„Was denn für ein Torwart-Problem?“

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Oliver Kahn stärkt Michael Rensing den Rücken

München - Beim 3:1 gegen Neckarelz stand Michael Rensing wieder im Bayern-Tor – und patzte prompt. Hat sich Louis van Gaal also vertan bei seiner Entscheidung für die neue Nummer 1? Das tz-Interview mit Oliver Kahn.

Herr Kahn, überrascht von van Gaals Entscheidung?

Kahn: Nein. Denn van Gaal hat in der Vergangenheit ja schon auf junge Leute gesetzt. Deswegen war das für mich nicht so verwunderlich. Nichts gegen Jörg Butt, der seine Sache sehr gut gemacht hat. Aber wenn man das Ganze perspektivisch betrachtet, dann ist Michael halt der Jüngere. Ich gehe davon aus, dass beide ungefähr leistungsgleich waren und er sich dann für den Jüngeren entschieden hat.

Am Sonntag hat Rensing gepatzt...

Kahn: Aber das ist egal! Weil er die Nummer 1 ist! Da muss man nicht bei jeder Szene anfangen zu diskutieren. Sondern man muss ihm auch die Möglichkeit einräumen, Fehler zu machen. Man sollte nicht bei jedem Tor diskutieren, sondern ihn seine Entwicklung machen lassen. Es wird ja immer so getan, als ginge das nicht, weil man dafür keine Zeit habe. Aber das stimmt doch nicht! Das ist Sache der Verantwortlichen, einem jungen Torwart Zeit zu geben, sich zu entwickeln. So wie Louis van Gaal es jetzt auch getan hat.

Der Tiefpunkt im Spiel gegen Neckarelz: Throm (m.) schiebt zum 1:2 ein, Braafheid kommt zu spät. Demichelis (l.) brüllt den geschlagenen Rensing an

Rensings Patzer und das Spiel in Bildern

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Im Gegensatz zu Klinsmann. Der nahm Rensing plötzlich aus dem Tor...

Kahn: So etwas ist natürlich für die Entwicklung eines Spielers extrem schädlich. Gerade bei so jungen Spielern muss man sehr vorsichtig sein. Und in meinen Augen hat Michael in der letzten Saison gar nicht so schlecht gehalten. Es war durchwachsen, aber ich kann mich an keine groben Fehler erinnern. Für mich war es völlig überzogen, ihn so in den Senkel zu stellen.

Van Gaal nimmt ihm den Druck, weil er ihm vertraut?

Kahn: Natürlich, denn Vertrauen ist das wichtigste für einen Torwart.

Hat Rensing das Potenzial für die Bayern-Eins?

Kahn: Ja natürlich! Warten wir doch mal ab, bis er ein paar Jahre gespielt hat. Er kann ja nicht als junger Mann sofort auf einem Niveau sein, auf dem ich mit 30 Jahren war. Das kann man nicht verlangen. Ich bin damals auch vom KSC zu Bayern gekommen und habe zwei, drei Jahre gebraucht, um Weltklasse zu sein.

Titan junior: Oliver Kahn öffnet sein Familienalbum

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Manche sagen: Bayern hat ein Torwart-Problem?

Kahn: Überhaupt nicht! Was denn für ein Torwart-Problem?

Also sollten sich die Bayern nicht um Manuel Neuer bemühen?

Kahn: Schauen Sie doch, was Real Madrid mit Casillas gemacht hat. Der hat denen anfangs viele Spiele verloren. Aber man hat hinter ihm gestanden. Und siehe da: Jetzt ist er Europameister! Und Neuer? Also Entschuldigung: Natürlich ist der Manuel jetzt, nach einigen Jahren, auf einem sehr gutem Niveau. Aber was hat der denn vorletztes Jahr für eine Saison gespielt? Ich kann mich nicht erinnern, dass der Michael auch nur annähernd so viele Fehler gemacht hat, wie Neuer in seiner schweren Phase. Aber Schalke hat hundertprozentig hinter ihm gestanden.

Bleiben die Diskussionen bis zum Ende der Saison?

Kahn: Das hängt nur von Michael ab. Ich glaube, dass er stabil bleibt. Es gab da eine Szene im Elfmeterschießen beim Audi-Cup. Ich habe ihn vom Spielfeldrand genau beobachtet. Dann schaut er kurz rüber und lächelt mich an. Da habe ich gemerkt, dass er in sich sehr stabil ist. Viel stabiler als bei Klinsmann. Die vielen Gegentore damals waren ja nicht ein Problem des Torwarts, sondern des gesamten Systems. Das funktionierte einfach nicht.

Ist das jetzt anders?

Kahn: Bei van Gaal habe ich das Gefühl, dass die Mannschaft ihn verstanden hat und ganz anders auftritt. Da wird es auch für Michael leichter. Und dann kann es sein, dass wir nächstes Jahr im Januar, Februar, März über Michael Rensing als kommenden Nationaltorwart diskutieren. Im Fußball ist nichts unmöglich.

Interview: Jan Janssen

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