»Es gibt Wichtigeres als Fußball!«

Der Ball ruht: Unmut beim TSV Landsberg

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Sebastian Gilg, Abteilungsleiter im TSV Landsberg.

München/Landsberg – Der Vorstand des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) hat beschlossen, die aktuell wegen der Covid-19-Pandemie unterbrochene Spielzeit 2019/20 im Freistaat bis zum 31. August auszusetzen und ab 1. September – wenn durch staatliche Vorgaben möglich – auf sportlichem Wege zu Ende zu bringen.

Laut der Mitteilung des Verbandes haben 2.178 Vereine (68,13%) dafür gestimmt und 1.019 (31,87%) dagegen. Die Abstimmungsbeteiligung lag bei 73,53%. BFV-Präsident Rainer Koch schrieb dazu: „Die Zeit ist nicht einfach, weil wir wissen, dass sämtliche Lösungen im Umgang mit dieser Saison Nebenwirkungen mit sich bringen. Natürlich auch unser Weg. Wir sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass das vorgeschlagene Modell unter Abwägung aller Fragen die bestmögliche Lösung darstellt.“

Umgehend schlugen die Wellen, vor allen Dingen in den sozialen Netzwerken, hoch und nicht immer waren die Äußerungen frei von Beleidigungen. Deshalb sah sich der Verband gezwungen, ein ausführliches Interview mit BFV-Geschäftsführer Jürgen Igelspacher online zu stellen, in dem er zu vielen Vorwürfen Stellung nahm. Auf die allgemeine Kritik reagierte er mit den folgenden Worten: „Ich habe wenig Verständnis für diejenigen, die unter dem Mantel der Anonymität in irgendwelchen Foren oder in den sozialen Netzwerken jetzt als Besserwisser auftreten und dabei auch noch beleidigend werden. Sie beleidigen damit nämlich auch alle eigenen Vereinsvertreter, die in einer sehr schweren Lage Verantwortung übernommen haben. Gegen etwas sein, ist eben sehr leicht. Sich konstruktiv für eine Lösung einsetzen, schon etwas schwieriger. Aber das ist kein Problem des Fußballs oder des Sports, das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die mir persönlich missfällt. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir keine andere Meinung gelten lassen. Im Gegenteil: Wir sollten uns nur argumentativ miteinander auseinandersetzen, nicht mit Beleidigungen hantieren. Und ich respektiere jede andere Meinung, weil es sicherlich auch dafür Gründe gibt.“

Im Wesentlichen entbrennen die Diskussionen um fünf große Themen: „Vereinswechsel“, „Spielbetrieb Erwachsene“, „Spielbetrieb Juniorinnen und Junioren“, „Meldungen und Fristen“ sowie „Einbettung in Regularien“. Hier sind viele Fragen offen und Jürgen Igelspacher versichert: „Wir wollen und werden Antworten liefern. Wir werden aber alles feinsäuberlich abarbeiten müssen und wir werden keine Was-Wäre-Wenn-Diskussionen in der Öffentlichkeit führen. Wir wollen mit unseren Antworten auch möglichst viele von denen überzeugen, die jetzt mit „Nein“ gestimmt haben. Wir wollen Lösungen, die der größtmöglichen Mehrheit unserer Vereine in ganz Bayern gerecht wird. “

Man darf gespannt sein, wie sich die Dinge in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln werden. Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im September ist im Moment noch Wunschdenken. Natürlich wird auch die Entscheidung über den Neustart der Bundesligen mit geplanten Geisterspielen eine gewisse Signalwirkung haben, die nicht zu unterschätzen ist.

Für den Abbruch

Was bedeutet diese Entscheidung nun konkret für die Verantwortlichen und Spieler beim TSV Landsberg? Der KREISBOTE hat nachgefragt.

Sebastian Gilg, Abteilungsleiter Fußball: „Ich habe auch mit abgestimmt und sage ganz offen, dass ich für Abbruch gestimmt habe. Ich versetze mich da mal in die Spieler. Wie soll das im Herbst denn gehen? Es stehen noch mindestens zwölf Spiele aus, die dann in englischen Wochen durchgezogen werden sollen!? Die Belastung für die Spieler wäre viel zu hoch. Und außerdem brauchen Spieler und Trainer mindestens fünf Wochen Vorbereitung. Dürfen wir die überhaupt machen?

Wie sollen die Spieler Beruf oder Studium und Fußball unter einen Hut bringen? Was machen wir, wenn Spieler sagen, dass sie im August weg sind oder Termine im September haben? Ganz zu schweigen von Spielern die den Verein wechseln wollen oder müssen. Das ist alles nicht zu Ende gedacht und wird den Wettbewerb erheblich verzerren. Natürlich hätte ein Saison­abbruch auch Probleme verursacht, vor allen Dingen bei Fragen nach Auf- und Abstieg.

Ich persönlich kann nun gar nicht viel machen, denn unter diesen Bedingungen kann ich weder Verträge verlängern, noch neue Spieler verpflichten. Mit der aktuellen Mannschaft liegen alle Gespräche auf Eis. Ich kann nur abwarten und versuchen, einen Plan B in der Tasche zu haben, wenn es wieder Planungssicherheit gibt. Wann die gegeben ist, kann mir allerdings niemand sagen.“

Sebastian Bonfert, Mannschaftskapitän: „Ich persönlich kann es nicht verstehen, dass der Fußball nun versucht, eine Extrawurst zu bekommen. Alle anderen Sportarten werden abgesagt, aber der Ball soll rollen. Einige Vereine wollen nun sogar den BFV verklagen, weil nicht gespielt wird. Unglaublich! Man hätte die Saison abbrechen sollen.

Ich gehe nicht davon aus, dass in diesem Jahr noch gekickt wird. Soll dann die Rückrunde im März 2021 ausgetragen werden? Dann sind doch die Mannschaften völlig anders zusammengesetzt und der Wettbewerb wird verzerrt.

Der Coach gibt uns wöchentliche individuelle Trainingspläne und ich versuche mich auch selbst fit zu halten. Natürlich fehlen mir die sozialen Kontakte zu den Mitspielern und die Gespräche in der Kabine. Einige bangen um ihren Job und sind in Kurzarbeit. Im Moment gibt es einfach wichtigeres als Fußball.“
Dietrich Limper

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