tz-Interview mit Frank Wormuth

"Der FC Bayern macht es der DFB-Elf vor"

+
"Länderspiele sind wieder Events, aber taktisch war alles schon da", sagt der DFB-Trainer-Ausbilder Frank Wormuth.

München - Wo steht der deutsche Fußball vor dem WM-Jahr 2014? Diese Frage will die tz im Rahmen einer Interviewserie aus verschiedenen Blickwinkeln beantworten.

Heute sprechen wir mit Frank Wormuth, Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB.

Herr Wormuth, wo steht der deutsche Fußball in Sachen Taktik und individueller Qualität?

Wormuth:  Dort, wo er lange Zeit nicht mehr stand: in der Weltspitze. Ich find’s klasse, wie sich der seit 2006 sichtbare Trend zum Tempofußball verfestigt hat. Wir werden für unsere Spieler und unsere Spielweise bewundert. Ich war kürzlich in Brasilien, habe in Teresópolis bei Rio de Janeiro eine Trainerfortbildung geleitet und einen Vortrag in Rio über die DFB-Nachwuchsstruktur gehalten. Auf diesem großen Trainerkongress danach hat mich Luiz Felipe Scolari angesprochen und mir seinen Respekt bekundet. Das zeigt mir: Der deutsche Fußball ist vor allem im Ausland angesehener denn je.

Wer ist in Ihren Augen der Vater dieser Revolution?

Wormuth: DEN Vater gibt es nicht. Es wurden in der weniger guten Phase um die EM 2000 die richtigen Maßnahmen getroffen: im Breitenfußball vor allem das DFB-Talentförderprogramm und die Optimierung der Trainerausbildung, im Leistungsfußball an erster Stelle die Verpflichtung der Klubs zu Nachwuchsakademien. Der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat das entscheidende Signal gegeben.

Sie sprachen das große Ansehen des deutschen Fußballs im Ausland an. Im Inland dominiert die Erwartungshaltung. Das Fanvolk will 2014 den WM-Titel feiern.

Wormuth:  Nach dreimal Halbfinale und einmal Finale bei den letzten vier großen Turnieren ist das durchaus nachvollziehbar. Ich sage immer: Deutschland als Wirtschaftsnation steht nicht umsonst so gut da. Dieses „Nie zufrieden sein“ ist ein guter Antrieb, er kann aber auch zu einem schlechten werden. Ein bisschen mehr Demut und Dankbarkeit würden gerade beim Fußball nicht schaden.

Schöne Worte.

Wormuth: Waren die souveränen Qualifikationen und die letzten Turniere nichts? Wir gehören nicht zu den Schweden oder Kroaten, die – wenn’s interessant wird – nur noch zuschauen. Länderspiele unserer Mannschaft sind wieder Ereignisse, die Mannschaft spielt attraktiven Fußball. Das war schon mal ganz anders.

Welches Abschneiden bei der WM würde Sie persönlich zufrieden stellen?

Wormuth: Meine Erwartung ist, dass die Mannschaft ihr Potenzial abruft – in jedem Spiel. Dann bin ich zufrieden. Wie weit es letztlich geht, hängt doch auch immer von Kleinigkeiten ab – von Schiedsrichterentscheidungen, von Pfostenschüssen, abgefälschten Bällen. Ich würde mich sicher nicht hinstellen und den WM-Titel fordern. Mit welchem Recht auch?

Wie finden Sie entsprechende Schlagzeilen?

Wormuth: Ach, solange es nicht unter die Gürtellinie geht, ist doch alles in Ordnung. Man sollte diese Dinge nicht wichtiger nehmen als sie sind. Emotionen und Schlagzeilen gehören beim Fußball einfach dazu, sonst könnte sich ja alles zum Volleyball orientieren – ohne jetzt den Volleyball schmälern zu wollen.

Kommen wir zu Strategie und Taktik. Wie viel Neues ist noch möglich?

