Fall Timoschenko: Niersbach lehnt Boykott ab

Köln - DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hofft auf ein Umdenken der ukrainischen Regierung im Umgang mit der inhaftierten Oppositionellen Julia Timoschenko, lehnt aber einen sportlichen Boykott kategorisch ab.

„Wir appellieren als Sportverband. Es wäre ein Zeichen der Humanität, wenn Timoschenko zur Behandlung nach Deutschland kommen darf“, sagte der 61-Jährige am Mittwoch in Köln: „Wir setzen darauf, dass Präsident Wiktor Janukowitsch sich bewegt.“

Ein sportlicher Boykott ist jedoch weiterhin kein Thema für den Deutschen Fußball-Bund. „Man sollte den Sport nicht überhöhen. Unsere Position ist klar, aber diese Dinge müssen auf politischer Ebene gelöst werden“, sagte Niersbach. Der Fußball habe in diesem Zusammenhang bereits viel bewirkt, da gerade durch die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) „dieses Thema ein Thema für die Weltöffentlichkeit geworden“ sei.

Auf keinen Fall wird es einen Verhaltenskodex für die Nationalspieler geben, bekräftigte Niersbach am Mittwochabend in Frankfurt noch einmal. Die Profis dürfen sich frei äußern. „Das ist jedem Einzelnen selbst überlassen. Das sind alles junge und intelligente Kerle, die sich dafür interessieren, was in der Welt passiert. Sie sind durch uns informiert und können sich ihre eigene Meinung bilden“, sagte der DFB-Präsident.

Deutsche Politiker hatten in den letzten Tagen wiederholt einen politischen Boykott ins Gespräch gebracht. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll ebenfalls bereits einen Reiseverzicht von Mitgliedern des Bundeskabinetts in Erwägung ziehen. Dies hatte der Spiegel berichtet. Niersbach hatte sich auf der Homepage des Verbandes solidarisch mit der Einstellung der Bundesregierung gezeigt.

