Ötztaler Radmarathon:

Paarlauf am Timmelsjoch

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Ob kraftvoll berauf oder rasant bergab – Andrea und Josef Stegherr waren beim Ötztaler Radmarathon nicht nur am Timmelsjoch (Fotos) ein perfekt eingespieltes Rennrad-Paar.

Kinsau/Sölden – Das sind die Geschichten, die nur der Sport schreiben kann: Sie wollen den wohl härtesten Radmarathon der Welt gemeinsam bewältigen, starten weit im Vorfeld ein sehr intensives Trainingsprogramm und werden drei Monate vor dem Rennen durch einen schlimmen Unfall all ihrer Träume beraubt. Doch aufgeben kommt für Andrea Schwarz-Stegherr und Ehemann Dr. Josef Stegherr nicht in Frage. Kämpfen, kämpfen, kämpfen. Mit Erfolg. Erst zwei Wochen vor dem Ötztaler Radmarathon sind sie sich sicher: „Wir packen das!“

Der aus Altenstadt stammende Mediziner Dr. Josef Stegherr hat sich seit jeher dem Ausdauer­sport verschrieben, stieg dann vor zehn Jahren vom Moutain­bike aufs Rennrad um und ist fasziniert davon. Den Weg zu seiner HNO-Praxis in Landsberg legt der Kinsauer so oft wie möglich auf den schmalen Reifen zurück. Hinzu kommen schier unendlich viele Trainingskilometer, meist in den Bergen.

Da ließen die Teilnahmen an sogenannten Jedermann-Rennen (ohne Lizenzfahrer) nicht lange auf sich warten. Und auch die Erfolge. Beim Kaunertaler Gletscherkaiser etwa stand der heute 57-Jährige im letzten und vorletzten Jahr jeweils als Dritter seiner Altersklasse auf dem Podest, Top-10-Platzierungen gab es beim Dreiländer- und Arl­berg-Giro sowie Engadin-Radmarathon und Glocknerkönig. Den Ötztaler-Radmarathon mit Start und Ziel in Sölden nahm Josef Stegherr bereits sieben Mal in Angriff, wobei seine bisherige Bestzeit bei 8:28 Stunden liegt – für 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter.

Im vergangenen Jahr im Ötztal erstmals mit dabei war auch Ehefrau Andrea – allerdings nicht als Aktive, sondern als Zuschauerin. Doch das sollte sich schlagartig ändern. „Ich war von dieser Atmosphäre begeistert“, erinnert sie sich, „da wollte ich unbedingt dazu gehören.“ Auf dem Rennrad richtig sportlich unterwegs ist die 53-Jährige seit 2014. Sie liebt die Herausforderung und das ist stets das nächste Rennen. In ihrer Altersklasse ist sie regelmäßig auf dem Podium zu finden, allein im vergangenen Jahr acht Mal. Beim Amadè-Radmarathon und beim Alpencup sogar ganz oben.

Im Herbst vergangenen Jahres stand für die Stegherrs also fest: „Wir fahren den Ötztaler – gemeinsam!“ Dies bedeutete, dass Andrea, die ansonsten eher auf kürzeren Distanzen unterwegs ist, ihren Trainingsumfang steigern musste: mehr Kilometer, mehr Höhenmeter. Rund 9.000 und 90.000 stehen für dieses Jahr bisher auf ihrem Fahrradcomputer. Doch entgegen der urspünglichen Planung war die Kinsauerin zuletzt viel allein unterwegs.

Was war geschehen? Ende Mai verletzte sich Josef Stegherr bei einer Traingsausfahrt schwer. Ein Unwetter hatte eine Bordsteinkante überspült, der 57-Jährige stürzte und prallte mit der Hüfte an eine Betonmauer. Oberschenkelfraktur. Sechs Wochen keine Belastung mehr. War der Ötzi-Plan damit dahin? Weit gefehlt, bereits nach drei Wochen nahm Stegherr wieder leichtes Training auf dem Ergo­meter auf, dazu gab‘s eine speziell auf ihn zugeschnittene Ergotherapie. Anfang August saß er erstmals wieder auf dem Rennrad. Sukzessive steigerte er Umfang und Belastung. Und es lief richtig gut. „Das hat mich selbst überrascht“, sagt Stegherr auch mit Blick auf die letzten beiden Testfahrten Mitte August: erst aufs Timmelsjoch von der „leichten Seite“ (Sölden), dann über den Kühtaisattel. Jetzt stand endgültig fest: „Ich werde den Ötztaler mit Andrea fahren.“

