Deutschland auf der Suche nach der Perfektion

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Thomas Müller zeigt Respekt vor dem Gegner aus Österreich.

Düsseldorf - Deutschland fehlt gegen Österreich nur noch ein Punkt, um sich für die EM zu qualifizieren. Doch Bundestrainer Joachim Löw will mehr und hat vor allem im Mittelfeld Luxusprobleme.

Das Ziel von Joachim Löw für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heißt Perfektion. Als nächsten Schritt fordert der Bundestrainer die sportliche Qualifikation als erstes Team des Kontinents für die Europameisterschaft 2012 mit einem Sieg gegen Österreich am Freitag (Anstoß 20.45 Uhr/live im ZDF) in Gelsenkirchen. “Wir haben die Chance, uns definitiv für die EM zu qualifizieren. Wir gehen davon aus, dass wir den Sieg, den wir noch brauchen, schaffen“, sagte Löw.

Die Eckdaten der Bundestrainer-Ära Jogi Löw

30.07.2004: Zum 40. Geburtstag schenkt der DFB Bundestrainer Jürgen Klinsmann die Verpflichtung seines Favoriten Joachim Löw als Co-Trainer. Die “Schwaben-Connection“ ist perfekt. “Er ist für mich alles andere als ein Hütchenaufsteller“, sagt Klinsmann über Löw. © Getty
12.07.2006: Nach dem Rücktritt des “ausgebrannten“ Klinsmann wird Löw zum Chef der Nationalelf befördert. Der 46-Jährige bekommt einen Zweijahresvertrag und sagt: “Wir wollen Europameister 2008 werden.“ © Getty
16.08.2006: Löws Bundestrainer-Premiere wird in Gelsenkirchen zum rauschenden Fest - 3:0-Sieg beim Test gegen Schweden. © Getty
06.09.2006: Der höchste Sieg in der Amtszeit von Löw: 13:0 gegen Fußball-Zwerg San Marino vor nur 5019 Zuschauern in Serravalle. © Getty
28.03.2007: Erste, unbedeutende Niederlage im 9. Spiel: 0:1 gegen Dänemark beim Debütanten-Ball mit sechs DFB-Neulingen in Duisburg. © Getty
13.10.2007: Schon im viertletzten Qualifikationsspiel löst Löw mit einem 0:0 in Irland das Ticket für die EM 2008. © Getty
16.05.2008: Bei der Nominierung des EM-Kaders auf der Zugspitze sorgt Löw für Paukenschläge. Er bootet im Tor Timo Hildebrand aus, holt dafür René Adler und beruft 26 Akteure. Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes schickt er nach der Vorbereitung nach Hause. © Getty
16.06.2008: Beim 1:0 im Vorrunden-Finale gegen Österreich wird Löw auf die Tribüne verwiesen. Ballacks Freistoß-Tor bejubelt er dort. © Getty
29.06.2008: Geplatzter Titeltraum. Spanien gewinnt durch ein Tor von Torres das EM-Finale in Wien mit 1:0. “Man muss die Qualität der Spanier anerkennen“, erklärt Löw als fairer Verlierer. © Getty
08.08.2009: Löw startet den Umbruch. 40 Tage nach dem verlorenen EM-Finale beendet Torhüter Jens Lehmann seine Länderspiel-Karriere. © Getty
11.10.2008: Deutschland siegt 2:1 im WM-Quali-Gipfel gegen Russland. Reservist Kevin Kuranyi flüchtet zur Halbzeit aus dem Stadion in Dortmund. Am Tag danach verbannt Löw den Schalker aus dem DFB-Team. © Getty
31.10.2008: Löw und Ballack schließen nach einem Streit Frieden. Der Kapitän hatte den Führungsstil des Bundestrainers kritisiert und sich für seinen Kumpel Frings stark gemacht. “Dafür habe ich mich bei Joachim Löw entschuldigt“, sagt Ballack. Der Kapitän darf bleiben. © Getty
10.10.2009: Trotz Platzverweis für Debütant Jérome Boateng gewinnt die DFB-Elf das “Endspiel“ in Moskau gegen Russland dank Klose 1:0. Das WM-Ticket ist gelöst, Löw lobt das “Sieger-Gen“ der Spieler. © Getty
10.11.2009: Der Selbstmord von Torhüter Robert Enke versetzt die Nationalelf in einen Schockzustand. Das geplante Länderspiel gegen Chile in Köln wird abgesagt. “Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können“, sagt Löw nach Tagen der Trauer. © Getty
17.12.2009: Auf einer Israel-Reise verkündet DFB-Chef Zwanziger einen Handschlag-Vertrag mit Löw bis zur Europameisterschaft 2012 - selbst der Bundestrainer wird davon überrascht. © Getty
04.02.2010: Der Handschlag-Vertrag ist null und nichtig. Der DFB lehnt Löws und Bierhoffs Forderungen ab. Es kommt zum Zerwürfnis. © Getty
09.02.2010: Eiszeit beendet - in Frankfurt schließen Löw, Zwanziger & Co. WM-Frieden. “Was sind wir Hornochsen“, sagt Generalsekretär Wolfgang Niersbach nach dem schädlichen öffentlichen Streit. © Getty
06.05.2010: Löw beruft 27 Akteure in den vorläufigen WM-Kader und überrascht mit den beiden Länderspiel-Neulingen Badstuber und Aogo. Als dritter Torwart darf nach Adlers Verletzung Jörg Butt mit. © Getty
17.05.2010: Das Ballack-Aus für die WM. “Wir waren geschockt, keine Frage“, sagt Löw. Der Kapitän fällt wegen einer Fußverletzung aus. © Getty
28.05.2010: Löw ernennt Philipp Lahm zum WM-Kapitän und Manuel Neuer zur Nummer 1. Tim Wiese ist der Verlierer im Torhüter-Duell. © Getty
13.06.2010: 4:0 - ein WM-Traumstart gegen Australien. Es folgen ein 0:1 gegen Serbien und ein 1:0 gegen Ghana. Dann die Höhepunkte: Im Achtelfinale 4:1 gegen England, danach 4:0 gegen Argentinien. © Getty
07.07.2010: Löw ist “traurig und enttäuscht“. Wieder ein 0:1 gegen Spanien, im Halbfinale platzt der Traum vom 4. deutschen WM-Titel. © Getty
10.07.2010: Bronzenes Ende: 3:2 im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay. © Getty
20.07.2010: Neun Tage nach dem WM-Abpfiff verlängern Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwart-Coach Köpke ihre Verträge. © Getty
03.09.2010: Mit einem 1:0-Sieg in Belgien gelingt der Start in die Qualifikation für die EM 2012. Es folgen drei weitere Siege gegen Aserbaidschan (6:1), Türkei (3:0) und in Kasachstan (3:0). Damit liegt Deutschland als Tabellenführer klar auf EM-Kurs. © Getty
15.03.2011: Der DFB verlängert vorzeitig die Verträge mit Cheftrainer Löw, Manager Bierhoff, Co-Trainer Flick und Torwartcoach Köpke vorzeitig um zwei Jahre bis zur WM 2014 in Brasilien. © Getty
11.10.2011: Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich unter Bundestrainer Jogi Löw mit zehn Siegen in zehn Spielen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine. So etwas hatte zuvor noch kein deutsches Team geschafft. © dpa

