Weltmeister schreibt für die tz

Vettel exklusiv: "Bin ich Brad Pitt?"

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Sebastian Vettel.

Heppenheim - Exklusiv für die tz blickt Sebastian Vettel zurück auf sein bewegtes und erfolgreiches Jahr 2013. Dieses "hätte nicht besser sein können", schreibt er.

Von Sebastian Vettel

Silvester ist so ein Tag, an dem man in sich geht und den Film des Jahres in seinem Geiste abspielt. Ein Tag, an dem man sich normalerweise etwas Großes vornimmt! Zum Beispiel aufhören zu rauchen oder weniger zu fluchen! Nun, ich rauche nicht. Über Fluchen könnte man mal Nachdenken. Sagen wir mal so: Es könnte schon sein, dass ich oft zu stur bin. Da könnte man dran arbeiten. Doch man muss auch zu sich stehen können. Wenn man abends in den Spiegel schaut und das Bild nicht verschwommen ist, hat man schon viel erreicht. Eine Frage ist mir oft begegnet, die passt auch zur Jahreswende: Gibt es einen Traum, den Sie sich nie erfüllen können? Das wurde ich oft gefragt. Dazu kann ich nur sagen: Wer Träume hat, soll an sie glauben, sonst sind es keine Träume, sondern Bullshit. Gerade habe ich wieder geflucht…

Aber wie gesagt, Silvester ist ein Tag, an dem man sich vornimmt, grundsätzlich alles besser zu machen als im abgelaufenen Jahr. Nun, was soll ich sagen? 2013 hätte nicht besser sein können. Nicht aus privater Sicht und nicht aus sportlicher. Es ist ein Privileg, so was von sich behaupten zu können. Und man muss dankbar dafür sein. Denn auch wenn man nicht darüber redet, so weiß man sehr wohl, was in der Welt so alles geschieht und dass es vielen Menschen, milde ausgedrückt, nicht so gut geht.

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Über private Dinge rede ich nicht, da bin ich und bleibe auch stur. Ich fühle mich nun mal nicht als Superstar, der leben muss wie unterm Brennglas. An der Rennstrecke ja, aber nicht zu Hause. Bin ich Brad Pitt oder Bruce ­Willis oder Mick Jagger? ­Sicher nicht! Ich fühle mich als völlig normal. Ich dusche, putze die Zähne und schaue in den Spiegel, ob alles passt. Ob ich meine Haare style, hängt davon ab, wohin und zu wem ich gehe. Ich versuche immer, den direkten Draht zu meinen Fans zu haben. Nähe und direkte Kommunikation liebe ich. Twitter oder Facebook lehne ich entschieden ab. Solche Foren fühlen sich für mich kalt und unecht an. Ich will aber gar nicht mehr über mein Privatleben reden. Nur soviel: Es ist einfach nur schön, die richtige Frau an seiner Seite zu wissen. Es ist einfach nur schön, von den richtigen Eltern erzogen worden zu sein und in der richtigen Familie groß geworden zu sein. Es ist einfach nur schön, die richtigen Freunde zu haben, meine alten Freunde aus der Schule. Wann immer ich Zeit habe, versuche ich, etwas mit ihnen zu unternehmen. Da wird’s weder langweilig noch fühle ich mich einsam. Und es ist einfach nur schön, daheim zu entschleunigen. Und abends auch mal ein Glas zu trinken. Ich nenne das Seelensauna.

Es ist auch dringend notwendig und sehr wichtig, in der Winterpause abzuschalten, um so neue Kräfte zu sammeln und stark in die neue Saison zu starten. Denn eine Formel-1-Saison schlaucht total. Besonders aus mentaler Sicht. Am meisten Zeit verbringe ich im Winter deshalb mit Dingen, die über das Jahr liegengeblieben sind. Das entspannt mich.