Und das war der Plan für die (Tor)Tour über Kühtai, Brenner, Jaufen und Timmelsjoch: Das Rennen langsam angehen, die Ehefrau mit Wasser und Essen versorgen, um keine Zeit an den „Labestationen“ zu verlieren, und reichlich Körner für den Scharfrichter des Rennens aufbewahren – für das Timmelsjoch mit seinen knapp 1.800 Höhenmetern auf gut 30 Kilometern. „Mein Lieblingspass“, sagt Andrea, „es ist beeindruckend schön dort.“ Eine Zeit „in jedem Fall unter zehn Stunden“ hatten sich die Stegherrs für ihre Ötzi-Premiere vorgenommen, die Marschtabelle war auf 9:45 gestellt.

Doch abermals sollte alles anders kommen. Kurz vor der Jaufenpasshöhe, gut in der Zeit liegend, hatte Andrea einen Plattfuß. Der Albtraum. Hektik brach aus, denn die 53-Jährige fährt Schlauchreifen, die eingeklebt werden müssen. Und das dauert. „Wir dachten schon, der Ötztaler sei hier für uns zu Ende“, sagen die Beiden, doch beim Blick nach oben sehen sie die nächste Rad-Servicestation des Veran­stalters. Dort rüsteten die Helfer flugs ein Ersatz-Hinterrad um. Gut 20 Minuten Zeit und jede Menge Energie habe das gekostet. Der Zeitverlust war natürlich nicht mehr einzuholen, aber wenigstens ging es weiter. Überglücklich erreichten Andrea und Josef nach 10:07 Stunden das Ziel in Sölden.

Ohne Reifenpanne wäre die ambitionierte Rennradlerin aus Kinsau bei ihrer Ötzi-Premiere vermutlich auf dem Siegerpodest ihrer Altersklasse gestanden. Hätte, hätte... Fahrradkette. Jetzt heißt es für die Stegherrs den Blick nach vorne richten, auf den nächsten „Paarlauf am Timmelsjoch“ beim Ötztaler Radmarathon 2018.

Toni Schwaiger

12 erfolgreiche Ötzi-Teilnehmer aus dem Landkreis Landsberg

Landkreis/Sölden – Insgesamt zwölf Radsportler aus dem Landkreis Landsberg haben in diesem Jahr am 37. Ötztaler Radmarathon erflogreich teilgenommen. Der schnellste dabei war Marco Häussler aus Kaufering. Er legte die 238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,4 km/h zurück. Nachfolgend die Platzierungen.

• Marco Häussler, Kaufering, VfL Kaufering Triathlon, 8:32.11,2 Stunden, Gesamtrang 318, AK M1 179.

• Jörg Schm id, Apfeldorf, 8:40.36, 464/AK M1 247.

• Toni Schwaiger, KREISBOTE Landsberg, 9:06.23, 771/M2 93.

• Dr. Wolfram Riedel, Utting, 9:09.09, 801/M2 97.

• Alexander Graf, Reichling, MSC Reichling, 9:16.59, 907/AK 282.

• Christian Ohantel, Prittriching, RSC Mering, 9:27.35, 1063, M2 149.

• Mathias Förg, Kaufering, VfL Kaufering Triathlon, 9:34.52, 1193/M1 676.

• Alexander Iampieri, Landsberg, Raceteam Radleck Mering, 9:45.42, 1374/M1 776.

• Andrea Schwarz-Stegherr, Kins­au, 10:07.12, 72/M2 8.

• Josef Stegherr, Kinsau, 10:07.14, 1724/M2 321.

• Klaus Ram, Geltendorf, 10:47.12, 2316/M2 495.

• Andreas Ram, Geltendorf, 10:47.16, 2318/AK 490.

Der Schnellste aus dem Landkreis mit den beiden Ötzi-Newcomern zufrieden im Ziel: Marco Häussler sowie Mathias Förg (links) und Christian Ohantel (rechts).

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