Bayern-Star im tz-Interview

Müller: "Die Meisterschaft ist entschieden!"

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Thomas Müller, geboren 1989 in Weilheim, spielt seit 2000 für den FC Bayern. In 155 Spielen erzielte der 24-Jährige dabei 55 Tore für den Rekordmeister.

München - Die tz hat sich mit Bayern-Star Thomas Müller über die wichtigen Dinge unterhalten. Glück, Kinder – und etwas Fußball war auch dabei. Das Interview:

Müllert es bald nicht mehr in München, sondern in Barcelona? Am Mittwoch berichtete die Sport Bild, beim FC Barcelona sei die interne Entscheidung gefallen, sich diesen Sommer um die Dienste von Bayern-Wirbler Thomas Müller zu bemühen, der selbst seine Zukunft offen ließ. Die tz hat sich mit dem „Leuchtturm“ (Sammer) des Rekordmeisters mal über die wichtigen Dinge unterhalten. Glück, Kinder – und etwas Fußball war auch dabei. Das Interview:

Herr Müller, rein statistisch gesehen sind Sie der Offensivspieler mit den meisten Einsatzminuten im FCB-Team. Liest man als Profi so eine Zahl und ist rundum zufrieden?

Thomas Müller: Nein, hier geht es nicht um Minuten oder den Vergleich von Spielanteilen. Das ist ohnehin schwierig, weil bei uns in der Offensive immer wieder Spieler verletzt waren. Nein, es geht um die Wertschätzung, die man empfindet.

Dann dürfte es Sie geärgert haben, dass Sie gegen Arsenal nur auf der Bank saßen.

Müller: Natürlich. Wenn man in dem bisher wichtigsten Spiel der Saison draußen sitzt, dann macht man sich schon seine Gedanken und ist nicht zufrieden! Aber Fußball ist ein Teamsport, da kann ich meine Unzufriedenheit auf keinen Fall gegen das Team richten.

Sondern? Haben Sie zu Hause einen Boxsack an der Decke hängen?

Müller: Nein. Ich kann damit umgehen. Ich habe es rausgelassen, als ich eingewechselt ­wurde.

Wie erklärt einem Pep Guardiola, dass man nicht spielt?

Müller: Es gibt nicht jedes Mal ein Einzelgespräch. Die gibt es ab und an im Training. Ich würde das als Trainer auch nicht machen, sonst wirst du ja nicht mehr fertig und bist nur am ­Reden.

Heute geht es gegen Schalke, auf dem Papier mal wieder ein Topgegner. Sie müssen aufgrund einer Verletzung zuschauen. Werden Sie dann immer hibbelig auf der Tribüne?

Müller:  Nein. Bei unserer Qualität musst du bei einem Heimspiel gegen Schalke nicht hibbelig sein. Aber es ist mal wieder ein Gegner, der Ambitionen hat auf eine gute Platzierung. Das ist ein Topspiel!

"Ich bin ein Freund von Klartext. Die meisten mögen das"

Sie haben die Möglichkeit, die perfekte Saison zu spielen –ohne Niederlage. Ist dieses Ziel schwieriger zu erreichen, je eher Sie Meister sind?

Müller: Nein, das ist völlig egal. Nach realistischen Gesichtspunkten ist die Meisterschaft auch am heutigen Tage schon entschieden. Ich glaube, keiner rechnet damit, dass wir von zwölf Spielen sechs verlieren – wenn wir nach 22 noch keins verloren haben.

Ihr Stern ging unter van Gaal auf, Sie haben außerdem unter Heynckes, kurz unter Jonker und natürlich unter Löw trainiert. Jetzt Guardiola. Wer hat Sie am meisten vorangebracht?

Müller: Louis van Gaal hat mir ins Profi-Geschäft verholfen, er hat mir viel beigebracht. Aber auch danach habe ich bei jedem Trainer eine Entwicklung durchgemacht. Bei Jupp Heynckes war ich zunächst in den entscheidenden Spielen nur die Nummer zwölf im Kader. Das musste ich akzeptieren. Ein Jahr später hatte ich mich in eine bessere Position gekämpft. Das war wichtig für meine Entwicklung.

Können Sie mit allen Charakteren gut umgehen?

