Sammer: Mit Ribéry wird Bayern nicht besser

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Matthias Sammer arbeitet seit dem 1. April 2006 als Sportdirektor für den DFB. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in München

München - Im tz-Interview spricht DFB-Sportdirektor Matthias Sammer über die Lage der Liga und des FC Bayern sowie über Jens Lehmann, Franck Ribéry und Luca Toni.

Der Ball ruht bis 15. Januar. Zwei deutsche Teams stehen im Achtelfinale der Champions League, vier in der Runde letzten 32 in der Euro League. An der Bundesligaspitze geht es eng zu. Wie beurteilen Sie die Entwicklung im deutschen Fußball, Herr Sammer?

Matthias Sammer: Die Tendenz, dass junge, deutsche Spieler verstärkt in der Bundesliga eingesetzt werden, nimmt zu. Sowohl von der Quantität als auch Qualität her ist das speziell aus meiner Sicht ein erfreulicher Aspekt. National haben einige die Erwartungen sicher übertroffen – ich denke da an Leverkusen, Schalke Hamburg und Dortmund. Bei anderen Klubs wie dem FC Bayern und Werder Bremen gab es Schwankungen. International befinden wir uns auf dem Weg raus aus dem absolut grauen Mittelmaß, wir haben Anschluss gefunden. Spitzenpositionen nehmen wir im europäischen Klub-Fußball aber sicher noch nicht ein.

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Wer hat Sie negativ überrascht?

Sammer: Hertha BSC ist natürlich die absolute negative Überraschung. Es war klar, dass es nach den personellen Veränderungen nicht so gut weitergehen kann wie in der vergangenen Saison, aber die momentane Lage ist fast aussichtslos. Da spielt für mich auch der Abschied von Dieter Hoeneß eine Rolle, der dieses Bayern-Gen immer in sich trug und Dinge offen ansprach. Erst jetzt kann man erkennen, wie wichtig er für Berlin war. Und die Wolfsburger konnten ebenfalls nicht erwarten, dass weiterhin alles so sensationell läuft wie beim Titelgewinn. Trotzdem hätte ich beim VfL etwas mehr höhere Konstanz erwartet.

Einer, der für Schlagzeilen sorgte, ist Jens Lehmann. Braucht die Bundesliga solche Typen?

Sammer: Gründsätzlich brauchen wir Typen, Individualisten, Spieler, die anders sind – keine Frage. Das ist oft ein schmaler Grat. Er spricht Dinge kritisch an – aber zu einem Führungsspieler gehört auch Selbstkritik. Das fehlte mir zuletzt bei Jens. Die Sache in Mainz war für mich Ausdruck von Frustration, die in ihm steckt – da muss er lernen, seine Emotionen in positive Energie umzuwandeln. Das muss er auch nach seiner Karriere beherzigen. Dann kann die aktuelle Situation für ihn ein wichtiger Lernprozess sein.

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Solange er künftig keine Brillen mehr klaut…

Sammer (lacht): Ich glaube, er wollte sie sauber machen. Die war beschlagen.

Ein anderer Typ der Liga ist Franck Ribéry. Wie wichtig ist sein Verbleib für die Bundesliga über die Saison hinaus?

Sammer: Erst einmal wünsche ich ihm gesundheitliche Stabilität, damit er in der Bundesliga endlich wieder seine Qualitäten zeigen kann. Er symbolisiert absolute Weltklasse und hebt die Attraktivität der Liga an. Ich kann dem FC Bayern nur viel Glück wünschen, dass sie so einen Spieler den Fans erhalten können. Das wäre gut – auch für die jungen Spieler ein Signal. Weil ein Ribéry einfach eine sportliche Vorbildfunktion hat.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Ribéry verlängert?

Sammer: Bedauerlicherweise eher gering. Aber wenn es einem Verein gelingen kann, dass Ribery verlängert, dann den Bayern.

Louis van Gaal erklärte kürzlich augenzwinkernd, dass die Liga mit Ribéry langweilig wird – weil die Bayern schon ohne ihn dominieren…

Sammer: Bei Bayern hat sich eine stabile Mannschaft gefunden, die Topleistungen bringen kann. Das hat sich in Turin gezeigt – ohne Ribéry. Sogar international hat das Eindruck gemacht. Oft meint man im Fußball, dass sich die Dinge durch die Rückkehr von Einzelkönnern verbessern. Aber ich habe es mehrfach erlebt: So einfach ist es nicht. Manchmal läuft das ganz anders.

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Heißt: Das homogene Gebilde bei Bayern wird durch Einzelkönner wie Ribéry und Robben nicht automatisch besser?

Sammer: So ist es. Natürlich ist die Klasse von Ribéry und Robben unbestritten. Aber sie einzubauen, wird eine große Aufgabe für van Gaal. Denn das Team, das derzeit die Erfolge einfährt, hat zueinandergefunden und Teamgeist bewiesen.

Felix Magath meint, die Bayern seien kaum aufzuhalten.

Sammer: Das würde ich an seiner Stelle auch so sagen. Fakt ist: Die Bayern waren zuletzt sehr gut, aber die Saison ist noch lang. Ich bin überzeugt davon, dass Schalke eine gute Rolle spielen wird. Trotzdem sieht Magath seine Mannschaft nicht in der Favoritenrolle, das wäre ja unklug. Dieses Spiel kennen wir ja aus der vergangenen Saison mit Wolfsburg. Man muss schon sagen, dass Magath zu einer herausragenden Trainergröße in Deutschland gewachsen ist. Und genauso außergewöhnlich ist, was Jupp Heynckes mit den Leverkusenern gelungen ist. Ein starkes Signal für die Kontinuität eines Vereins in der Trainerfrage ist die Verlängerung des Vertrages von Thomas Schaaf in Bremen bis 2012.

Zumindest hat Bayern in der Rückrunde einen Störfaktor weniger: Luca Toni.

Sammer: Er war eine große Bereicherung für die Liga. Aber: Ein großer Spieler stellt in kritischen Phasen seine eigenen Interessen nicht über die seines Vereins. Dass es dann Konsequenzen gibt, Verein und Trainer sich abwenden, ist klar.

Mit Toni krachte es beim FC Bayern immer wieder. Brauchte auch der ganze Klub Zeit, sich an van Gaal zu gewöhnen?

Sammer: Ich kenne die inneren Abläufe nicht. Meine äußere Wahrnehmung ist, dass zwei starke Persönlichkeiten aufeinandergetroffen sind: van Gaal – und der FC Bayern mit seinen Führungskräften. Da entsteht Reibung. Jetzt sieht man van Gaals Handschrift, der Weg ist klar. Man musste sich arrangieren. Bei Bayern wird es am Saisonende gut aussehen – da bin ich mir sicher.

Was Sie als DFB-Sportdirektor freuen dürfte, ist die Entwicklung von Badstuber und Müller.

Sammer: Es war positiv, wie auch in der kritischen Phase auf die beiden gesetzt wurde: Meine Hochachtung vor der Bayern-Führung, das ist eine große Leistung. Das sind natürlich auch Spieler, die für die Region stehen und durch ihre Leistung dem Verein gut tun.

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