Unsere EM-Gegner: Es warten Robben, Ronaldo und Kvist

Unsere EM-Gegner: Es warten Robben, Ronaldo und Kvist

Das wird eine harte Gruppe: Bei der EM-Vorrunde 2012 warten auf uns (von links) Arjen Robben, Christiano Ronaldo und William Kvist. Wir stellen Deutschlands EM-Gegner Holland, Portugal und Dänemark vor. © Getty
DÄNEMARK: “Danish Dynamite“ war für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei großen Turnieren in der Vergangenheit ein rotes Tuch. Bei einer Europameisterschaft schlüpfte Dänemark schon einmal in die Rolle des Spielverderbers für den Deutschen Fußball-Bund (DFB). © Getty
Knapp 20 Jahre vor dem Beginn der nächstjährigen EM-Endrunde in Polen und der Ukraine gewann der kleine Nachbarstaat gegen Deutschland das EM-Finale von 1992 mit 2:0 und wurde in Göteborg überraschend Europameister. © Getty
Auch bei der WM 1986 in Mexiko waren die Dänen in der Vorrunde zu stark und besiegten Deutschland mit dem selben Ergebnis. © Getty
Der bislang letzte Sieg gegen Dänemark liegt bereits über 15 Jahre zurück. Die aktuelle dänische Fußball-Generation qualifizierte sich unter Ex-Bundesligaspieler und -trainer Morten Olsen souverän vor Cristiano Ronaldos Portugiesen für die EM. © Getty
Der Europameister von 1992 und Weltranglisten-Elfte nimmt zum achten Mal an einer EM-Endrunde teil. Zwar war Dänemark zudem bereits 1964 in der K.o.-Runde vertreten, damals gab es aber noch kein Finalturnier. © Getty
Als Star des Teams gilt der derzeit vom FC Arsenal an den FC Sunderland ausgeliehene Nicklas Bendtner. Der erst 23 Jahre alte Stürmer schoss in bislang 45 Länderspielen 17 Tore. Der 62-jährige Olsen hat Erfolg mit seiner Team-Verjüngung, zum Lohn wurde sein Vertrag jüngst bis zur WM 2014 verlängert. © Getty
Nach dem Rücktritt des früheren Stuttgarters Jon Dahl Tomasson im vergangenen Jahr sind nur noch Dennis Rommedahl (33/Bröndby IF), der Ex-Schalker Christian Poulsen (33/Thonon Gaillard, Foto)) und Torhüter Thomas Sørensen (35/Stoke City) als Routiniers verblieben. © Getty
Neben Bendtner genießt der erst 19 Jahre alte Christian Eriksen von Ajax Amsterdam den Ruf als großes Talent. © Getty
Aus der Bundesliga gehören Bo Svensson (Mainz) und William Kvist (Stuttgart) zum Kader. © Getty
Zudem ist der von Wolfsburg an den AS Rom verliehene Simon Kjær wichtige Abwehrstütze. © Getty
PORTUGAL: Jahrelang mischte die portugiesische Auswahl ganz vorn mit in Fußball-Europa, inzwischen sind Cristiano Ronaldo & Co. eher in die Kategorie “Geheimfavoriten“ abgerutscht. © Getty
Erst in den Playoffs qualifizierte sich das von den Einzelkönnern her bestens besetzte Starensemble für die EM 2012, nachdem Portugal zuvor in seiner Gruppe nur Zweiter hinter Dänemark geworden war. © Getty
Erst ein 6:2 im Relegations-Rückspiel gegen Bosnien-Herzegowina besänftigte die Anhänger für das 0:0 aus dem Hinspiel und viele weitere enttäuschende Vorstellungen in jüngerer Vergangenheit. © Getty
Der vor knapp einem Jahr zum Nationaltrainer berufene Paulo Bento verhinderte so zumindest das EM-Fiasko und führte die Auswahl des ärmsten Landes Westeuropas nach erheblichen Startschwierigkeiten noch nach Polen und in die Ukraine. © Getty
Der 42 Jahre alte Ex-Nationalspieler kam damals für seinen entlassenen Vorgänger Carlos Queiroz - und muss die EM angesichts eines auslaufenden Vertrages auch als eigene Bühne nutzen. Unumstritten ist Bento in seiner Heimat nämlich keineswegs. © Getty
Kapitän und Weltstar Cristiano Ronaldo (Real Madrid)... © Getty
...sowie der technisch äußerst versierte ManUnited-Profi Nani werden im Sommer ganz besonders im Fokus stehen. Im Zusammenspiel sollen sie die “Selecção“ bei der sechsten EM-Teilnahme zumindest bis in die K.o.-Phase führen. © Getty
Die portugiesische EM-Bilanz ist durchaus sehenswert: Vor sieben Jahren wurden Ronaldo & Co. beim Turnier im eigenen Land Zweiter - nur die unglückliche 0:1-Pleite im Finale gegen den Underdog Griechenland schmerzt bis heute. © Getty
1984 und 2000 zog die portugiesische Nationalelf jeweils ins EM-Halbfinale ein. 2008 (Foto) kam das Aus im Viertelfinale ausgerechnet gegen Deutschland (2:3). © Getty
Auch jetzt mangelt es zumindest nicht an nach außen getragenem Optimismus. “Die Portugiesen dürfen träumen“, versprach Paulo Bento nach der geschafften EM-Qualifikation. © Getty
Rekordnationalspieler Luis Figo, der bis zur WM 2006 noch zum Stamm der Auswahl gehörte, tönte gar etwas voreilig: “Portugal kann die EM gewinnen!“ © Getty
HOLLAND: Das Fußball-Jahr 2011 endete für die Niederlande mit dem 0:3 in Deutschland düster, doch bei der EM in Polen und der Ukraine wollen die “Oranje“-Stars in sechs Monaten wieder im hellen Glanz erscheinen. © Getty
Nach Platz zwei bei der Weltmeisterschaft in Südafrika im vergangenen Jahr (Foto) gibt es für das Team von Bondscoach Bert van Marwijk 2012 nur ein Ziel: den EM-Titel. © Getty
Wesley Sneijder rechts), Arjen Robben (mitte), Robin van Persie (links), Klaas Jan Huntelaar - das Offensivpotenzial der Holländer ist nach wie vor gigantisch. Mit einem Torverhältnis von 37:8 schloss der Europameister von 1988 die Qualifikation für die EM im kommenden Jahr ab. © Getty
Erst im letzten, bereits bedeutungslosen Duell in Schweden gab es mit 2:3 die einzige Niederlage nach zuvor neun Siegen. © Getty
Van Marwijk hat es geschafft, den fußballerisch schon immer brillanten Niederländern auch eine nüchterne Spielweise zu verpassen. © Getty
Starben die Kicker aus Deutschlands Nachbarland in der Vergangenheit auf dem Platz oft in Schönheit, kombinieren sie nun technische Raffinesse mit pragmatischem Realismus. © Getty
Besonders bemerkenswert: Die niederländische Öffentlichkeit, die über nichts heißer diskutieren kann als über Fußball, hat den Strategiewechsel klaglos hingenommen. © Getty
Der Erfolg heiligt eben auch im Land von “Voetbal totaal“ die Mittel. Zumal auch das “neue Holland“ immer noch schön anzuschauen ist. © Getty
Gleich ein halbes Dutzend Bundesliga-Profis darf sich Hoffnungen auf das EM-Ticket machen. Van Marwijk betet inständig, dass Dauerpatient Robben bis zum EM-Start seine Verletzungen auskuriert hat. © Getty
Doch wenn Robben fit ist, droht mit Huntelaar einem anderen Deutschland-Legionär die Bank. Und das, obwohl der Schalker mit zwölf Treffern erfolgreichster Torschütze der gesamten Qualifikation war. © Getty
An Arsenals Tormaschine van Persie (links) dürfte Huntelaar dennoch nicht vorbeikommen. Nur ein Beispiel für van Marwijks Möglichkeiten. © Getty

