Schweinsteiger: Das Gesicht eines unvollendeten Teams

München - Bastian Schweinsteiger wird von den Bayern-Bossen geschätzt und hofiert – alle anderen warten auf seinen Durchbruch.

Zu Beginn des Gesprächs schaut Anatolij Timoschtschuk an die Decke. Über ihm hängen zwar viele, viele kleine Lampen, doch keine brennt, er sitzt im Dämmerlicht. „Keine Light“, mixt er deutsch und englisch, kurz darauf flammen die Lichter auf. Ein Lächeln huscht über Timoschtschuks Gesicht. Ach wäre es doch immer so leicht, sich schnell in gutem Licht präsentieren zu können. Momentan liegt das Münchner Mittelfeld im Schatten. Timoschtschuk konnte noch nicht glänzen. „Ich brauche Zeit, aber die wird kommen“, sagt er und steht damit stellvertretend für die Gesamtsituation – der FC Bayern ist derzeit weit davon entfernt, vollendet zu sein. Aber Timoschtschuk ist neu, das darf strafmildernd ausgelegt werden. Anders liegen die Dinge bei Bastian Schweinsteiger, einem Gesicht, das den FC Bayern derzeit treffender charakterisiert als jedes andere.

Die wertvollsten Bayern-Spieler

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Während Timoschtschuk den Raum leicht fremdelnd verlässt, nimmt Schweinsteiger forschen Schrittes dessen Platz ein. „Hey – wo ist denn mein Dolmetscher“, witzelt er, er ist gut drauf, die letzten Tage hat er ja auch viel Wertschätzung erfahren. Erst wurde er von seinem Trainer Louis van Gaal zum dritten Kapitän ernannt, dann auch noch als eine unantastbare Führungsskraft geadelt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge lobte den Nationalspieler zusätzlich noch einmal – und was will man denn mehr in seinem Berufsleben? Der 25-Jährige grinst, ja, was soll er auf diese Äußerungen sagen? „Ich versuche, meinen Job zu machen“, sagt er dann. Offenbar reicht das. Zumindest den Bossen. Die hofieren ihn seit Jahren. Der Rest von Fußball-Deutschland wartet unterdessen darauf, dass Bastian Schweinsteiger endlich einmal auf Dauer abruft, was in ihm steckt. Man wartet auf seinen Durchbruch.

Genau das macht den jungen Mann derzeit noch mehr als sonst zum zweifelhaften Modell der Münchner Entwicklung: Hoch veranlagt – aber unvollendet. Schweinsteiger hat 68 Länderspiele auf dem Buckel, behält er das Tempo bei, wird er Rekordhalter Lothar Matthäus (150 Partien) locker überrunden - doch hat er den FC Bayern oder die Nationalelf bisher im Stile eines Matthäus geprägt? Nein. Schweinsteiger ist seit Jahren da, das ist ein Argument. Dass er Talent hat, ist sicherlich ein noch gewichtigeres. Aber zuweilen entsteht der Verdacht, er spielt eben auch, weil kein anderer da ist. Oder nur einer, der weniger Talent hat. „Ich habe immer überall meine Spiele gemacht“, sagt er, „da kann ja nicht alles verkehrt sein bei mir.“ Manchmal macht es sich Schweinsteiger leicht.

Manchmal machen es sich auch die Zuschauer leicht, wenn sie ihn kritisieren, hält der Profi dann entgegen: „Die Leute wollen immer Spektakel, sie sehen nicht, wer hinten die Bälle gewinnt.“ Er rechtfertigt sich damit, die Kunst zuweilen zugunsten des Kampfes zurückzustellen: „Ich kann mich links vorne aufbauen und immer aus 30 Metern aufs Tor schießen – aber dann schaut die Mannschaft schlecht aus. Ich tue alles fürs Team und verzichte dann lieber mal auf die eine oder andere Offensivaktion.“ Das ist ein löblicher Ansatz, so lange er nicht zum Alibi wird. Schweinsteiger ist ja auch ein alter Hase. Während der Vorbereitung liebäugelte er noch offen mit der Rolle als Nr. 10, doch dann erklärte van Gaal, der Mittelfeldmann sei für diesen Part nicht geeignet. „Ich bin keine 10“, sagt er nun selbst, „die Position ist mir zu offensiv. Mein Spiel ist 60 Prozent offensiv und 40 defensiv.“ Wenn es zu 100 Prozent top wäre, wäre er ein Mann fürs Rampenlicht.

von Andreas Werner

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