Müller: Ich habe zumindest noch nie einen Trainer gehabt, der ein persönliches Problem mit mir hatte. Ich bin einfach relativ unkompliziert, zumindest schätze ich mich so ein. Ich bin ein Freund von Klartext. Die meisten anderen Menschen mögen das, vor allem Trainer, die ja wichtige Entscheidungen treffen müssen.

Gibt es Trainer, unter denen Sie gern mal trainieren würden? Mourinho? Klopp?

Müller: Das kann ich von meiner jetzigen Position doch gar nicht einschätzen. Ich kenne sie ja nicht im Trainingsablauf, sondern sehe sie nur bei Pressekonferenzen. Und so etwas ist oft genug immer nur eine große Show. Das weiß ich mittlerweile auch ganz gut.

"Standpauken gibt es nicht bei Pep Guardiola"

Bei einer Trainingseinheit in Marokko hat Pep Guardiola 20 Minuten lang auf Dante eingeredet. Was haben Sie da gedacht? Der Arme bekommt eine Standpauke?

Müller: Nein. Da geht es einfach darum, dass dem Trainer etwas aufgefallen ist, und das muss dann mal besprochen werden. Standpauken gibt es nicht, so ein Typ ist Guardiola auf keinen Fall. Bei uns bekommt niemand einen ­Anschiss.

Haben Sie in Ihrer Karriere schon mal einen bekommen?

Müller: Als ich unter Louis van Gaal bei einem Europacup-Spiel in Bordeaux (Oktober 2009, d. Red.) in der ersten Halbzeit vom Platz geflogen bin und wir dann zur Halbzeit 1:0 zurücklagen, da hat er nicht gesagt: Gut, Thomas. (lacht)

Da gab es dann ein Einzelgespräch?

Müller: Leider nicht. Da gab es dann ein Gespräch vor der gesamten Mannschaft. Oder besser: Es gab einen Monolog. Und ich konnte auch nichts dagegen sagen, die Argumente waren auf seiner Seite.

Sie wurden vor allen heruntergebügelt?

Müller: Das nicht. Aber van Gaal war zu Recht sauer. Da kann ich dann mit leben.

Elf Gründe, warum Bayern das Triple verteidigt

Der FC Bayern gewinnt erneut das Triple, weil... © dpa
.... der FC Bayern keine teuren Duplikate der Pokale für seine Erlebniswelt anfertigen lassen müsste. Die Originale könnten einfach in der Allianz Arena stehen bleiben. © dpa
... Mario Götze endlich feiern darf. 2013 scheiterte er mit Borussia Dortmund gleich dreimal am FC Bayern: 0:1 im DFB-Pokal-Viertelfinale, 1:2 im CL-Finale und mit Rang zwei in der Liga hinter den Münchnern. Nach dreimal Vize könnte er jetzt dreimal Erster werden. © MIS
... "Pep! Pep! Pep! Pep!" mindestens genauso gut klingt wie "Jupp! Jupp! Jupp! Jupp!" und weil Hermann Gerland dann wieder ein paar launige Sprüche loslassen kann. © sampics
... der FC Bayern ja irgendetwas zu tun haben muss, wenn Ende März die Meisterschaft vorzeitig klargemacht wird. © dpa
... der FC Bayern jetzt mit mehr Pep spielt. © MIS
... in der Bayern-Erlebniswelt noch Platz für eine zweite Triple-Abteilung ist. © dpa
... "Doppel-Triplesieger" einfach besser klingt und sich sechs Pokale noch besser auf dem Briefkopf machen. © dpa
... in die beiden Pötte zusammen mehr Weißbier passt als in nur einen. Die Schale gibt da ja leider nicht so viel Fläche her, dient aber als Regenschutz für eine verregnete Titelfeier (siehe 2013). © sampics
... der FC Bayern sich das Porto für die Rücksendung der Pokale sparen würde. Meisterschale und Pokal müssten nach Frankfurt, der Champions-League-Pott in die Schweiz nach Nyon geschickt werden. Die CL-Trophäe würde etwa 50 Euro an Versandgebühr kosten - allerdings ohne Versicherungssumme. © dpa
... ein CL-Sieg im sommerlichen Lissabon noch schöner ist als im regnerischen London. © dpa
... der FC Bayern dann das erste Team ist, das sein Triple verteidigen kann! © sampics

Herr Müller, hat der kleine Thomas Müller mal richtig Ärger bekommen?