Die frühere Regierungschefin Timoschenko, die an Bandscheibenproblemen leidet, verbüßt eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Die Europäische Union kritisiert ihre Haft als politisch motiviert. Aus Protest gegen ihre Haftbedingungen befindet sich Timoschenko im Hungerstreik.

Mitglieder der österreichischen Regierung werden derweil auf einen Besuch von EM-Spielen in der Ukraine verzichten. Dies kündigte am Mittwoch der Ministerrat an. Das Nachbarland will mit dieser Vorgehensweise ein Zeichen setzen und gegen die Behandlung von Timoschenko protestieren.

Der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) will indes trotz des Umgangs mit Timoschenko durch die ukrainischen Behörden nicht auf ein geplantes Länderspiel gegen EM-Gastgeber Ukraine am 1. Juni in Innsbruck verzichten. Das erklärte ÖFB-Präsident Leo Windtner am Mittwoch.

Heiße Reporterinnen: Da bleibt keine Frage offen

„Eine politisch motivierte Absage ist aus sportlichen Gründen nicht sinnvoll und wäre auch ein denkbar schlechtes Signal an die Europäische Fußball-Union“, sagte Windtner: „Das Länderspiel ist ein sportliches Ereignis der beiden Verbände. Hierbei steht der Sport klar im Vordergrund, nicht die Politik.“ Der ÖFB behält sich allerdings vor, seine Entscheidung zu überdenken, wenn die UEFA dies fordere.

Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder, hat derweil eine Staatenklage gegen die Ukraine vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angeregt. Deutschland solle gemeinsam mit seinen EU-Partnern einen solchen Schritt prüfen, forderte Mißfelder am Mittwoch. Sowohl der Prozess gegen Timoschenko, als auch ihre Behandlung in der Haft würden die europäische Menschenrechtskonvention verletzten.

Der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Joachim Günther sprach sich ebenfalls gegen Boykottmaßnahmen aus: „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das Boykottieren von sportlichen Ereignissen politisch kaum Auswirkungen hat. Wenn der Sport seine Bedeutung und seine Ausstrahlungskraft als völkerverbindendes Element behalten soll, muss die politische Neutralität gewahrt bleiben.“

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