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Interview mit einem Riesen

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Von: Thomas Ernstberger

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Chris Welp - Basketball-EM 1993
So jubelte der Matchwinner: Chris Welp nach dem Gewinn des EM-Titels 1993. © DBB

Die Basketball-Europameisterschaft ging am Sonntag zu Ende. Und die deutsche Mannschaft zog sich mit Rang 3 mehr als achtbar aus der Affäre. Eine Basketball-EM in Deutschland – da kamen viele Erinnerungen hoch. An 1993, an mein erstes „Großereignis“ als Sportreporter, an das erste Turnier, bei dem ich am Ende deutsche Europameister interviewen durfte. Und das alles völlig überraschend.

Ich weiß es noch genau. Ich war damals, im Juli vor 29 Jahren, gerade relativ neu in der Sportredaktion einer großen Münchner Zeitung. Die EM-­Endrunde hatte, obwohl sie in München stattfand, keiner so richtig auf der Rechnung. War ja kein Fußball. „Wir zerreißen da eh nichts. Aber geh‘ doch mal hin“, wurde mir vom Chef keine zwei Stunden vor dem Viertelfinalspiel der deutschen Mannschaft in der Olympiahalle gegen Spanien aufgetragen. Wir hatten nicht einmal das früher in Stadien und Sporthallen obligatorische „Platz-Telefon“ (damals hatte noch kaum jemand ein Handy), geschweige denn frühzeitig eine Akkreditierung beantragt. Aber in den 90er Jahren ließ sich so ein Problem noch ganz kurzfristig und unbürokratisch lösen.

Da saß ich dann also auf der Pressetribüne und sollte über eine Sportart berichten, die – zugegebenermaßen – nicht unbedingt zu meinen Spezialgebieten gehörte. War dann aber irgendwann völlig egal: Sieg „unserer Riesen“ im Viertelfinale, Sieg im Halbfinale gegen Griechenland. Aus uns Reportern waren längst Fans geworden. Als Chris Welp dann im Endspiel beim 71:70 gegen Russland drei Sekunden vor Schluss mit einem Freiwurf kurz vor 23 Uhr den entscheidenden Punkt zum Titelgewinn machte, hielt auch uns nichts und niemand mehr auf der Pressetribüne. Rüber über die Bande und mitten rein ins Getümmel, wo die frischgebackenen Europa­meister gerade ausgelassen ihren sensationellen Sieg feierten. So viel zum Thema „Da zerreißen wir eh‘ nichts…“

Kleines Problem: Ich musste ja noch arbeiten und, da der Redaktionsschluss immer näher rückte, so schnell wie möglich die „Stimmen“ der EM-Helden einfangen. Das gelang mitten auf dem Spielfeld und unter den Körben. Unvergessen: Mein Siegerinterview mit Matchwinner Welp, der keineswegs sofort in der Kabine verschwand, sondern sich tatsächlich kurz Zeit für den Reporter nahm. Ein denkwürdiges Gespräch mit einem Sportler, zu dem ich – zum Glück mit Handy bewaffnet und so direkt mit der Redaktion verbunden – im wahrsten Sinn des Wortes aufschaute. Denn der Basketball-Riese war 2,13 Meter groß – und damit satte 42 Zentimeter größer als ich. Und in der Halle tobte der Bär, man verstand sein eigenes Wort fast nicht. Am nächsten Tag musste ich dann alle deutschen „Helden“ ausführlich vorstellen. Nach exakt drei Spielen war ich der Basketball-„Experte“…

Traurig: (Mein) „Held Welp“, der 1993 zum „wertvollsten Spieler des Turniers“ gewählt wurde, verstarb am 1. März 2015 mit nur 51 Jahren in seinem amerikanischen Ferienhaus in der Nähe von Seattle an den Folgen eines Herzinfarkts. Immer, wenn Basketball im Fernsehen kommt, muss ich an den „Riesen“ und mein Münchner EM-„Abenteuer“ denken.

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