Alexander Steffens vor der Gran Fondo-Rad-WM

Nur die "Defekthexe" kann ihn noch stoppen

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Sowohl im Zeitfahren (Foto) als auch beim Gran Fondo geht Alexander Steffens aus Dießen bei der Weltmeisterschaft in Varese an den Start.

Dießen – Der kommende Sonntag ist für Alexander Steffens ein ganz besonderer. Zum ersten Mal wird der ambitionierte Rennradsportler aus Dießen an einer Weltmeisterschaft teilnehmen – an den Gran Fondo World Championships im italienischen Varese. Augen für die herrliche Gegend und den Lago Maggiore wird er auf der wilden Hatz um das Regenbogen-Trikot indes nicht haben. Der KREISBOTE sprach mit dem 25-Jährigen unmittelbar vor seiner Abreise nach Italien.

Herr Steffens, gute Beine, schlechte Beine – wie ist das im Moment bei Ihnen?

Steffens: „Der letzte große Trainingsblock mit abschließenden Rennen beim ,Rund um Vor­arlberg‘ war sehr intensiv und anstrengend – da war ich schon sehr froh um die Ruhewoche, die ich diese Woche einlegen durfte. Jetzt fühlen sich meine Beine sehr gut an!“

Wie ist aus Ihrer Sicht die Vorbereitung auf die WM gelaufen?

Steffens: „Die Vorbereitungen auf die WM hätten eigentlich nicht besser laufen können. Ich hatte zwar Anfang Juli eine Trainingspause, um bei der Tour de France arbeiten zu können, konnte diese aber wunderbar in das Trainingsprogramm einfügen und sehr gut zur Regene­ration nutzen.“

Apropos Arbeit. Sport und Beruf – das muss man erst mal in Einklang bringen. Wie schaffen Sie das?

Radrennfahrer Alexander Steffens im WM-Trikot: „Wenn alles gut läuft, kann ich Weltmeister werden!“

Steffens: „Es ist nicht einfach, aber als Sport- und Fitnesskaufmann kann man sein Training schon ein wenig in die Arbeit einbauen. Ganz ohne Unterstützung würde es aber natürlich nicht funktionieren, über 20 Stunden in der Woche zu trainieren und vor allem zusätzlich noch die wichtige Zeit zur Regeneration zu finden. Deswegen bin ich überglücklich, dass mein Arbeitgeber, das Hardys in Greifenberg, mich in Form von Zeitsponsoring unterstützt und mir helfen will, meinen Traum zu verwirklichen. Außerdem bekomme ich eine großzügige Unterstützung der Firma TQ Systems hier in der Region, die es mir ermöglicht, meine Stundenanzahl zu reduzieren und mich so viel wie möglich auf das Training konzentrieren zu können. Das ist für mich die ideale Kombination.“

Erklären Sie unseren Lesern bitte in zwei, drei Sätzen, was sich hinter den Gran Fondo-Bewerben verbirgt. Mussten Sie sich für die WM qualifizieren?

Steffens: „Die ,UCI Gran Fondo World Series‘ ist eine Serie von Rennen überall auf der Welt, bei denen man sich durch einen Platz auf dem Podium in einem Rennen oder durch mehrere Top-Platzierungen für die Gran Fondo-Weltmeisterschaft am Ende der Saison qualifizieren kann. Dabei gibt es die Disziplinen Zeitfahren und Straßenradrennen (Gran Fondo). Beim Zeitfahren startet man alleine gegen die Uhr, mit einer speziellen aerodynamischen Zeitfahrausrüstung, die Stecke ist 22 Kilometer lang. Der Gran Fondo dann ist das klassische Straßenradrennen, bei dem alle gleichzeitig starten und über 100 Kilometer auf gesperrten Straßen zurücklegen.“

Sie haben ja in dieser Saison einige spektakuläre Erfolge eingefahren – welcher war denn der wichtigste für Sie und warum?

Steffens: „Der schönste und emotionalste Sieg war im Juni in Slowenien. Ich bin mit meinem Sieg in St. Tropez in Frankreich im April perfekt in die Saison gestartet, danach war aber wochenlang die ,Defekthexe‘ unterwegs und hat mich zum Verzweifeln gebracht. In Ljubljana lief dann wieder alles glatt, ich konnte meine volle Leistung abrufen und mich gegen ein hochbesetztes Feld durchsetzen. Da fiel dann mal alles an Emotionen ab und der Knoten war geplatzt. Seit Juni klappt nun alles und ich konnte jedes Rennen gewinnen, an dem ich teilnahm.“

Welche Strecke nehmen Sie in Varese in Angriff? Müssen Sie wieder viel klettern?

Steffens: „Leider habe ich in Varese bei der WM keine Streckenwahl. Für meine Altersklasse heißt es 130 Kilometer mit fünf längeren Anstiegen und fast 2.000 Höhenmetern zu überwinden. Da ist definitiv wieder Klettern angesagt.“

Bestimmt sind sie die WM-Strecke schon abgeradelt, oder kommt das erst noch?

Steffens: „Ja richtig, ich habe mir die Strecke letzte Woche schon zwei Tage lang ange­schaut und ich bin sehr froh darüber. Die typisch italienischen Straßenverhältnisse und die gefährlichen Abfahrten haben es in sich – je genauer man die Strecke und Gefahrenpunkte kennt, desto besser. Ich weiß jetzt, was auf mich zukommt, das war den Kurztrip nach Italien auf alle Fälle wert!“

Wie sieht Ihre Taktik aus? Einige Rennen haben Sie am Ende mit Solo-Fahrten entschieden...

