Eröffnungsfeier Fußball-EM

Warum Drummer Specki T.D. fliegen lernen musste

EM-Eröffnungsfeier - Trommlergruppe mit Specki T.D.
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Specki T.D. (6. von rechts) aus Landsberg in der ewigen Stadt bei den Proben zur Eröffnungsfeier der EM 2021.
  • Dietrich Limper
    VonDietrich Limper
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Landsberg/Rom/Berlin – Es darf getrost postuliert werden, dass es sich bei Florian „Specki T.D.“ Speckardt um einen der erfolgreichsten Musiker mit Wurzeln in Landsberg handelt. Seit elf Jahren sitzt er bei der Heavy Metal Band „In Extremo“ am Schlagzeug. Ihre Alben erklimmen regelmäßig die Spitze der deutschen Charts und ihre Touren führen sie durch ganz Europa und Russland bis nach Südamerika. Doch auch In Extremo wurden von den Auswirkungen der Corona-Pandemie böse erwischt: Das neue Album „Kompass zur Sonne“ sollte im letzten Jahr mit 60 Shows zu den Fans getragen werden, aber es wurde alles abgesagt. Stillstand. Und für den 42-jährigen Drummer begann das lange Warten auf Besserung.

Seit rund drei Jahren lebt Specki auf einem Trawler in Berlin und schippert über Seen und Flüsse. Die ersten Monaten gingen so noch erträglich vorbei, aber als ihm die Zeit zu lang wurde, rief er eine Kochsendung mit dem Titel „Herdbanger“ ins Leben, die im Internet gestreamt wurde. Gäste waren unter anderem Rammstein, The BossHoss, Doro Pesch und Knorkator. Gemeinsam wurden die Lieblingsgerichte der Stars gekocht, Musik gemacht und Specki konnte den Kollegen*innen im Gespräch am Herd so manches Geheimnis entlocken.

Ein voller Erfolg, aber immer noch kein Ersatz für die große Bühne. Aber die sollte Specki im Juni 2021 schließlich noch bekommen, denn er wurde Teil der Eröffnungsshow zur Fußball Europameisterschaft in Rom. Wie es dazu gekommen ist, hat er dem KREISBOTEN erzählt.

Die Ruhe vor dem Sturm. Der Landsberg Drummer Specki T.D. macht sich mit seinem Arbeitsplatz für die Eröffnungsfeier der Fußball-EM 2021 vertraut.

Ich gehe mal davon aus, dass irgendwann das Telefon geklingelt hat...

Specki: „Genau so war es. Am anderen Ende war der Chef der Eventagentur ‚Team Extreme‘, mit dem ich vor meiner Zeit bei In Extremo oft zusammengearbeitet habe. Ich hatte aber elf Jahre nichts mehr von ihm gehört, also dachte ich, er hätte sich verwählt. Dem war aber nicht so. Er fragte, ob ich Lust hätte bei der Eröffnungsfeier in Rom zu trommeln.“

Wahrscheinlich mussten Sie nicht lange überlegen.

Specki: „Ich habe ihn gefragt, ob ich danach das Spiel Italien gegen die Türkei im Stadion verfolgen dürfe. Er bejahte. Ich sagte zu. So schnell ging das. Ich hatte aber sowieso Lust, was zu machen, denn die ewige Rumsitzerei ging mir an die Nerven. Und außerdem bin ich Fußballfan.“

Wahrscheinlich gab es dann eine Menge zu organisieren...

Specki: „Die Kommunikation mit der UEFA und den Agenturen war uferlos. Sehr umfangreiche Verträge und Hygienebestimmungen. Es scheint der UEFA unendlich wichtig zu sein, eine Corona-gerechte EM auf die Beine zu stellen. Auch dass ich schon zweimal geimpft bin, interessierte vor Ort niemanden. Ich musste einen Test nach dem anderen machen und die Fieberpistole kam ebenfalls zum Einsatz. Schlechte PR musste um jeden Preis vermieden werden.“

Wann ging es dann in Rom endlich los?

Specki: „Am 7. Juni bin ich in Rom gelandet. An den folgenden zwei Tagen waren die Proben. Den 10. Juni hatte ich frei für Sightseeing, am 11. Juni war die Show.“

Und was genau mussten Sie bei der Show machen?