Natürlich verbunden mit viel Sport. Denn von nichts kommt nichts. Im Winter verschaffe ich mir die Grundkondition, die ich über die Saison dann nur noch halten muss. Was nicht passieren darf: Wenn du glaubst, es geht alles von selbst und dass dir durch den vierten Weltmeistertitel in Folge Flügel wachsen können. Wer das glaubt, wird schnell zum Ikarus und der Absturz nur eine Frage der Zeit.

Man entwickelt sich immer weiter und das ist auch gut so. Früher hätte mir beispielsweise ein zweiter oder dritter Platz total gestunken. Das ist heute nicht mehr so. Wenn ich weiß, wir haben alles gegeben und das Maximum herausgeholt, dann ist das völlig okay! Dann muss man auch mal mit einem vierten, sechsten oder zehnten Platz zufrieden sein und diesen akzeptieren. Gab es Fehler, dann muss ich analysieren, warum es schief gelaufen ist, die Fehler verstehen, korrigieren, vermeiden.

Ansonsten kommt die Motivation von innen. Ich habe einen hohen Anspruch an mich. Ob man aber wirklich alles aus sich herausgeholt hat, entscheiden zum Glück manchmal auch andere. Das Gute an unserem Team ist, dass es bei uns Leute gibt, die dich schnell wieder aus deiner genügsamen Selbstzufriedenheit herausholen und entsprechend motivieren. Man kann auch sagen: aufwecken! Dazu will ich eine Geschichte erzählen. Es war beim letzten GP vor der Sommerpause in Ungarn. Ich war Zweiter im Training hinter Lewis Hamilton. Ich war mit mir und der Welt zufrieden, weil ich dachte: Mehr ging nicht an diesem Tag! Ich hatte mich gerade in meinem Fahrerraum umgezogen und stand in der Unterhose da, als die Tür aufging. Ohne vorher Anzuklopfen stand plötzlich Helmut Marko, unser Motorsportchef, vor mir. Ich schaute halb erstaunt und halb vergnügt, denn wie gesagt, ich war fast nackt. Helmut interessierte das aber nicht. Er kam gleich zur Sache und grummelte herum: „Wenn man in der entscheidenden Runde Kurve sechs nicht genauso schnell fährst wie im Umlauf davor, kriegt man halt keine Pole. Du hast die entscheidende Zehntelsekunde dort verschenkt!“ Danach ging er wieder. Am nächsten Tag wurde ich Dritter. Ich hatte einen schlechten Start, das Rennen war auf einer Piste, auf der man so gut wie nicht überholen kann, alles andere als einfach. Wieder dachte ich: Unter diesen Umständen kannst du mit dem dritten Platz zufrieden sein. Nach dem Rennen kam Helmut wieder zu mir: „Ich habe dir ja gesagt: Du hast im Qualifying das Rennen verloren.“ Was er meinte: Hätte ich Pole geholt, wäre ich auf der sauberen Seite gestartet, hätte ich Start und wahrscheinlich auch das Rennen gewonnen. „Danke für die kurze Zusammfassung des Wochenendes!“, sagte ich nur. Aber: Er hatte ja Recht. Ich muss aber mal eine Lanze für Helmut brechen. So rigoros und streng er auch manchmal erscheint – er ist auch der erste, der dir auf die Schulter klopft und der Tränen in den Augen hat, deine Mütze und T-Shirt trägt, wenn es dann mal was zu feiern gibt. Wie dem auch sei: Diese kleine Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie unser Team funktioniert. Niemand ruht sich auf den Erfolgen aus, und jeder versucht, jedes Rennen neu anzugehen, als hätte es die Erfolge vorher nie gegeben. Sollte es überhaupt ein Erfolgsgeheimnis geben, dann ist diese Einstellung jedenfalls eines davon. Didi Mateschitz lebt diese Einstellung vor: Bei allen Erfolgen ist er immer Mensch geblieben.

