Bundestrainer sieht keine EM-Nachwehen

Löw: „Verhältnis zu den Fans ist intakt“

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Bundestrainer Joachim Löw

Berlin - Joachim Löw sieht das Verhältnis zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der großen Anhängerschar trotz des bitteren EM-Ausscheidens gegen Italien nicht weiter belastet.

Joachim Löw will nicht länger zurückblicken. Die EM und das bittere Halbfinal-Aus sind „intern ausgewertet“, erklärte der wieder lockerer wirkende Bundestrainer am Sonntag. Und im Verhältnis zwischen der deutschen Nationalmannschaft und der großen Anhängerschar gebe es keine Risse oder EM-Nachwehen. „Die Enttäuschung war riesengroß nach dem EM-Aus, nach dem Spiel gegen Italien. Aber grundsätzlich wissen unsere Fans, dass es keine Titelgarantien gibt“, sagte Löw vor dem neuen Anlauf, der in dieser Woche mit dem ersten WM-Qualifikationsspiel in Hannover gegen den Fußball-Zwerg Färöer Inseln beginnt.

„Das Verhältnis ist intakt, das hat das Spiel gegen Argentinien gezeigt. Obwohl wir nicht gewonnen haben, gab es viel Applaus und keine Pfiffe“, bemerkte Löw in einer Gesprächsrunde. Der DFB-Chefcoach hatte nach dem Italien-Spiel die Kritik an seinem Matchplan gegen die Azzurri im verlorenen EM-Halbfinale spät und zögerlich, aber „mit aller Demut“ angenommen. Ab sofort will er den Blick nur noch nach vorn richten. Mit den Partien am Freitag gegen die Färöer und vier Tage später in Wien gegen Österreich beginnt für Löw ein neues Kapitel.

„Es ist in der Vergangenheit viel geredet worden, klar. Jetzt können wir mit diesen Spielen wieder zeigen, wozu wir auch imstande sind. Ich denke aber nicht, dass wir uns viel Kredit zurückholen müssen, in so einem Spiel gegen die Färöer“, sagte er. „Wir gehen als Favorit in die Gruppe, das ist auch klar. Wir sind bestrebt, die beiden Spiele zu gewinnen“, gab Löw als klares Ziel für den Start der WM-Ausscheidung aus.

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa

„Es ist immer so: Man kommt vom Turnier zurück und dann geht es schnell wieder los. Es ist ein langer Weg bis zur WM. Man muss sofort sehr gut starten in der Qualifikation“, ergänzte Kapitän Philipp Lahm, der wie sein Münchner Clubkollege Manuel Neuer sowie die London-Legionäre Lukas Podolski und Per Mertesacker nach einer Pause gegen Argentinien in den Kader zurückgekehrt ist.

Auf den lange von Verletzungen zurückgeworfenen Vizekapitän Bastian Schweinsteiger verzichtet Löw noch. Er soll in der Länderspielwoche in München weiter an seiner Fitness arbeiten. Bayern-Angreifer Mario Gomez oder der Dortmunder Defensiv-Spezialist Sven Bender fehlen nach Operationen. An der Sportschule Barsinghausen bei Hannover, wo sich die 22 eingeladenen Spieler am Montagabend versammeln, will Löw die WM-Endrunde in Brasilien als Traumziel eines jeden Fußballers in den Mittelpunkt rücken.

Vor dem 1:3 im Test gegen Messi und Co. zum Saisonauftakt im August war Löw spürbar gereizt noch mit einer langen Brandrede auf das Ausscheiden in Polen und der Ukraine eingegangen. Jetzt schürt der 52-Jährige eine neue Aufbruchstimmung: „Für alle von uns, Spieler und Trainer, ist es eine große Motivation, so ein Projekt wie die WM in Angriff zu nehmen.“ Für Löw ist es nach sechs Jahren als Bundestrainer, einem zweiten Platz bei der EM 2008 sowie dritten Plätzen bei der WM 2010 und der EURO 2012 die wahrscheinlich letzte Chance auf den ganz großen Coup - den Titel.

Woran er mit seinem Team in den kommenden Wochen und Monaten arbeiten muss, um auch den letzten Schritt schaffen zu können, sei klar, meine Löw. „Wir haben einige Punkte herausgearbeitet, wo führt der Weg hin, was wollen wir in den kommenden Monaten erreichen. Den roten Faden werden wir beibehalten, weil wir davon überzeugt sind. Aber sicherlich mit einer gewissen Flexibilität und Anpassung.“ Den Gegner noch zeitiger attackieren und aus dem Rhythmus bringen, dazu die eigenen Offensivaktionen „mit noch mehr Konsequenz und Seriosität“ zu Ende bringen, sind Löws zentrale Punkte.

dpa

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