Steffens: „Eine wirkliche Taktik gibt es nicht. Ich werde erstmal abwarten müssen, was die Kletterer am Berg für ein Tempo vorlegen und muss zunächst das Rennen beobachten. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, werde ich natürlich meine Chance nutzen, das Rennen vor dem letzten Berg zu entscheiden. Bei dieser Strecke kann ich leider nicht – wie es als Bergelefant meine Spezialität ist – durch mein Gewicht und meine spezielle Abfahrtstechnik mit Spitzengeschwindigkeiten um die 100 km/h in den Abfahrten allzu viel an Vorsprung herausholen, weil die Strecke zu gefährlich ist und ich einfach nicht zu viel riskieren möchte.“

Mit welchen Gegnern werden Sie es zu tun haben?

Steffens: „Bei der Weltmeisterschaft werde ich auf Gegner aus der ganzen Welt treffen, in meiner Altersklasse gibt es, glaube ich, sonst nur noch einen anderen Deutschen. Das Fiese ist, ich kenne ja nur die bekannten Fahrer aus Europa, wie beispielsweise den Italiener Tommaso Elettrico, der einer der bekanntesten und erfolgreichsten Gran Fondo-Fahrer und in Italien ein Star ist. Ein ehemaliger Profi, der beschlossen hat, sich aus dem Profigeschäft zurückzuziehen, um sein Geld mit seinen eigenen Sponsoren zu verdienen.“

Zu wissen, was auf der Strecke passiert, ist wichtig. Wird man bei der Gran Fondo-WM auch laufend informiert, so wie wir das von den Profis kennen?

Steffens: „So wie man es aus dem Fernsehen bei den großen Rennen, wie der Tour de France kennt, dass jedes Team mindestens zwei Teamfahrzeuge dabei hat, die Rückstände für jeden durchgegeben werden und ein Verpflegungsmotorrad mitfährt, wird es leider nicht geben. Bei der WM wird es voraussichtlich einen neutralen Servicewagen geben. Inwieweit dieser Rückstände durchgibt oder Verpflegung reicht, weiß ich leider nicht. Bei den bisherigen Rennen der UCI Gran Fondo World Series in dieser Saison hatte ich aber als Führender immer Glück und wurde aus dem Auto heraus verpflegt und informiert.“

Welche Chancen rechnen Sie sich bei der WM aus?

Steffens: „Beim Zeitfahren am Donnerstag (30. August) möchte ich eine Top-Ten-Platzierung schaffen. Das wäre für mich schon sensationell, vor allem wenn man weiß, dass die Jungs sich teilweise im Windkanal vorbereiten. Und was das Gran Fondo-Rennen am Sonntag (2. September) betrifft: Wenn an dem Tag alles gut läuft und ich meine volle Leistung abrufen kann, dann kann ich Weltmeister werden.“

Kommt für Sie eine Profi-Karriere noch infrage oder sind Sie schon zu alt dafür?

Steffens: „Das ist natürlich eine sehr berechtigte Frage, weil in Deutschland der Fokus natürlich eindeutig auf den U23-Fahrern liegt und ich mit 25 Jahren eigentlich schon aus dem Raster gefallen bin. Ich war nie in einem Kader oder in einem Förderprogramm und viele Profiteams nehmen grundsätzlich nur die Fahrer aus ihren eigenen Talentschmieden und Akademien in ihr Team auf. Aber andrerseits ist das auch mein Vorteil: Diese Jungs werden jahrelang getrimmt und sind mit 23 Jahren dann auf ihrem Peak, da ist danach dann nicht mehr viel rauszuholen.“

Und wie ist das bei Ihnen?

Steffens: „Ich hingegen kann noch an vielen Stellschrauben drehen. Ich bin überzeugt davon, dass ich es als Underdog mit Willen und Fleiß schaffen kann – vor allem wenn ich weiterhin so sensationell von meinem Trainer Sebastian Lang (vor genau zehn Jahren hatte er das Bergtrikot während der Tour de France an), meinen Sponsoren und vor allem auch von meiner Familie unterstützt werde, die mir den Rücken freihält und das nötige Verständnis für meinen Sport aufbringt.“

„Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen als man umgeworfen wird“, lautet Ihr Motto. Wurden Sie im Radsport schon einmal umgeworfen?

Steffens: „Verletzungen, Stürze, Rennabbrüche aufgrund von Materialschäden, verpatzte Ergebnisse durch Unsportlichkeit der Gegner – alles schon passiert. Vor allem meine Meniskusverletzung vor zwei Jahren, die mich eigentlich erst zum Radsport gebracht hat, hat mich anfangs sehr zurück- beziehungsweise umgeworfen. Ich konnte anfangs nicht mehr ohne Schmerzen Laufen und so entschied ich mich voll auf den Radsport zu konzentrieren. Und das war wohl gar keine schlechte Entscheidung wie die Ergebnisse dieser Saison zeigen. Das zeigt, dass solche Rückschläge auch immer was Gutes haben können, wenn man sich nicht unterkriegen lässt und das beste daraus macht. Sie machen teilweise sogar stärker!“

Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die WM!

Toni Schwaiger

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