2014 wünsche ich sportlich nur Eines: Den Erfolg von 2013 zu wiederholen. Ich bin der Gejagte und es ist meine absolute Lieblingsposition, wenn alle hinter mir her sind. Aber noch mal: Der Weg nach oben ist leichter, als die Spitze zu verteidigen.

26 Fakten: Sebastian Vettel von A bis Z

26 Fakten: Sebastian Vettel von A bis Z

Sebastian Vettel
A wie Adrian Newey, Red-Bull-Technikguru und Konstrukteur der Weltmeisterautos © dpa
Sebastian Vettel
B wie Beatles, Sebastians Lieblingsgruppe © dpa
Sebastian Vettel
C wie Christian Horner, als Teamchef bei Red Bull Vettels Vorgesetzter © dpa
Sebastian Vettel
D wie Deutschland, Vettels Heimat © dpa
Sebastian Vettel
E wie Ehrgeiz, eine von Vettels herausragenden Eigenschaften: Er kann nicht verlieren, egal, wobei © dpa
Sebastian Vettel
F wie Fußball, womit Vettel schon als Kind aufgehört hat, weil er nicht gut genug war © dpa
Sebastian Vettel
G wie Geld, nicht so wichtig für Vettel, weshalb er lieber seine Ruhe genießt als noch mehr Werbeverträge abzuschließen © dpa
Sebastian Vettel
H wie Haare, blond und bares Geld wert - durch einen Werbevertrag mit einem Shampoo-Hersteller © dpa
Sebastian Vettel
I wie Indianapolis, der Ort von Vettels erstem Formel-1-Rennen, in dem er 2007 gleich als Achter einen WM-Punkt holte © dpa
Sebastian Vettel
J wie Jubelschreie, Vettels Ausbrüche am Boxenfunk nach gewonnenen Rennen sind fast schon legendär © dpa
Sebastian Vettel
K wie Kinky Kylie, Kosename für Vettels ehemaliges Rennauto © dpa
Sebastian Vettel
L wie Lächeln, mit dem der Weltmeister viele - vor allem weibliche - Fans fasziniert © dpa
Sebastian Vettel
M wie Monza, Ort von Vettels Durchbruch. Dort fuhr er 2008 im Toro Rosso als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte auf die Pole Position und gewann ein Rennen © dpa
Sebastian Vettel
N wie Norbert, Vettels Vater, der die Karriere seines Sohnes von Beginn an unterstützt hat © dpa
Sebastian Vettel
O wie Otto Waalkes, der in der Bild-Zeitung ein Gedicht widmete © dpa
Sebastian Vettel
P wie Perfektion, ein Status, den Vettel immer anstrebt © dpa
Sebastian Vettel
Q wie Qualifikation, Vettels Domäne © dpa
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R wie Red Bull, Vettels Förderer schon seit Kartzeiten © dpa
Sebastian Vettel
S wie Suzuka, die Strecke, auf der er in drei Jahren zwei Rennen und einen WM-Titel gewann © dpa
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T wie Tommi Parmakoski, Vettels finnischer Fitnesstrainer und Physiotherapeut, mit dem er übers Jahr gesehen die meiste Zeit verbringt © dpa
Sebastian Vettel
U wie unermüdlich, Vettel ist abends meist der Letzte im Fahrerlager, diskutiert lange mit seinen Ingenieuren © dpa
Sebastian Vettel
V wie Vettel-Finger, sein Markenzeichen, und als blaue Schaumstoffversion Standardausrüstung eines echten Vettel-Fans © dpa
Sebastian Vettel
W wie Wille, mit dem Vettel im vorigen Jahr in letzter Minute doch noch seinen ersten Titel geholt hatte © dpa
Sebastian Vettel
X wie x-beliebig, genau das, was Vettel nicht ist © dpa
Sebastian Vettel
Y wie youngest, englisch, steht für Vettels Rekorde, die er als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte holte © dpa
Z wie Ziel, für Vettel immer gleich: beim nächsten Rennen das Optimum herausholen © dpa

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