinkt etwas."

Oliver Kahn sagte mal, der FC Bayern sei „gefräßig“. Neulich wurde Ihr Team als „Raupe Nimmersatt“ bezeichnet – können Sie dem etwas abgewinnen?

Ja. Bilder sprechen eine plakative Sprache, damit kann ich etwas anfangen. Wir sind gefräßig, wir sind gierig – ich sehe das als Kompliment. Wir sind aber trotz allem noch nicht stabil. Jupp Heynckes kann man nicht genug danken, aber wir brauchten in Pep Guardiola wieder einen Wachrüttler, um vom Erfolgsmodus zurück auf Angriffsmodus zu schalten. Diese Gier braucht Impulse. Und für die sorgen wir. Wir sind gerade erst dabei, uns auf einem enorm hohen Niveau zu stabilisieren. Das ist unsere Herausforderung.

Letztes Jahr verrieten Sie in einem Weihnachtsinterview, Sie würden auch an den Feiertagen an Fußball denken. Sitzt Matthias Sammer tatsächlich auch noch unterm Christbaum und brütet über Taktik und Systemen?

Sich mit Fußball sieben Tage in der Woche zu beschäftigen, ist meine Leidenschaft. Das hat etwas Meditatives.

Müssen Sie dieses Weihnachten vielleicht etwas weniger grübeln als letztes?

Grübeln muss ich nicht. Aber ich muss immer aufmerksam sein, ich muss antizyklisch denken und sogar im Erfolg die Gefahren erkennen.

Sie sagten mal, der FC Bayern müsse in allen Bereichen Weltspitze sein – muss man nicht langsam sagen: Ja, jetzt ist der Punkt erreicht?

Ich bin mir bewusst, dass ich da manchmal nerve. Man kann nicht immer Weltspitze sein. . .

. . . das sagen sogar Sie?

Nein, nein, Moment, das sage nicht ich, lassen Sie mich bitte ausreden. Das sagt Ihr Leser, das sagt der Fan – vielleicht sagt das auch der eine oder andere sogar beim FC Bayern. Aber ich bin erst glücklich, wenn Weltspitze bei uns Normalität ist. Wenn die Besten zu sein etwas selbstverständliches ist. Wir werden deshalb trotzdem mal ein Spiel verlieren, ich bin da Realist. Aber es ist ein Traum von mir, den möchte ich mir von keinem kaputtmachen oder erdrücken lassen, über Weltspitze als Normalität zu reden. Wir als handelnde Personen dieses Klubs haben die Pflicht, so zu agieren.

Karl-Heinz Rummenigge sagte hier in Marrakesch, international eine Ära wie einst Real, Bayern in den 70ern, Ajax oder Milan zu prägen, sei heutzutage nicht mehr möglich. Was sagen Sie da?

Ich will ihm nicht widersprechen – aber ich würde ihm gerne das Gegenteil beweisen (lächelt).

„Ich bin erst glücklich, wenn Weltspitze für uns Normalität ist“

Stört es Sie eigentlich, wenn die Leute sich fragen: Was macht dieser Sammer eigentlich?

Nein. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Ich glaube, der FC Bayern erlebt gerade die erfolgreichste Zeit seiner 113-jährigen Geschichte. Sehen Sie: Wir haben ein Zweieinhalb-Säulen-Modell mit qualitativ hochwertigen Zukäufen, Spielern aus der eigenen Jugend und strategischen Spielern, die gut sind, deutsch, aber vielleicht noch nicht sofort eine Hilfe sind. Meine Aufgabe ist unter einigem anderen, diese Säulen nachhaltig abzusichern.

Sie stehen jetzt bei der Halbzeit Ihres dreijährigen Vertrags, und es gab auch Kritik. Der „Spiegel“ nannte Sie den „Problemsucher“, die „Zeit“ schrieb „Der Mann ohne Aufgabe“ – ärgert Sie das?

Nein. In meinem Leben hatte ich immer Gegenwind, auf allen Stationen, als Spieler, Trainer, Sportdirektor. Ich weiß noch, selbst als ich von Inter Mailand zu Dortmund kam, haben nicht alle „Halleluja“ geschrien. Ich bin hier dafür verantwortlich, dass der Laden sportlich läuft. Inhaltlich ist das in Sequenzen unterteilt, und der Trainer trifft ganz klar die sportlichen Entscheidungen. Mein Leitmotiv lautet: Leistungssport ist steuerbar, er ist auch planbar. Nur der Erfolg leider nicht immer.