Der achte Sieg im achten Spiel des Ausscheidungsrennens zum Kontinental-Turnier (8. Juni bis 1. Juli), für das bisher nur die Gastgeber Polen und Ukraine als Teilnehmer feststehen, soll aber nur eine Etappe zu einem Rekord darstellen. Werden im Oktober in Istanbul auch die Türkei und anschließend in Düsseldorf noch Belgien bezwungen, würde das junge Team in der glänzenden Serie von EM-Qualifikationen seit 1972 ein neues Highlight setzen. “Wir wollen alle Qualifikationsspiele gewinnen, das hat es so noch nie gegeben“, erklärte Kapitän Philipp Lahm. “Wir werden auch den Österreichern klar machen, dass für sie bei uns nichts zu holen ist.“

Österreich mit sechs Bundesliga-Profis

Nach dem 2:1 im Hinspiel am 3. Juni in Wien, bei dem der diesmal wegen einer Verletzung fehlende Mario Gomez für die DFB-Auswahl zwei Tore erzielte, geht es für die Österreicher um die allerletzte Möglichkeit, sich als Gruppenzweiter noch an der Türkei und Belgien vorzuschieben und über die Playoff-Partien die EM-Teilnahme zu sichern. “Das ist ein anspruchsvoller Gegner, er wird heiß sein, noch auf den EM-Zug zu springen“, sagte Thomas Müller. Neben David Alaba, seinem Teamkollegen vom FC Bayern, stehen in Christian Fuchs (Schalke), Emanuel Pogatetz (Hannover), Julian Baumgartlinger (Mainz), Marko Arnautovic (Bremen), Martin Harnik (Stuttgart) und Erwin Hoffer (Frankfurt) sechs weitere in Deutschland tätige Profis im Austria-Team. “Die Mannschaft hat sich sehr gut entwickelt. Es ist auffällig, dass sie gegen gute Gegner gut spielt, gegen schwächere aber Schwierigkeiten hat“, sagte Löw.

Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten

Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Uwe Seeler, Debüt am 16.10.1954 mit 17 Jahren und 11 Monaten, gegen Frankreich (1:3), insgesamt 72 Länderspiele © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Mario Götze, Debüt am 17.11.2010 mit 18 Jahren und 5 Monaten gegen Schweden (0:0). Noch aktiv. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Olaf Thon am 16.12.1984 mit 18 Jahren und sieben Monaten gegen Malta (3:2), insgesamt 52 Länderspiele. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Lukas Podolski am 06.06.2004 mit 19 Jahren gegen Ungarn (0:2). Noch aktiv. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Karl-Heinz Schnellinger am 02.04.1958 mit 19 Jahren gegen die CSSR (2:3), insgesamt 47 Länderspiele. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Helmut Haller am 24.09.1958 mit 19 Jahren und zwei Monaten gegen Dänemark (1:1), insgesamt 33 Länderspiele. Vier Jahre zuvor gab Klaus Stürmer am 16.10.1954 mit 19 Jahren und zwei Monaten sein Debüt gegen Frankreich (1:3), insgesamt zwei Länderspiele - hier die WM-Elf von 1954 aus dem gleichen Jahr. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Lothar Matthäus am 14.06.1980 mit 19 Jahren und zwei Monaten gegen die Niederlande (3:2), insgesamt 150 Länderspiele  © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Marko Marin am 27.05.2008 mit 19 Jahren und zwei Monaten gegen Weißrussland (2:2), noch aktiv. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Ludwig Kögl am 15.06.1985 mit 19 Jahren und drei Monaten gegen Mexiko (0:2), insgesamt zwei Länderspiele (Kögl ist hier bei einem Altstars-Spiel zwischen dem FC Bayern und Real Madrid zu sehen). © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Bernd Schuster, Debüt am 22.05.1979 mit 19 Jahren und fünf Monaten gegen Irland (3:1), insgesamt 21 Länderspiele. © dpa
Teenager in der DFB-Elf: Die jüngsten Debütanten
Karlheinz Förster, Debüt am 05.04.1978 mit 19 Jahren und acht Monaten gegen Brasilien (0:1), insgesamt 81 Länderspiele. © dpa

Beim Training in der Esprit-Arena in Düsseldorf testete der Chefcoach die personellen Varianten, auf die er sich im Gegensatz zum 3:2-Erfolg gegen Brasilien am 10. August einlassen muss. Da Mesut Özil, der wieder dabei ist, in die Startelf zu integrieren ist, lautet Löws Problemstellung für das Mittelfeld: Soll der Dortmunder Mario Götze in der Basisformation bleiben, auch wenn mit dem Real-Madrid-Profi ein ähnlich veranlagter Spieler spielen wird? “Die Möglichkeit besteht, das ist klar. Götze war gegen Brasilien überragend, aber auch Kroos war gut. Man muss sehen, wie es zu lösen ist“, sagte Löw.

Im Training erprobt er die reizvolle Variante, die Lukas Podolski den Job in der Startelf kosten. “Zuletzt hat Lukas nicht immer seine Qualitäten abgerufen“, sagte Löw. Nachdem der Kölner zuletzt nach einer Krankheit beim 1. FC Köln nicht richtig fit war, könnte Löw einen Grund finden, ihn zu schonen und dann beim anschließenden Testspiel am Dienstag in Danzig gegen sein Geburtsland Polen wieder einsetzen. Für Miroslav Klose, der ebenfalls in Polen geboren wurde, bieten nach dem Ausfall von Gomez beide Länderspiele die Chance, in der “ewigen“ Torschützenliste des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit derzeit 61 Treffern den Abstand auf Legende Gerd Müller (68) zu reduzieren.

Hummels oder Badstuber?

Ein weiteres Problem plagt Löw in der Innenverteidigung. Per Mertesacker, der mit dem Transfer von Bremen zum FC Arsenal als vierter Nationalspieler innerhalb eines Jahres nach Özil, Sami Khedira (Real Madrid) und Klose (Lazio Rom) ins Ausland wechselt, drängt nach halbjähriger Abwesenheit wieder in die Rolle des Abwehrchefs. Der Dortmunder Mats Hummels war zuletzt im Begriff, sich als defensive Führungsfigur zu profilieren. Entweder Hummels oder der Münchner Holger Badstuber müssten für Mertesacker weichen. “Er hat immer gut gespielt in der Nationalmannschaft“, sagte Löw über den 27-jährigen Mertesacker, der aber für die Verhandlungen in London über seinen Wechsel eine Trainingseinheit verpasste.

Zwischen den Übungseinheiten führten Löw und Teammanager Oliver Bierhoff die letzte Gespräche zum Fall von Lahm und dessen Buchveröffentlichung. Die Mitglieder des Spielerrats wurden einzeln informiert und angehört. Die Kuh ist vom Eis, das die Teamleitung nervende Thema abgeschlossen. “Es ist abgehakt“, teilte Bierhoff mit. “Es ist wichtig, dass wir uns wieder auf den Fußball konzentrieren“, erklärte Löw.

Mit besonderen Emotionen wird das Duell gegen die Österreicher für Manuel Neuer verbunden sein. Erstmals läuft der gebürtige Gelsenkirchener als Torwart von Bayern München in der Schalker Arena auf. Dass ihm Schalke-Fans im Publikum seinen Wechsel verübeln könnten, schließt Neuer aus. “Ich weiß nicht genau, was mich erwartet. Aber ich glaube, dass deutsche Fans nicht gegen Spieler im deutschen Trikot pfeifen.“

dapd

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