West-Präsident Günter Eichinger berichtete im Rahmen der "Brucker Zeitgespräche" wie Integration bei dem kleinen Sportverein funktioniert 

"Sport und Integration mit TSV-West und Sportclub Piccolo"

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Kinder aus 30 Nationen tummeln sich auf dem Sportgelände des TSV West an der Cerveteristraße

Fürstenfeldbruck –  Der Brucker Fußballverein TSV West setzt bei der Integration von Kindern und Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Kreisstadt wichtige Impulse. Gewürdigt wurde das Engagement von der Stadt im Jahre 2012 mit der Verleihung des erstmals vergebenen Integrationspreises. Am 23. Juli berichtete West-Präsident Günter Eichinger im Rahmen der „Brucker Zeitgespräche" wie Integration bei dem kleinen Sportverein im Brucker Westen funktioniert.

 An dem Gespräch nahmen teil:   Der Vorsitzende des Sportbeirats und TuS-Präsident, Herbert Thoma (im Publikum),  sowie der Vorsitzende des Beistandsvereins türkischer Arbeitnehmer (BVTA), Duran Mizrak (im Publikum),  und die Stadträte Gabriele Fröhlich (SPD) und Jens Streifeneder (BBV). Eingeladen hatte  Dekan a. D. Ulrich Finke, der die Veranstaltung im Gemeindesaal der Gnadenkirche  moderierte. 

Dekan a. D. Ulrich Finke (li.) und West-Präsident Günter Eichinger

„Ich habe noch eine E-Mail an alle Vereine verschickt, um auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen“, hatte Thoma vergeblich auf mehr Resonanz gehofft. Ein Vertreter des Brucker Boxclubs Piccolo, der über die Integration aus seinem Verein berichten sollte, hatte abgesagt. Wegen anderer Verpflichtungen musste auch der Migrationsbeauftragte der Stadt, Stadtrat Willi Dräxler (BBV), seine Teilnahme absagen. Schon unter den 13 Gründungsmitgliedern im Jahre 1972 habe sich mit Yusuf Cicek ein türkischer Mitbürger befunden, berichtete Eichinger über die Anfänge des Sportclubs im Brucker Westen und den schwierigen Werdegang. „Da wurde uns die Integration bereits in die Wiege gelegt“, meinte Eichinger. 

Großen Zulauf ausländischer Kinder und Jugendlicher erhielt der TSV West erst, als der Verein aus dem Sportzentrum an der Klosterstraße in die Cerveteristraße in den Brucker Westen umzog. Jetzt hatten die Kinder aus dem bevölkerungsmäßig explodierenden Brucker Westen einen Sportverein direkt vor der Haustür. Zunächst noch in einem Bauwagen untergebracht, den der damalige SPD-Stadtrat Helmut Zierer den Westlern besorgt hatte, dann in der „TSV-Hütte“, die Vereinsmitglieder mit Unterstützung der Eltern und einem 25.000 Mark-Zuschuss der Stadt aus drei Bundeswehr-Feldhäusern errichteten, ließ sich der Zustrom nicht mehr aufhalten. Von den 320 Mitgliedern sind derzeit 161 Kinder und Jugendliche aus 30 verschiedenen Nationen. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern beträgt 40:60. Auch in der Vorstandschaft engagieren sich Ausländer. So stammt Eichingers Vertreter aus Usbekistan und der Jugendleiter sowie die zweite Kassiererin sind Spanier. Die elf Jugendmannschaften werden von Trainern aus Polen, Griechenland, Spanien, Dominikanische Republik, der Türkei und dem Kosovo betreut. 

Dass sich Kinder, Jugendliche und Eltern beim TSV West gleichermaßen wohlfühlen und selbst Freundschaften untereinander schließen, ist in erster Linie ein Verdienst des umtriebigen Präsidenten, der sich für nichts zu schade ist im Verein. Eichingers Engagement geht weit über das normale Maß eines ehrenamtlichen Funktionärs hinaus. Stolz berichtete er, dass er, vor allem bei seinem früheren Arbeitgeber, der Post, zehn Jugendlichen einen Job verschafft habe. Selbst Jugendlichen, die keinen Schulabschluss hatten, habe er Arbeit besorgt. „Sie haben bei mir im Wohnzimmer gelernt“, erzählte Eichinger. Sein Sohn Martin und seine Tochter Susi haben ihnen deutsch beigebracht. Aktuell habe sich ein erwachsener Kolumbianer, der im Asylcontainer in der Hasenheide wohnt, dem Verein angeschlossen. Ihn habe er beitragsfrei aufgenommen, Fußballschuhe gegeben und suche jetzt für ihn auch eine Arbeit, nachdem er eine Arbeitsgenehmigung erhalten habe. Der Verein habe im Landkreis lange Zeit einen schweren Stand gehabt, berichtete Eichinger.

 „Da kommen die Kanaken wieder“, 

wurden den Spielern auf den Dorfplätzen häufig Hassparolen entgegengerufen, insbesondere von den älteren Zuschauern. Das habe sich zwar gebessert, auch durch verschiedene Kampagnen des Fußballverbandes und der Installation eines Konfliktmanagers, aber so ganz abgestellt sind die Verunglimpfungen dennoch nicht. Proportional völlig untervertreten  seien  Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund im Verein. Das liege daran, dass der TSV ausschließlich ein Fußballclub sei, meinte Eichinger. „Nachdem unsere Frauen- und Mädchenabteilung 2007 geschlossen zum SCF wechselte, spielt nur ein türkisches Mädchen bei den Buben mit.“ „Wir haben keine Möglichkeit, eine eigene Jugend aufzubauen“, beklagte Präsident Mizrak die unbefriedigende Situation des türkischen Kreisstadtvereins BVTA. „Unsere Kinder sind hier geboren und wollen auch Fußball spielen.“ 

Eichinger riet ihm, bei einer Bürgerversammlung für seine Interessen zu kämpfen. So habe er sich damals Gehör verschafft. „Mir war das vorher nicht so klar, dass hier im Brucker Westen ein kleiner Verein ist, der in einem solchen hohen Maße Integration betreibt, mein Kompliment“, sagte Moderator Ulrich Finke, der zum letzten Mal ein Brucker Zeitgespräch moderierte. Nach 20 Jahren sei für ihn nun Schluss, er möchte ein wenig kürzer treten. Lob erhielt Eichinger für sein unermüdliches Engagement auch von Stadträtin Gabriele Fröhlich. „Das ist schon phantastisch, was der Verein leistet.“ Und Stadtrat Jens Streifeneder sagte: „Was sich draußen um den Westplatz herum abspielt, das ist schon bemerkenswert und das Besondere am TSV West.“ 

Dieter Metzler

 

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