Auf der Siegerstrecke

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Bei der Sportlerehrung in Landsberg beeindruckte Paralympics-Sieger Wolfgang Sacher die Zuhörer.

Landsberg – Ob 50 Jahre Funktionär im Schützenverein oder deutsche Meisterschaft im Rock´n´Roll oder bei den Cheerleadern – im frisch sanierten Sportzentrum ehrten Oberbürgermeister Mathias Neuner und Sportreferentin Ursula Schaller über 100 Bürger. Gastredner war Paralympics-Sieger Wolfgang Sacher.

Neuner würdigte den Sport als „Säule der Gesellschaft“, die ohne Helfer, Ehrenamtsträger und Eltern nicht möglich sei und wesentlich zum Leben in Landsberg beitrage. Ein Star des Abends war allerdings auch Wolfgang Sacher: Der 46-jährige Gastredner aus Penzberg gab einen beeindruckenden Abriss seiner Karriere als Behindertensportler. Sachers Karriere begann mit einer Unbedachtheit. Als 16-Jähriger geriet er beim Herumstreunen mit Freunden auf einem Güterbahnhof mit einem Arm in das Spannungsfeld einer 16kV-Leitung und starb dabei um ein Haar. Der linke Arm musste genauso amputiert werden wie die Zehen am rechten Fuß, der linke wurde versteift. 

Insgesamt 17 Monate lang lag Sacher in diversen Krankenhäusern. „Das war eine schwere Zeit, wenn man sieht, wie draußen die Jahreszeiten vorbei ziehen. Zum Schluss war ich schon mit dem Hausmeister per du.“ Danach hatte er zunächst Glück: Bei der Stadt Penzberg konnte er eine Lehrstelle antreten („weil der Wiggerl Kögel aufgehört hat, als er seinen ersten Profivertrag bekommen hat“).

Zunächst der Liebe wegen legte er danach einen erheblichen Ehrgeiz an den Tag: 25 Kilo nahm Sacher ab, heiratete, arbeitete sich in der Verwaltung immer weiter hoch (heute ist er Kämmerer und Werksleiter) und stieg schließlich aufs Rad. Die Disziplin, die er danach an den Tag legte, erstaunte nach seinem Vortrag sichtlich auch viele Zuhörer in der Landsberger Sporthalle. „Ich hab' mein Auto abgemeldet und bin jeden Tag mit dem Rad in die Arbeit nach Schäftlarn gefahren. Das sind 38 Kilometer einfach."

Immer weiter nach oben arbeitete sich Sacher, ließ sich von vielen Stürzen, Knochenbrüchen und anderen Verletzungen nicht beirren und schaffte es nicht nur zu Medaillen bei der Behinderten-WM („mit 38, als Newcomer“), sondern auch letztlich zu mehrfach olympischem Edelmetall in Peking. Die Risiken, die der zweifache Familienvater dafür zuvor in Kauf nahm, würde er inzwischen so nicht mehr eingehen, wie er sagt. Bei der „Transalp 2007“ etwa erreichte er trotz seiner Behinderung den 22. Platz unter 600 Teams, der Preis war aber hoch: „1000 Kilometer, 22000 Höhenmeter, Stilfserjoch, Timmelsjoch, alles dabei. Am ersten Tag hat´s mich geschmissen, am zweiten auch, weitergefahren bin ich trotzdem und vom Kühtai mit 100 Stundenkilomtern runter. Das würde ich heute so nicht mehr machen.“

Trotz seines Engagements hat Sacher seine größten Erfolge auch seiner direkten Art zu verdanken. 90 Euro pro Monat bekam er 2008 von der Sporthilfe, „dann hab´ ich da mal angerufen und gefragt, wann die 25000 Euro für den WM-Titel kommen.“ Die seien im Behindertensport nicht vorgesehen, beschied man ihm – ein Unternehmer las das in der Presse und sponserte den Penzberger fortan. Ein Glücksfall, Sacher konnte im Winter in Namibia und Florida trainieren, „25000 Kilometer in neun Monaten sind normal.“

Nach einem 6. und 11. Platz bei den Paralympics in London hat er die aktive Karriere beendet, hat seine Geschichte in einem Buch niedergeschrieben und tourt seitdem viel bei Veranstaltungen und auch durch Schulen und Kinderkliniken. Wie beeindruckend seine Auftritte sind, bekam Sacher schon am Telefon von einer Rektorin mitgeteilt, wie er sich erinnert. „Die hat mich angerufen und gesagt: Sie wissen gar nicht, was sie angestellt haben. Seit 14 Tagen versuchen die Schüler auf dem Pausenhof, sich die Schuhe mit einer Hand zu binden.“ Sachers Fazit, das die Landsberger Sportler mit viel Beifall würdigten: „Inklusion ist ein großes Wort, das man aber auch leben muss.“

Christoph Kruse

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