Neues Radteam am Ammersee

Corona zum Trotz: Flucht nach vorn!

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Die „Flucht nach vorn“ liegt ihm besonders gut, nicht nur bei den UCI Granfondo World Series (Foto), sondern auch in Zeiten von Corono: Alexander Steffens (vorne).

Dießen – Der Sportler Alexander Steffens aus Dießen hat sich seit drei Jahren auf das Rennradfahren spezialisiert. Als Allrounder bestreitet er erfolgreich als Elite-Amateur sowohl nationale Lizenzrennen und Meisterschaften als auch internationale Radmarathons und die UCI Granfondo World Series. Der 27-Jährige wagt es trotz der aktuell sehr schwierigen Situation, gemeinsam mit rennradbegeisterten Freunden ein ambitioniertes Radteam am Ammersee zu gründen. Wie bei allen aktiven Sportlern macht ihm die derzeitige Corona-Krise einen Strich durch die Saison. Darüber und über das neue Team sprach der KREISBOTE mit dem gelernten Sport- und Fitnesskaufmann.

Wo wärst du jetzt gerade, wenn wir nicht die coronabedingten Beschränkungen hätten?

Steffens: „Ich wäre jetzt gerade auf der Fahrt zurück vom UCI Granfondo in der Bourgogne in Frankreich und unterwegs nach Frankfurt-Eschborn. Dort hätte am 1. Mai der Radklassiker der Velotour stattgefunden. Von dort aus wäre ich dann direkt weitergefahren in Richtung Luxemburg zu einer weiteren Station der UCI Granfondo World-Series. Auf dieses Wochenende im Mai hatte ich mich besonders gefreut. Meine persönliche Challenge war, drei Rennen an einem Wochenende zu fahren: Freitag den Granfondo in Luxemburg, Samstag das Crit am Nürburgring und am Sonntag dann noch den Stop des German Cycling-Cups in Leipzig. Aber das hat sich ja jetzt leider alles erledigt, alle Rennen wurden bis Ende August abgesagt.“

Welche Rennabsage der Saison schmerzt am meisten?

Steffens: „Ganz klar tut es mir am meisten leid um das Zeitfahren und den Granfondo Anfang Juni in Ljubljana. Dort hatte ich vor zwei Jahren meinen

Kopf des neuen AS Cycling Teams: Alexander Steffen.

großen Durchbruch. Es ist auch irgendwie die Schicksalstadt meiner Radkarriere. Dort habe ich die Höhen und Tiefen eines Sportler­lebens erlebt, wie an keinem anderen Ort. “

Warum das denn?

Steffens: „Vor zwei Jahren dieser fulminante Sieg auf der Granfondo-Strecke mit Landesrekord und mit tollen Erinnerungen an super Organisatoren und unglaublich nette Leute. Letztes Jahr war ich dann zwei Monate dort als Stagiaire bei einem Profiteam. Hat alles super geklappt und dann hatte ich im Oktober zum Abschluss meiner Stagiaire-­Zeit einen sehr schlimmen Rad­unfall und war wochenlang auf der Intensivstation in der Universitätsklinik in Ljubljana. Ich wusste lange nicht, ob ich jemals wieder Radfahren kann.“

Für alle Nicht-Radler: Was ist denn ein Stagiaire?

Steffens: „Als Stagiaire wird im Profi-Radsport ein Radrennfahrer bezeichnet, der als Gastfahrer bereits vor Vertragsunter­zeichnung mit dem Team trainiert und an Radrennen teilnimmt.“

Was wären deine Ziele für diese Saison gewesen?

Steffens: „Zunächst einmal, dass ich überhaupt wieder Radfahren und zu alter Form zurückkommen kann; das hat bisher ganz gut geklappt, ich kann schon wieder ohne Einschränkung meine Trainingsstrecken ballern (grinst). Und dann natürlich, ganz klar, endlich diesen Profivertrag zu bekommen.Mit vielen kleinen Zwischenzielen über die Saison verteilt natürlich.“

Die da wären?

Steffens: „Ich hatte mir zum Beispiel vorgenommen, im August meinen Trainer Matthias Nothegger, unter anderem Gewinner der Ötztaler Radmarathons, beim Highlander Radmarathon am Vorarlberg zu besiegen. Aber jetzt sind die Rennen ja alle definitiv bis Ende August abgesagt und ich hoffe einfach, dass wenigstens im Herbst noch was klappt. Im September wäre die UCI Granfondo-Weltmeisterschaft in Vancouver. Es wäre sensationell, wenn die wirklich stattfinden könnte. Wie andere Sportler auch fiebere ich hier der Entscheidung entgegen, ob die Weltlage das zu diesem Zeitpunkt zulassen wird oder nicht. Wenn ja, wäre ein Podium bei der WM natürlich ein weiteres Ziel der Saison gewesen...“

Wie hältst du trotz all der Absagen deine Motivation zum Training aufrecht?

Steffens: „Ich bin 27 Jahre alt. Da ist es im Radsport ja generell nicht einfach. Jetzt oder nie. Ich muss die Flucht nach vorne ergreifen, genauso wie ich es in meinen besten Rennen bisher gemacht habe, mich fokussieren auf mein großes Ziel.

Ganz ehrlich, es kann nicht sein, dass so ein Virus uns kleinkriegt. Jetzt müssen wir erst recht aktiv werden; zum Glück ist ja das Radfahren möglich, deswegen darf ich mich gar nicht beschweren, für andere Sportler ist es doch noch viel mühsamer. Jetzt dranzubleiben ist entscheidend. Diese Saison wird über viele Sportlerkarrieren entscheiden. Wer mental nicht mithalten kann, ist raus.“

Ist das auch der Grund, dass du gerade jetzt das AS Cycling Team gegründet hast?