Joachim Löw mit Pep ­Guardiola in München (links) – für beide ­werden Außenverteidiger wie Philipp Lahm immer wichtiger, sagt DFB-Experte Frank Wormuth

Wormuth: Was die Systeme angeht, war alles schon da. Brasilien hat bereits 1958 mit Viererkette gespielt, die Dreierkette sieht man nicht nur bei der italienischen Nationalmannschaft oder beim SSC Neapel, sondern beispielsweise auch beim SV Ried in Österreich, der unter Paul Gludovatz vor zwei Jahren auch schon in einem 3-3-3-1 spielte. Meiner Meinung nach ist diese Systemdiskussion völlig überschätzt. Wenn man sich das Geschehen auf dem Platz ansieht, ist vor allem bei den offensivstarken Mannschaften eh alles im Fluss.

Über was sollte man also besser reden?

Wormuth: Entscheidend ist die Frage, wie ich am besten Überzahl herstellen und Räume öffnen kann. Variabilität ist gefragt, sowohl beim Tempo, als auch auf den einzelnen Positionen.

Pep Guardiola setzt dem FC Bayern die Krone auf

Der FC Bayern macht’s vor.

Wormuth: Ja, aber auch andere Teams in der Bundesliga machen es. Der FC Bayern hat natürlich eine größere Anzahl an extrem fähigen Spielern. Nicht umsonst hat sich Pep Guardiola für Bayern entschieden. Dort hat er die Leute, die er für seine Spielweise braucht. Anderswo hätte er mehr verändern müssen.

Der Guardiola-Hype lappt nicht nur in München bisweilen ins Pseudo-Religiöse.

Wormuth: Das haben Sie gesagt (lacht). Ich sage: Bayern spielt im Großen und Ganzen wie Barcelona. 80 Prozent hat in München bereits schon vorher so funktioniert, Guardiola setzt dem Ganzen die Krone auf, indem er noch mehr Wert auf Variabilität legt.

Können Sie das konkretisieren?

Wormuth: Neu – wenn man so will – ist, dass beim Spielaufbau jetzt auch einer der Außenverteidiger ins zentrale Mittelfeld rutscht, auch um bei Ballverlust sofort pressen zu können. Grundsätzlich geht es um die Durchsetzung des Vertikalspiels, das heißt: So lange wie möglich durch die Mitte spielen und erst spät zur Seite ausbrechen, um den Gegner ins Laufen zu bringen und Räume zu öffnen. Das können Sie auch bei der Nationalmannschaft beobachten, auch wenn hier die Außenverteidiger noch nicht nach innen orientiert sind.

DFB-Chefscout Urs Siegenthaler hat unlängst in einem Interview erklärt, dass sich der Trend zu kleinen, wendigen Stürmern in den nächsten drei bis fünf Jahren wohl noch verstärken werde. Teilen Sie diese Ansicht?

Wormuth: Es klingt logisch, weil der Mensch auch ein Herdentier ist und die Geschichte des Fußballs es uns immer gezeigt hat. Wenn etwas funktioniert, dann springen andere schnell auch auf diesen Weg. Dies geht so lange, bis wieder einer aufsteht und einen Gegentrend einleitet. Aber vielleicht haben wir auch bald wendige große Spieler. Ist doch spannend.

Schwere Zeiten für klassische Mittelstürmer à la Mario Gomez...

Wormuth: Das glaube ich nicht, denn auch ein Typ Marke Mario Gomez hat im Spiel erhöhter Variabilität seine Berechtigung. Insbesondere dann, wenn eines Tages die Anzahl der Auswechslungen keine Rolle mehr spielt und dann noch die Auszeiten eingeführt werden. Dann kann ein Trainer aus dem taktischen Vollen schöpfen. Aber diese Regeländerungen bekommen wir beide wohl nicht mehr mit.

Interview: lk

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Sensationelle Rückkehr zum FC Bayern? Berater lässt FCB-Fans träumen
Sensationelle Rückkehr zum FC Bayern? Berater lässt FCB-Fans träumen
Neuer Verletzungs-Schock für den FC Bayern: Fehler in der medizinischen Abteilung?
Neuer Verletzungs-Schock für den FC Bayern: Fehler in der medizinischen Abteilung?
Unglaubliche Gerüchte: Hat Salihamidzic den Sané-Transfer schon eingetütet?
Unglaubliche Gerüchte: Hat Salihamidzic den Sané-Transfer schon eingetütet?
Überraschung beim FC Bayern: Vereinslegende mit Trainer-Comeback - Spekulationen um Miro Klose
Überraschung beim FC Bayern: Vereinslegende mit Trainer-Comeback - Spekulationen um Miro Klose

Kommentare