„Hat im Stadion nichts zu suchen“

Philipp Lahm verurteilt Fan-Vorfälle - Ex-Bayern-Kapitän hat Lösungsvorschlag

EM-Botschafter Philipp Lahm verurteilt die jüngsten Fan-Vorfälle. Der ehemalige Bayern-Spieler hat aber eine Lösung.

  • Am Wochenende kam es in der Bundesliga in mehreren Spielen zu zahlreichen Beleidigungen der Fans gegenüber den Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp.
  • Besonders die Bayern-Fans vielen negativ auf.
  • Ex-Bayern-Kapitän Philipp Lahm verurteilt die Vorfälle.

München - Die geschmacklosen Fan-Proteste sind auch an EM-Botschafter Philipp Lahm nicht spurlos vorübergegangen. Der langjährige Bayern- und Nationalmannschaftskapitän fand deutliche Worte zu den Beleidigungen und Plakaten mit einem Konterfei von Hopp im Fadenkreuz

„Erst mal muss man sich davon distanzieren. So etwas hat im Stadion oder außerhalb nichts zu suchen.“ Grundsätzlich hätten Beleidigungen „nichts mit unseren Werten zu tun. Das soll und darf nicht passieren“, sagte Lahm gestern in München, wo er als Botschafter für die EM 2020 und Geschäftsführer der DFB EURO GmbH über die Vorbereitungen auf das Turnier in der bayerischen Landeshauptstadt sprach.

Weltmeister Lahm hält Videoüberwachung für probates Mittel gegen Straftäter im Stadion

Der ehemalige Bayern-Spieler* erinnerte an einen Vorfall in der 3. Liga, bei dem ein Zuschauer in Münster nach rassistischen Kommentaren von seinen Nebenleuten den Ordnungskräften übergeben worden war. Lahm nannte dies „das perfekte Beispiel“, wie man mit solchen Situationen umgehen soll. „Zivilcourage und die Gemeinschaft kann das im Stadion lösen.“

Der frühere Weltklasse-Verteidiger sieht in der Videoüberwachung ein probates Mittel, um Straftäter in Stadien „besser identifizieren zu können. So schließt man Kollektivstrafen aus.“ Um bei den vier EM-Spielen in der Allianz Arena* Vorkommnisse wie zuletzt in der Bundesliga zu vermeiden, versuche man vonseiten der Organisatoren „ständig mit den Fans und der Basis im Austausch zu bleiben. Es wird nicht perfekt gelingen, aber wir wollen alle mitnehmen“, sagte Lahm.

DFB-Vizepräsident Rainer Koch hält Kollektivstrafen für möglich

Während Lahm sich, wie bereits Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge zuvor, öffentlich gegen Kollektivstrafen ausspricht, schließt DFB-Vizepräsident Rainer Koch diese nicht aus. Für ihn bleiben Kollektivstrafen für Fans bei einem Fehlverhalten weiter eine mögliche Art der Sanktionierung. Dies sei zwar „das letzte Mittel“, sagte Koch im Interview mit dem Portal Legal Tribune Online, aber „es wurde immer klar kommuniziert, dass Zuschauerausschlüsse nicht gänzlich abgeschafft sind“.

Genau diese Haltung sieht Fan-Forscher Harald Lange allerdings problematisch. „Ich würde dem DFB dringend empfehlen, diese Kollektivstrafe zurückzunehmen oder zumindest das Versprechen zu geben, sie nicht mehr anzuwenden“, sagte der Professor der Universität Würzburg mit Bezug auf die Strafe gegen Anhänger von Borussia Dortmund.

Fan-Forscher Harald Lange kritisiert Kollektivstrafen: „Wird sich Woche für Woche aufschaukeln“

„Es wird sich Woche für Woche aufschaukeln, es sei denn, es gelingt dem DFB, die Luft aus dem Ganzen rauszulassen“, so Lange. „Wenn man sagen würde, ‚die Kollektivstrafe war falsch, wir gehen da anders mit um‘, dann wäre die Luft sofort raus. Das ist aber wahrscheinlich strategisch für den DFB nicht machbar. Das würde dann als Form von Schwäche interpretiert werden.“ Statt ganze Gruppen zu bestrafen, müsse man wieder in den Dialog mit den Fans eintreten.

Für Straffreiheit bei harten Beleidigungen plädiert Lange ausdrücklich nicht. „Ich finde das absolut verabscheuungswürdig, was da passiert. Dass da ein Mann derart diskreditiert wird, das halte ich für unhaltbar“, sagte er mit Blick auf Hopp. „Wenn diejenigen, die dafür verantwortlich sind, identifiziert werden, dann muss das Konsequenzen haben, und zwar Konsequenzen, die das Strafrecht dafür vorsieht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

DFB-Vize Rainer Koch will „weitere Eskalationen verhindern“

Ähnlich bewertet auch DFB-Vize Koch die Thematik. „Es muss jetzt das Ziel sein, weitere Eskalationen zu verhindern. Dafür muss im Dialog aufeinander zugegangen werden“, sagte Koch, der Unmutsbekundungen in Richtung der Verbände durchaus dulden würde: „DFB und DFL müssen klar kommunizieren, dass einerseits Kritik, auch harte Kritik an Vereinen und Verbänden von diesen hinzunehmen und deshalb auch nicht verboten ist, dass andererseits aber eine rote Linie überschritten wird, wenn einzelne Personen in menschenverachtender Weise verunglimpft oder beleidigt werden.“

Auch UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hat sich deutlich gegen Diskriminierung, Rassismus und Hetze im Fußball ausgesprochen – und die Verantwortlichen ermutigt, die Drei-Stufen-Regel konsequent umzusetzen. „Wir dürfen keine Angst davor haben, die Regel anzuwenden, und wir müssen sie überall anwenden“, sagte der 52-jährige Slowene auf dem 44. Kongress der Europäischen Fußball-Union (UEFA) in Amsterdam: „Es ist ein ernsthaftes Problem, und wir müssen noch mehr tun. Nur dann können wir stolz auf uns sein. Wir müssen kommenden Generationen zeigen, dass Fußball gleichzusetzen ist mit Offenheit und Toleranz“, sagte er: „Fußball ist eine Feier des Lebens, von Gemeinsamkeit und Austausch. Das Problem ist in unserer Gesellschaft, das muss aufhören.“

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Rubriklistenbild: © dpa / Matthias Balk

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