Steffens: „Die Idee dazu hatte ich gemeinsam mit meinen Freunden Christian Hackl und Christoph Drewes schon länger. Die beiden sind sehr ambitionierte Radfahrer mit viel Wettkampf- und Trainererfahrung. Alleine hätte ich das natürlich nicht gemacht, aber gemeinsame Ideen umzusetzen und dann auch dran zu bleiben ist ja auch irgendwie der Sinn eines jeden Teams.

Aber um die Frage zu beantworten: Ja, es ist definitiv Corona daran schuld, dass wir uns jetzt so reingekniet haben, das Projekt schnell voranzubringen, Sponsoren zu suchen etc. Jeder musste mitmachen, sogar mein Vater, der ist der Kassenwart (lacht). Wir wollen genau jetzt in dieser verrückten Zeit den Leuten eine Perspektive bieten. Radfahren geht einfach immer, seit gut einer Woche ja sogar schon zu zweit.“

War es nicht schwierig, Sponsoren zu finden – gerade jetzt in dieser ungewissen Lage?

Steffens: „Wir haben großartige regionale Sponsoren, wie unseren Hauptsponsor TQ und die Hardy’s Fitness-Studios, die sind von unserer Idee überzeugt, haben keinen Rückzieher gemacht und unterstützen uns trotz der Ungewissheit. Und auch internationale Radmarken helfen uns mit Produktsponsoring, wir sind selber überrascht, wie sehr alle hinter uns stehen.“

Was wollt ihr denn mit eurem Team erreichen?

Steffens: „Der Verein soll die Menschen zum Sport bringen, ganz egal ob jung oder alt oder mit körperlicher Beeinträchtigung. Der Verein soll die Leute gerade jetzt zusammenbringen, um gemeinsam Rad zu fahren. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand gerade anfängt oder schon Halbprofi ist, ob er auf dem Rennrad sitzt, Mountain Bike fährt oder mit dem Handbike unterwegs ist. Der Spaß, das gemeinsame Erleben und die Leidenschaft des Radfahrens zu teilen, stehen im Vorder­grund. Und wenn dann mal ein paar Mitglieder gemeinsam zu einem Rennen fahren ist das dann halt noch das Sahnehäubchen obendrauf. Ziel des Vereins ist es, Menschen rund um den Ammersee zum Radfah­ren und zur gemeinsamen Bewegung zu animieren und motivieren.“

Ist es nicht schwierig, genau jetzt Mitglieder anzusprechen, wo die Menschen lieber zuhause bleiben?

Steffens: „Das Virus hat derzeit die gesamte Menschheit fest im Griff. Warum sollte man dann die Sache nicht auch positiv sehen: Das Virus Sport kann doch genauso ansteckend sein. Ich finde, gerade jetzt ist es wichtig, den Leuten Ideen und Perspektiven zu bieten. Radfahren geht eigentlich in jeder Krise, das sehen wir doch gerade im Augenblick auf unseren Straßen. Und man kriegt wunderbar den Kopf frei.“

Aufgrund der derzeitigen Einschränkungen ist ein gemeinsames Training gar nicht möglich; wie löst ihr diese besondere Herausforderung denn?

Steffens: „Ja das stimmt. Wie in den meisten Bereichen des täglichen Lebens während der Corona-Krise müssen wir auf die technischen Möglichkeiten zurückgreifen. Einmal in der Woche zum Beispiel, jeden Mittwochabend, treffen wir uns virtuell auf einer Online-Trainingsplattform. Da kann übrigens auch gerne jeder mitmachen, der nicht bei uns im Team ist. Je mehr Leute gemeinsam fahren, desto mehr Spaß macht es doch.“

Geht es im Rahmen des Erlaubten auch mal gemeinsam auf die Straße?

Steffens: „Natürlich. Ich stelle jeden Sonntagabend in unserem Team-Chat eine bestimmte Trainingsstrecke online. Ich versuche sie so zu wählen, dass für jeden mal was dabei ist. Mal eine Sprintstrecke, mal was für die Bergziegen den Andechser Berg hoch (lacht). Wer möchte, hat dann eine Woche lang Zeit, die Strecke abzufahren und ich habe gemerkt, wie sehr das unsere Mitglieder tatsächlich motiviert, sich mit den anderen zu messen und ihre Bestleistungen zu geben. „

Wie seid ihr als Verein denn erreichbar, wenn ich jetzt oder nach der Krise mal bei euch mitfahren will?

Steffens: „Jeder ist willkommen, auch, wenn jemand mal nur Lust hat, gemeinsam mit Anderen um den See zu fahren, kann er sich uns natürlich jederzeit unverbindlich anschließen – sofern das im Rahmen der Ausgangsbeschränkung erlaubt ist. Man kann uns direkt auf der Straße ansprechen, wir haben ja jetzt tolle Trikots, an denen man uns erkennen kann. Oder natürlich über unsere Social-Media-Kanäle.“

Und nach der Krise?

Steffens: „Wenn dann alles wieder normal läuft, wird jeden Mittwochabend und Samstagvormittag ein offenes Team-Training stattfinden. Da kann und darf man sich jederzeit mal unverbindlich anschließen. Auch wenn das jetzt gerade im Moment nicht möglich ist: Irgendwann werden wir wieder alle gemeinsam fahren können. Und dann sind wir bereit.“

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