"Elfmeter sollten vermieden werden"

Professor analysiert Psyche der FCB-Profis

München - Wie haben die Bayern-Spieler die drei verpassten Titel in diesem Jahr verkraftet? Professor Florian Holsboer untersucht im tz-Interview die Psyche der FCB-Kicker.

Herr Holsboer, der FC Bayern hat im Jahr 2012 psychisch einiges durchgemacht. Wie blicken Sie darauf zurück?

Holsboer: Die Bayern haben durchweg gut gespielt, die Meisterschaft verpasst und das Champions-League-Finale sehr unglücklich verloren. Es war nicht klar, wie diese Mannschaft das verkraftet.

Wie hat sie es verkraftet?

Prof. Florian Holsboer forscht am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München

Holsboer: Blickt man auf die zweite Hälfte des Jahres, muss man feststellen, dass die Mannschaft an den Erfahrungen gereift ist. Sie bringt jetzt viel bessere, zum Teil hervorragende Leistungen und ist stabiler geworden. Das mag auch an den Neuzugängen liegen, die sehr gut eingeschlagen haben. Die Bayern haben ein tolles Ensemble beisammen, aber das haben andere internationale Vereine auch und die stehen nicht so gut da.

War diese Entwicklung zu erwarten?

Holsboer: Nach dem CL-Finale habe ich die Sorge gehabt, dass sich das aufs Gemüt der Spieler legt. Aber negative Lebensereignisse können die Widerstandskräfte eben auch stärken. Manch einer wird unsicher, ängstlich und schwermütig, andere wiederum erstarken daran. Der FC Bayern ist daran gewachsen.

Also beste Aussichten für eine erfolgreiche Saison.

Holsboer: Wenn es in der Champions League in einem kritischen Moment zum Elfmeterschießen kommt, wird die Erinnerung an das verlorene Finale aus allen Gedächtnisstübchen den Kopf rausstrecken und Hallo sagen. Deswegen hoffe ich sehr, dass Elfmeter vermieden werden. Für den Notfall muss man sie aber trotzdem intensiv trainieren.

So schlimm? Im Halbfinale gegen Real Madrid haben sie immerhin im Elfmeterschießen gewonnen.

Holsboer: Elfmeter sind jetzt bei den Bayern psychisch negativ besetzt. Auch in Madrid wurde gezittert, die Sicherheit bei den Schützen war nicht grandios. Der Ball von Robben rollte nur mit letzter Kraft über die Linie. In einer entscheidenden Situation kommt das alles wieder hoch. Mit Verdrängen ist es nicht getan, solche Erinnerungen kann man nicht unterdrücken.

Vielleicht sollten die fünf Neuzugänge schießen.

Holsboer: Das ist eine gute Idee, warum nicht. Es war auch in München interessant, wie Manuel Neuer geschossen hat, obwohl er, soweit ich weiß, nicht vorgesehen war. Er war unbeschwert und hat großartig den Elfmeter verwandelt.

Bezieht sich die fehlende Unbeschwertheit auch auf komplette gegnerische Mannschaften. Bei der Champions-League-Auslosung haben die Bayern zum Beispiel sehr gerne auf den AC Mailand verzichtet.

Holsboer: Diese Angst gibt es, obwohl sie nicht rational begründet ist. Schon allein deshalb, weil die meisten Spieler, die einem früher eine Niederlage beigebracht haben, oft gar nicht mehr im Klub sind. Aber es gibt Vereine, gegen die verliert man. Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass die Löwen schon einmal in Bochum gewonnen hätten.

Ist Dortmund ein Angstgegner für die Bayern?

Holsboer: Das glaube ich nicht. Dortmund ist ein Segen für den FC Bayern, schließlich wollen sie gefordert werden. Sonst haben sie nicht die Praxis für international starke Gegner.

Sind die Bayern nach zwei Jahren ohne Titel zusätzlich motiviert?

Holsboer: Sie lecken sich die Wunden, aber ihre Gier ist entfacht. Wie das verletzte Raubtier, das noch aggressiver wird und die Beute noch mehr will.

Fehlt diese Gier bei manchen Mannschaften oder Sportlern nach einer Menge Erfolgen?

Holsboer: Es gibt immer Menschen, die nie loslassen können. Lionel Messi wird nie aufhören, heiß zu sein, obwohl er kurz vor der Heiligsprechung steht. Und Oliver Kahn hat bis zum letzten Spiel alles gegeben, selbst in seinem Abschiedsspiel.

Kann Michael Schumacher loslassen?

Holsboer: Ich bin nur froh, dass er sein Comeback überlebt hat. Nach seinen sieben Weltmeisterschaften ist er noch mal ein großes Risiko eingegangen. Ich denke, er wird in irgendeiner Form bei der Formel 1 bleiben. Er kann nicht anders. Aber er hat gemerkt, dass seine Zeit als Fahrer vorbei ist, Sebastian Vettel ist fast 20 Jahre jünger. Das sind die Zeichen der Zeit.

Vettel wirkt außergewöhnlich locker. Wie macht er das?

Holsboer: Er hat ein ungewöhnliches Talent. Vettel weiß, was er macht, ruht in sich und ist total stabil. Es ist seine Zeit und ich würde mich nicht wundern, wenn er auch 2013 wieder vorne mitfährt.

Viele Athleten arbeiten heute mit einem Psychologen zusammen.

Holsboer: Wenn jemand spürt, dass er Ängste und Impulse nicht steuern kann, macht das Sinn. Man sollte es aber nicht nur machen, damit man, wie Boris Becker einst sagte, „mental gut drauf“ ist. Wichtig ist die Persönlichkeit und die können sie durch einen Psychologen nicht manipulieren. Sie können nur lernen, mit Krisensituation besser umzugehen.

Lindsey Vonn versucht das.

Holsboer: Und sie spricht offen darüber, sie ist eine starke Persönlichkeit. Was war das bei Sebastian Deisler noch für ein öffentliches Theater. Offiziell hatten alle größtes Verständnis, aber er ist nicht immer nur freundlich empfangen worden. Deisler hat mit seinem Outing Türen geöffnet. Wenn man damit nicht offen umgeht, passiert so etwas Schreckliches wie bei Robert Enke.

Ist Vonn mit ihren privaten Problemen und dem sportlichen Leistungsdruck ein Paradebeispiel für psychische Probleme?

Holsboer: Das kann man so sagen. Menschen, die zu Depressionen neigen, wollen möglichst alles perfekt machen. Sie stellen sehr hohe Leistungsansprüche an sich selbst. Wenn sie denen nicht gerecht werden, dann ist das Risiko besonders hoch, dass sie erkranken.

Interview: Mathias Müller

Quelle: tz

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