Frust bei Ballack - Referee Chelseas Sündenbock

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Nicht mehr zu bremsen: Michael Ballack macht seinem Frust nach dem nicht gegebenen Elfmeter in der nachspielzeit bei Schiedsrichter Tom Henning Övrebö luft - und sieht die gelbe Karte.

London/Barcelona - Wie eine Furie sprintete Michael Ballack hinter Tom Henning Övrebö her, als wolle er dem Schiedsrichter aus Norwegen an den Kragen gehen. Didier Drogba stürmte in Badelatschen aufs Spielfeld und musste von Ordnern zurückgehalten werden.

Dennoch baute sich der Stürmerstar von der Elfenbeinküste drohend vor den Fernsehkameras auf und brüllte: "Habt Ihr das gesehen? Es ist eine verdammte Schande." Nach dem Last-Minute-K.o. im Halbfinale der Champions League gegen den FC Barcelona lagen beim FC Chelsea die Nerven blank. Während die Katalanen nach dem Last-Minute-Tor von Andres Iniesta zum 1:1 (90.+3) am 27. Mai in Rom Manchester United zum Kampf um Europas Fußball-Krone fordern, bleiben die "Blues" und der Kapitän der Nationalmannschaft auch in diesem Jahr titellos.

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"Ich weiß nicht, ob es Betrug war - ich hoffe nicht!", giftete Ballack, der Övrebö nach einem ausgebliebenen Elfmeterpfiff in der fünften Minute der Nachspielzeit wutentbrannt über das halbe Feld gefolgt war und dafür Gelb sah. "Im Fußball passieren Fehler - aber der Schiedsrichter hat heute eine Menge davon gemacht", urteilte der DFB-Kapitän, der während des Spiels 12,06 Kilometer und damit so viele wie kein anderer zurückgelegt hatte, mit etwas Abstand. Den Traum, irgendwann die Königsklasse zu gewinnen, hat er indes nicht aufgegeben: "Ich spiele in einer super Mannschaft, da ist die Chance relativ hoch jedes Jahr, ins Finale zu kommen. Ich hoffe, dass da in den nächsten ein, zwar Jahren noch etwas möglich ist."

Gleich viermal forderte Chelsea Elfmeter, darunter bei zwei Handspielen von Gerard Piqué und Samuel Eto'o. Doch Övrebö winkte stets ab. Dafür stellte er 25 Minuten vor Schluss Barca-Verteidiger Eric Abidal wegen einer vermeintlichen Notbremse gegen Nicolas Anelka vom Platz. Dabei war der Franzose selbst ins Straucheln geraten. Bis Sekunden vor Schluss sah Chelsea dank Michael Essiens Glücksschuss (9.) wie der Sieger aus, dann nahm Iniesta Maß. "Ich verstehe die Emotionen völlig", sagte Interimscoach Guus Hiddink.

"Wenn Du in der 94. Minute ausscheidest, dann ist das eine riesige Enttäuschung", gestand Ballack. Seine Mannschaft hätte in der zweiten Halbzeit mit einem weiteren Tor "den Sack zumachen sollen - ja müssen. Wir sind auch enttäuscht, dass wir es nicht selbst gepackt haben." Englands Sportpresse schoss sich derweil auf den Referee ein. Die "Daily Mail" sprach von "Betrug", der "Daily Express" von "Unrecht". "Herzzerreißend", schrieb das Boulevardblatt "The Sun", tadelte aber wie die "Times" auch Drogbas Verhalten ("Mad Drog").

Barcelona-Coach Josep Guardiola äußerte Verständnis für Chelseas Enttäuschung, sah seine Elf aber als würdigen Finalisten. "Wir sind verdientermaßen ins Finale eingezogen. Ich habe meinen Spielern zur Halbzeit gesagt: Wer nicht mehr an unseren Erfolg glaubt, soll in der Kabine bleiben." Und "Barca"-Star Lionel Messi freute sich nach dem langen Zittern schon auf das Duell in der italienischen Hauptstadt: "Nun stehen die beiden besten Mannschaften der Welt im Endspiel."

Während in Barcelona bis tief in die Nacht zehntausende Fans auf den Straßen feierten, war für die Zeitung "El País" das späte 1:1 auch ein Resultat höherer Gerechtigkeit: "Der Fußball meint es zuweilen gut mit den Mannschaften, die einen schönen Stil praktizieren, und kann mit den ruchlosen Teams sehr gemein umgehen." Laut "Marca" sorgten "Super-Iniesta und der Schiedsrichter" für den Final-Einzug: "Iniestas Tor war ein Glückstreffer. Aber kein anderes Team hat das Glück so verdient wie der FC Barcelona." Und "As" jubelte: "Iniesta beweist, dass Wunder möglich sind."

Von Henning Hoff, dpa

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