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Formel 1 vor Überraschungs-Saison? Hoffnung für Vettel, Enttäuschung für Schumacher

Wenn am Aston Martin von Sebastian Vettel (l.) und Lance Stroll alles funktioniert, kann es eine gute Saison werden. Mick Schumacher (hinten) dürfte es schwer haben.
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Wenn am Aston Martin von Sebastian Vettel (l.) und Lance Stroll alles funktioniert, kann es eine gute Saison werden. Mick Schumacher (hinten) dürfte es schwer haben.

Die Formel-1-Saison 2021 soll eine Rekordsaison werden. 23 Rennen gab es noch nie und das noch in Corona-Zeiten. Red Bull liegt bei den Tests vor Mercedes. McLaren könnte überraschen.

Bahrain - Selten war es schwerer nach Testfahrten, ein klares Bild der Machtverhältnisse in der Formel 1 zu bekommen. Statt sechs oder acht Testtagen wie zu früheren Zeiten, hatten die Teams diesmal nur dreimal die Möglichkeit, jeweils für acht Stunden in Bahrain ihre neuen Autos einem Härtetest zu unterziehen, um sie fürs erste Rennen in zwei Wochen ebenfalls in Bahrain startklar zu machen. Was bedeutete: Teams waren oft mit verschiedenen Programmen unterwegs. Ein Beispiel: Die extrem guten Longruns von McLaren und Renault fanden am Vormittag des letzten Tages statt – zu einem Zeitpunkt, als die Streckenverhältnisse am besten waren. Trotzdem konnte die tz eine Tendenz herauslesen. Red Bull ist dabei leicht vor Mercedes, McLaren könnte für die große Überraschung sorgen.

Red Bull: „Der beste erste Auftakttest, den ich bei Red Bull je erlebte,“ freute sich Chefberater Helmut Marko (77) in der tz. „Wir hatten keine Probleme, das Auto reagierte so, wie wir es wollten, der neue Honda-Motor hielt, was die Daten versprochen hatten.“ Bei Red Bull glaubt man, dass man knapp die Nase vorne hatte. Marko: „Wir wissen aber auch, dass Mercedes mit mehr Benzin gefahren ist und nicht alles gezeigt hat. Trotzdem wären sie auch abgetankt nicht ganz an uns herangekommen. Denn besonders Max Verstappen hat noch Luft nach oben.“ Eins wurde aber schon klar: Auch der erfahrene Red-Bull-Neuling Sergio Perez kann mit dem Speed des Supertalents nicht mithalten. Trotzdem traut man dem Mexikaner eine Menge zu. Marko: „Perez wird im Rennen extrem stark sein und eine Menge Punkte einfahren.“ Red Bull hat das Auto extrem verbessert, Honda den Motor. Marko: „Wenn man die Cockpitaufnahmen verfolgt, hatte man den Eindruck, dass Max im Mercedes von letztem Jahr saß und die Mercedes-Fahrer in unserem Auto von 2020.“ Was Marko meint: Hamilton und Bottas mussten immer wieder mit hektischen Lenkbewegungen den Mercedes einfangen, während Verstappen kaum korrigieren musste.

Formel-1-Testfahrten in Bahrain.

Mercedes: Weit hinter Red Bull liegt der Titelverteidiger nicht. Der Rückstand zur Qualifying-Zeit 2020 betrug 2,8 Sekunden. Der Unterschied ist zum größten Teil mit der hohen Spritmenge zu erklären. Fest steht aber auch: Mercedes hat Handlingsprobleme, speziell auf der Hinterachse. Hamilton drehte sich zweimal, vermutlich aus diesem Grund. Das Problem könnte an den Bargeboards liegen. Diese Leitbleche sollen für eine optimale Luftströmung sorgen. Konkurrenten vermuten, dass Mercedes nicht genügend Abtrieb im Heckbereich hat. Deshalb sei auch Mercedes unüblich zu den Tests in den Jahren zuvor mit großen Messgittern gefahren, um Strömungsdaten zu bekommen.

McLaren: Die Mannschaft von Teamchef Andreas Seidl konnte ohne Probleme alle geplanten Fahrprogramme abspulen – was erstaunlich ist, weil das Traditionsteam vom Renault-Motor zum Mercedes-Motor gewechselt hat. Der problemlose Test zeigt die enge Zusammenarbeit der Mercedes-Motorenfabrik in Brixworth und den McLaren-Technikern in Woking. Bei McLaren selbst glaubt man, dass man mit Aston Martin und AlphaTauri um Platz drei kämpft. Die Konkurrenz hält das für Untertrieben und denkt, dass McLaren schon um Siege mitfahren kann. Besonders der innovative Diffusor, bei dem McLaren andere Wege als die Konkurrenz ging, soll der Grund für McLarens Understatement sein.