Ihnen ist wichtig, auch die Persönlichkeiten zu fördern. Ist Ihr großes Ziel in Sachen Nachhaltigkeit dann, einen Toni Kroos oder Thomas Müller darauf vorzubereiten, einmal von der Generation Philipp Lahm den Staffelstab zu übernehmen?

Natürlich, natürlich! Das ist jetzt kein Thema für die nächsten zwei Jahre, aber das ist die größte Herausforderung, in dieser von der Basis her top strukturierten Mannschaft den Übergang nicht zu verpassen. Unsere Führungsspieler sind derzeit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer, auch Dante hat sich top entwickelt.

"Schweinsteiger ist für diesen Verein unverzichtbar"

Thomas und Toni sehe ich auf einer hochinteressanten Entwicklungsstufe, dazu hoffe ich auch, dass Holger Badstuber wieder zurückkommt. Dieses Trio, Müller, Kroos, Badstuber, das sind echte Bayern, dazu Neuer – das wird die nächste große Bayern-Generation, die steht schon bereit, das zeichnet sich ab, und wir begleiten die jungen Spieler.

Sie sprachen Schweinsteiger als Führungsfigur an. Fürchten Sie bei ihm. . .

. . . Gar nix fürchte ich bei ihm, gar nix! Entschuldigen Sie bitte, da müssen Sie die Frage gar nicht zuendeführen. Bastian ist für diesen Verein als Mensch, Persönlichkeit und Spieler unverzichtbar. Klar muss er körperlich wieder in Top-Verfassung kommen, aber er ist einer unser Leader. Er steht außerhalb jeder Diskussion.

Auch wenn die Konkurrenz im Mittelfeld enorm geworden ist?

Auch ein Führungsspieler muss sich der Konkurrenz stellen, das ist keine Frage. Er muss ja seinen Anspruch an sich selbst bestätigen. Aber wenn man über die Person Schweinsteiger diskutiert, ist das abwertend, respektlos und niederträchtig.

Was hat sich für Sie unter Pep Guardiola geändert?

Wichtig bleiben immer die Inhalte. Und die ändern sich unter neuen Personalien zwar in Nuancen, aber eine Konstante bleibt: Erfolg muss sein. Und ich will Erfolg! Ich werde auch weiter meine Meinung sagen, mal dazwischenhauen, diese Saison genauso wie letzte unter Heynckes. Das wird ja auch von mir verlangt, das verlangt Uli (Hoeneß/d.Red.), das verlangt Kalle (Rummenigge/d. Red.). Zwar schauen die ab und zu selber mal irritiert, sie wissen aber auch immer: Alles dient nur dem Erfolg.

Sie sagten mal, Sie mögen den Begriff „Spaßfußball“ nicht, weil Spaß mit dem Leistungsgedanken kollidiert. Ist das noch so?

Ja. Spaß kann ich mit einem Clown im Zirkus haben.

"Pep ist viel kritischer als ich, er macht das lächelnd"

Wir fragen, weil Guardiola nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Freude, die Ästhetik des Fußballs vermitteln möchte.

Damit kann ich zu 100 Prozent leben. Freude, Begeisterung, Emotionalität, Leidenschaft, all das soll Fußball vermitteln. Das bedeutet für mich Leben. Und eines muss ich auch sagen: Guardiola ist einer der kritischsten Trainer, die es gibt. Spaßfußball steht auch nicht auf seiner Agenda. Er ist viel kritischer als ich. Er sagt immer, ich bin nicht zufrieden. Jede Woche sagt er, was wir verbessern müssen. Er macht das lächelnd, die Leute merken gar nicht, wie ernst es ihm ist. Aber inhaltlich ist er messerscharf. Messerscharf! Er ist für mich ein Genius. Seine Klarheit ist beeindruckend.

Wann verlängern Sie Ihren Vertrag?

Das ist mir völlig unwichtig. Ich sehe das entspannt und gebe jeden Tag mein Bestes. Es hat sich alles sehr gut eingespielt. Ich muss mich aber auch weiterentwickeln und bin nicht blauäugig. Ich laufe nicht aufgrund unseres guten Verhältnisses durch die Gegend und lasse mich einlullen. Ich bin aufmerksam, immer in Diensten dieses großartigen Klubs. Und nebenbei, still und heimlich, genieße ich alles ein bisschen.

Fragen: Andreas Werner

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