Müller:  Na klar, wenn man zu Haus mal Mist gemacht hat, gab es auch Anschiss. Aber es gibt da kein Riesenereignis, an das ich mich erinnern kann. Auch von Lehrern gab es nie großen Ärger, die habe ich immer totgequatscht. Ich war ein normaler Bub, der immer Fußball spielen wollte.

Kam es da nie vor, dass dabei mal die Schule vernachlässigt wurde?

Müller: Nein, Gott sei Dank nicht! Ich habe nicht jeden Nachmittag gelernt, aber wenn es darauf ankam, dann wusste ich schon, was zu tun war. Dann habe ich mir den Schulstoff zu Gemüte geführt.

Sie kümmern sich in einer Stiftung um elternlose Kinder. Wie kam es dazu?

Müller: Nach der WM 2010, so muss man sagen, war ich in aller Munde. Dann kamen verschiedene Anfragen. Und irgendwann ist der Punkt gekommen, wo ich gesagt habe: Jetzt will ich von der Aufmerksamkeit auch etwas zurückgeben. Und da hat es mir direkt am besten gefallen, Kinder zu unterstützen. Denn sie können grundsätzlich in der Gesellschaft am wenigsten für sich tun.

"Kinder? Noch nicht"

Geht Ihr Engagement auch so weit, dass Sie mit Ihrer Frau darüber sprechen, irgendwann mal ein Kind zu adoptieren?

Müller: Aktuell noch nicht. Da sehe ich mich mit 24 auch noch nicht so weit, dass ich bereit dazu bin, ein Kind zu adoptieren. Ein Kind bedeutet ohnehin eine große Verantwortung, für ein fremdes ist sie sicher noch mal größer. Aber die Aufgabe macht mir unheimlich Spaß. Es ist schön, die Kinder lachen zu sehen, wenn wir uns treffen.

Wenn Sie von den Schicksalen der Kinder hören, familiäre Situationen sehen, die man mit Geld nicht ändern kann, betrachten Sie Ihre persönliche Lage dann mit anderen Augen? Rückt Geld in den Hintergrund?

Müller: Ja, natürlich. Ich bin mir schon bewusst, dass Glück nicht von Geld abhängig ist. Man kann damit sicher existenzielle Sorgen bereinigen, aber ob du aufstehst und glücklich bist, ob du deine täglichen Glücksmomente erlebst – das hängt nicht mit Geld zusammen.

Kann man Glück erzwingen? Kann man was dafür tun, dass es zu einem kommt?

Müller: Dass es zu einem kommt? Der Lebensweg ist in gewisser Weise vorgegeben. Man wird geboren, wie man geboren wird – da kann man nichts dafür! Ich kann nicht behaupten, dass ein Kind in Afrika, das in ein Leben ohne genügend zu essen und zu trinken geboren wird, sein Glück selbst in der Hand hat. Wir dürfen nicht vergessen: Wir hier sind privilegiert, wir können jeden Tag in die Schule gehen. Da haben wir doch selber in der Hand, was aus einem wird und wie man sein Leben bestreitet. Das heißt nicht automatisch, dass man mit ein bisschen Engagement auch unheimlich viel Geld haben wird. Aber man kann den Weg gehen, der einen zufrieden macht.

Sieht so aus, als könnten Sie bei all Ihrem Stress ganz gut reflektieren, dass Sie ein privilegiertes Leben führen.

Müller: Ja. Ich bin geerdet genug. Dieses Gefühl habe ich zumindest.

Sind Sie gläubig?

Müller (überlegt lang): Schwierig. Ich war früher oft in der Kirche, ich war auch Ministrant. Ich schätze vor allem diese Traditionen und weiß, dass sie irgendwo sehr wichtig sein können für unsere Gesellschaft. Ich finde es zum Beispiel sehr bitter, wenn man in einer Großstadt wie München in einem Mehrfamilienhaus wohnt und seine Nachbarn nicht kennt. Das ist schon sehr anonym. Von daher schätze ich dieses traditionelle Leben. Aber Glaube ist etwas, was vom Detail her sehr unterschiedlich ist. Da ist zum Beispiel die Frage, inwieweit lege ich mein Leben in die Hand eines anderen und vertraue darauf, dass er sowieso für mich entscheidet? Soweit bin ich nicht. Da komme ich mehr über die naturwissenschaftliche Schiene.

Interview: Michael Knippenkötter

Quelle: tz

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