Müssen wir wirklich vor den Ösis zittern? Löw gesteht Fehler ein/Ärger um Ballack/„Wir brauchen Gespräche“

Am Tag danach war plötzlich alles anders.

Bisher kannte man Jogi Löw im DFB-Lager in Ascona nur so: Freundlich lächelnd, gut gelaunt, entspannt. Das ist vorbei. Der „nette Jogi“ blieb nach der 1:2-Pleite gegen Kroatien in Klagenfurt – und wurde abgelöst vom „strengen Herrn Löw“. Kein Wunder: Deutschland leistete sich gegen Kroatien einen bösen Rumpel-Rückfall. „Ich bin fassungslos“, kommentierte Franz Beckenbauer in der Bild die Pleite. Jetzt spürt der Bundestrainer: Es geht um alles! Nach der Katastrophenleistung gegen Kroatien scheint selbst bisher Undenkbares möglich – auch eine Niederlage am Montag gegen Österreich. Es wäre das EM-Aus für Deutschland in der Vorrunde. Müssen wir jetzt vor den Ösis zittern? Zumindest herrscht Alarmstimmung im deutschen Lager. Indiz: Freitag wollten die Spieler mit den eigens eingeflogenen Spielerfrauen auf die Isola di Brissago – gestrichen! „Wir werden am Nachmittag das Kroatien-Spiel analysieren“, sagte Löw. Auch die Übernachtung der Frauen im Mannschaftshotel wurde abgesagt. Löw zieht die Zügel an. Denn die Niederlage wirft Fragen auf.

Fehlte dem Team die richtige Einstellung? Betrachtet man den Donnerstag, lautet die Antwort: Ja! Im Vergleich zum Polen-Spiel wirkten die Deutschen überheblich. Oliver Bierhoff schimpfte: „Das war reine Kopfsache!“ Und auch aus der Mannschaft gab es Kritik. „Jeder wollte sein eigenes Ding machen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass jeder den Ball haben wollte. Da haben einige gedacht: Ein gutes Spiel machen reicht“, tobte Klose. Herrschte zu viel Harmonie? Im DFB-Quartier war die Stimmung spätestens seit dem Sieg gegen Polen blendend. „Wir sind nicht in der Lage, mit Lob umzugehen“, macht Ballack seinem Ärger Luft. Zu gute Stimmung will Löw jedoch nicht ausmachen: „Dass die Harmonie zu groß war, lasse ich nicht zählen.“ Die Analyse von Bierhoff klingt reichlich merkwürdig: „Wir konnten auch nach Rücksprache mit unserem Psychologen Dr. Hermann keine Anzeichen für Selbstzufriedenheit finden.“Welche Fehler hat Löw gemacht? Löw hielt am Tag nach der Niederlage den Kopf hin, gab falsche Entscheidungen zu. „Die Einwechslungen haben nicht die erhoffte Wirkung gebracht. Wir alle haben Fehler gemacht. Alle! Auch das Trainerteam muss sich fragen: Was können wir besser machen?“ Neben den zweifelhaften Wechseln (Odonkor, Schweinsteiger und Kuranyi kamen) stellte Löw vor allem auf der linken Seite zu offensiv auf. Dass die Mannschaft nicht unter Strom stand, bemerkte er nicht.Welche psychischen Auswirkungen hat die Pleite? Die Favoritenrolle, der Nimbus der Unschlagbarkeit, ist weg. Belastung oder Erleichterung? Das wird sich zeigen. „Wir sind alle tief enttäuscht“, sagt Löw, will aber keinen Knacks ausmachen: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie Rückschläge verkraften kann.“Ist der Teamgeist jetzt kaputt? Am Freitag knöpfte sich das Trainerteam die Spieler vor – jeden einzeln. Anders, als oft vermittelt, gibt es auch interne Spannungen. Im Mittelpunkt: Ballack. Viele Spieler finden, dass der Kapitän zu viel nörgelt und zu wenig Leistung bringt. Auch der 31-Jährige selbst ist unzufrieden. „Wir müssen zurück zu den so genannten deutschen Tugenden“, forderte er nach dem 1:2. Doch Löw ließ ihn am Freitag auflaufen. „Ich werde jetzt nicht sagen: Ihr müsst Gras fressen“, erklärte der 48-Jährige: „Wir werden unsere Spielweise nicht verändern, nicht alles über den Haufen werfen.“ Es rumort – trotzdem ist sich Löw sicher: „Die Mannschaft ist nicht zerrissen, der Teamgeist nicht abhanden gekommen. Ich habe allen gesagt, dass eines nicht passieren darf: Gegenseitige Schuldzuweisungen.“Was muss Jogi jetzt tun? Löw will vor allem viel mit den Spielern reden. „Jetzt gilt es herauszufiltern, warum wir unser Potential nicht abgerufen haben. Wir müssen in die Psyche schauen, dafür bedarf es Gesprächen.“ Die Spieler müssen wieder brennen wie vor dem Polen-Spiel. Bis Montag ist Zeit – und Jogi nach wie vor optimistisch: „Wir haben einen Rückschlag erlitten, aber das wird uns nicht umwerfen! Wir werden nicht ausscheiden, wir werden das schaffen.“ jj, ta

Quelle: tz

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