Aston Martin: Der grüne Mercedes ist am schwierigsten zu beurteilen, weil das Team von Neuzugang Sebastian Vettel die meisten Probleme hatte. Besonders der Deutsche verlor am ersten Tag etliche Eingewöhnungkilometer wegen eines Getriebedefekts, der viel Zeit kostete. Die hätte er aber bitter nötig gehabt. Vettel: „Das Auto ist anders zu fahren, der Motor erfordert eine verschiedene Herangehensweise, das Lenkungsverhalten ist neu für mich, ebenso manche Systeme. Nichtsdestotrotz bin ich guter Dinge. Ich muss jetzt das Rennwochenende zu weiteren Studienseminaren nutzen.“ Die Zeiten des „Aston Mercedes“, so wird der „Grünpfeil“ wegen der bekannt engen Zusammenarbeit mit dem Mercedes-Werksteam im Fahrerlager bereits genannt, waren wenig repräsentativ. Am letzten Tag absolvierten Vettel und Teamkollege Lance Stroll nur Rennsimulationen mit vollen Tanks. Die 1,30,4, die Stroll schon am ersten Testtag fahren konnte, als die Bedingungen eher schlecht waren, gibt ein wenig Aufschluss. Sie zeigen, dass der Aston Martin sehr schnell sein kann, wenn alles funktioniert.

Die drei Tage in Bahrain zwei Wochen vor dem Saisonauftakt weckten Hoffnungen auf packende Rennen.

AlphaTauri: Das Red-Bull-Schwesterteam erstaunte durch schnelle Zeiten, besonders Rookie Yuki Tsunoda begeisterte dabei. Red Bull selbst sieht AlphaTauri irgendwo zwischen Platz vier und sechs, im engen Kampf mit Ferrari und Alpine-Renault und Aston Martin. Tsu­noda fuhr seine Zeiten mit der weichsten Reifenmischung und wenig Sprit. Deshalb betrug der Rückstand zu 2020 auch nur 0,6 Sekunden. Auffällig ist, dass die Ähnlichkeit zum Schwesterauto von Red Bull immer größer wird – was den Alpha Tauri noch stärker gemacht hat.

Ferrari: Die Scuderia hat einen klaren Schritt nach vorne gemacht, der hauptsächlich vom neuen Motor kommt. Auch von der Chassisseite verbesserte Ferrari das Auto, aber um Siege mitfahren können Charles Le­clerc und Carlos Sainz nicht.

Alpine-Renault: Das Team von Formel-1-Heimkehrer Fernando Alonso machte einen guten Eindruck, ist aber noch nicht endgültig einzuschätzen. Auffällig: Der Alpine funktioniert auf den härteren Reifenmischungen besser als auf den weichen. Deshalb ist er im Rennen stärker einzuordnen als im Qualifying.

Alfa Romeo: Schon jetzt behauptet der Kult-Finne Kimi Räikkönen, dass der Alfa schneller ist als im vergangenen Jahr – trotz der Einschnitte in der Aerodynamik. Alfa profitiert dabei natürlich auch vom neuen, stärkeren Ferrari-Motor.

Williams: Das Traditionsteam hat die rote Laterne abgegeben und sich verbessert. Was aber nicht schwer war, weil das Auto des vergangenen Jahres in den Bereich Fehlkonstruktion einzuordnen ist. Williams profitiert in diesem Jahr von mehr Unterstützung von Mercedes. Die Stuttgarter wollen so ihren zukünftigen Hoffnungsträger George Russell stärken.

Haas: Das US-Team mit russischem Kleid von Mick Schumacher muss sich im Moment mit dem letzten Platz begnügen. Das ist aber keine Überraschung, denn Teamchef Günther Steiner verzichtete auf große Weiterentwicklung. Wie Alfa gewinnt Haas durch den stärkeren Ferrari-Motor von 2021. Für Team und Fahrer gilt die Saison als Lehrjahr, um 2022 mit neuem Auto, auf das man sich schon in dieser Saison konzentriert, anzugreifen. (Ralf Bach) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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