Specki: „Dass es in luftige Höhen gehen würde, war mir von Anfang an klar, denn Team Extreme macht nur solche verrückten Sachen. Ich war mit denen schon in Shanghai und habe einen Wolkenkratzer eingeweiht. In Rom sollte ich, gemeinsam mit elf weiteren Drummern, mit meiner Trommel in 36 Metern Höhe auf das Signal warten. Dann werde ich mit Fallgeschwindigkeit nach unten abgeseilt und muss dabei auch noch spielen. Und schon geht es wieder hoch und erneut runter.“

Das wurde wahrscheinlich ausgiebig geprobt.

Specki: „Am ersten Tag der Proben wurden die Musik und Choreographie einstudiert. Wir haben auch schicke Kostüme bekommen, die die UEFA maßgeschneidert anfertigen ließ. Am zweiten Tag ging es an die Seile, um sich an die G-Kräfte zu gewöhnen, die bei den rasanten Manövern auf den Körper wirkten. Ich kannte das zwar schon von früheren Shows, aber es ist immer wieder aufregend.“

Und schließlich kam der große Tag der Eröffnungsfeier. Hat alles geklappt?

Specki: „Ich wartete eine gefühlte Ewigkeit im Backstage-­Bereich und langsam stellte sich dann auch eine gewisse Nervosität ein. Ich hatte einen persönlichen Betreuer, der die Seile, Haken und alles andere überprüft hat. Wenn bei so einer Show ein Unglück passiert, ist die EM mehr oder weniger gelaufen. Es hat dann aber alles reibungslos geklappt. Wir haben viel Applaus bekommen.“

Konnten Sie viel von der Show sehen? Hat sie Ihnen gefallen?

Specki: „Ich fand sie live vor Ort fantastisch, aber nachdem ich nun eine Aufzeichnung gesehen habe, bin ich nicht mehr so begeistert. Da steht mit Andrea Bocelli ein Weltstar in der Arena und singt eine Arie. Muss man dabei wirklich virtuelle Gummi­bälle fliegen lassen? Hat das für die Show irgendeinen Mehrwert gebracht? Ich finde es einfach nur peinlich. Und als die Arie durchs weite Runde schallte, hing ich unter dem Stadiondach, während einen Meter über mir ein Feuerwerk gezündet wurde, wie ich es noch nicht erlebt habe.“

Der Gitarrist von U2, The Edge, wirkte auch etwas verloren in der Arena, als er Playback den EM-Song spielte.

Specki: „Ja, das war seltsam. Bono, der Sänger von U2, war gar nicht im Stadion, sondern nur ein Hologramm seines Kopfs. Sollte das die Message sein? Dass Künstler heutzutage gar nicht mehr gebraucht werden!? Es waren Menschen im Stadion, es herrschte große Euphorie und U2 hätten sicherlich gerne live gespielt. Also wenn diese Entwicklung Schule macht, sind wir wirklich auf dem Holzweg. Dieses Erlebnis hat die Freude doch ein wenig eingetrübt.“

Haben Sie sich das Spiel angeschaut?

Specki: „Ja klar, ich hatte einen Backstage-Pass und konnte mich frei bewegen. Ich habe mich also zu den italienischen Fans gesetzt, denn ich wollte endlich wieder unter Menschen sein, die sich freuen und feiern. Das hat mir in den letzten Monaten sehr gefehlt.“

Sehen Sie denn nun einen Hoffnungsschimmer? Kann In Extremo wieder auftreten?

Specki: „Wir spielen bald eine Show in Augsburg. Normalerweise würden wir dort vor 12.000 Fans spielen, es dürfen aber nur 3.000 kommen. Das ist noch nicht das Wahre. Ich gehe davon aus, dass wir im April 2022 wieder zur Normalität zurückkehren können.“

Wer wird Europameister und wie weit kommt Deutschland?

Specki: „Ich tippe auf Frankreich, die Burschen sind agil und flott unterwegs – auch wenn ich es Deutschland wünschen würde. Die eigentlichen Sieger aber sind die Leute, die wieder ins Stadion gehen dürfen! Es geht bergauf!“

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